Die Wirtschaftsglosse "Lauter! Laauuuutääääa!!!"

Das Erste Deutsche Fernsehen hat eine bahnbrechende Veränderung angekündigt. Die Entscheidung dazu ist dem Senderverbund am Ende des Tages weiß Gott nicht leicht gefallen.
ARD-Aushängeschild Günther Jauch: Für manche Entscheidung brauchen die Gremien etwas länger

ARD-Aushängeschild Günther Jauch: Für manche Entscheidung brauchen die Gremien etwas länger

Foto: dapd

ARD und ZDF kündigten gestern eine kleine Revolution an: Das Werbefernsehen wird in Relation zum übrigen Programm künftig leiser ausgestrahlt. Im Ersten schon ab Januar 2012, im ZDF wohl später. Hintergrund, so teilte ein ARD-Sprecher mit, seien Beschwerden von Zuschauern sowie Richtlinien der Europäischen Rundfunkunion (EBU).

Hallo? Beschwerden von ARD-Zuschauern über zu lautes Fernsehen? Wohl eher von Nachbarn von ARD-Zuschauern.

Und Richtlinien der Europäischen Rundfunkunion? Welche Richtlinien können das wohl sein?

Nach Recherchen von manager magazin Online handelt es sich um EBU-Beschlüsse von 1953, die vom öffentlich-rechtlichen Apparat wie immer zügig umgesetzt wurden. Die Papiere wurden unmittelbar nach ihrer Verabschiedung den Landesrundfunkanstalten zugeleitet. Dort verbrachten sie je nach Bundesland zunächst zwischen sieben und elf Jahren auf dem hausinternen Postwege.

ARD-Archivaren zufolge haben die Intendanten der Landesrundfunkanstalten dann erstmals 1965 oder 66 auf einer turnusmäßigen Arbeitssitzung über die Angelegenheit gesprochen. Wegen der Komplexität wurde sie jedoch in einen Ausschuss verwiesen. Zwischen 1971 und 1979 beherrschte die Frage die Diskussion, ob wegen der Lautstärke des Werbefernsehens der Rundfunkstaatsvertrag geändert werden müsse, oder nur der ARD-Staatsvertrag. 1977 kam es dabei zum Eklat auf einer ARD-Mitgliederversammlung, als Intendant Günther J. (Name der Redaktion bekannt) mitten in der Diskussion sein Hörgerät auf den Tisch knallte und den Saal verließ.

1989 stand eine Entscheidung kurz bevor, doch der ARD-Vorsitzende, seinerzeit Hartwig Kelm vom Hessischen Rundfunk (HR), erhob in letzter Minute Einspruch, weil er erst die Entwicklung in der DDR abwarten wollte.

Zwischen 1997 und 2002 schließlich führte die Debatte über die Lautstärke der Werbespots zu den bislang größten Verwerfungen innerhalb der Sendergruppe: Ein Vorschlag des Vorsitzenden des Beschlussgremiums vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) stieß auf Widerstand in der Verwaltungsdirektion des Südwestrundfunks (SWR), woraufhin die Intendanten von Bayerischem Rundfunk (BR) und Norddeutschem Rundfunk (NDR) sowie der Rundfunkrat des HR ihr Veto ankündigten. Saarländischer Rundfunk (SR), Radio Bremen (RB), Mitteldeutscher Rundfunk (MDR) und Deutsche Welle (DW) machten schließlich einen gemeinsamen Gegenvorschlag, der jedoch von der Gremienvorsitzendenkonferenz (GVK) abgelehnt wurde.

Ein klein wenig verwundert es daher schon, dass jetzt doch eine Entscheidung getroffen wurde. Die Leidtragenden dürften allerdings, wie so oft beim Fernsehen, die Zuschauer sein, namentlich jene der ARD. In Puschen und Strickjacke sitzen sie künftig wieder vorne auf der Sofakante, fuchteln mit der Fernsteuerung Richtung TV-Gerät und rufen: "Lauter! Laauuuutääääa!!!"


P.S.: Die tatsächliche Frage nach den EBU-Richtlinien, die der Senkung der Lautstärke des Werbefernsehens zugrunde liegen, beantwortet die ARD so:

"Auf internationaler Ebene haben Wissenschaftler und Fachkräfte der ITU (International Telecommunication Unit, Genf) mehrere Jahre lang in sehr umfangreichen Tests unterschiedlichste Verfahren zur Messung von Lautheit analysiert. Die Ergebnisse wurden schließlich 2007 in einem internationalen Standard zusammengefasst, auf dessen Basis es erstmals möglich war, Lautheitsmessgeräte zu entwickeln. Ergänzend zu diesem weltweit festgelegten Lautheitsstandard ("ITU-R BS.1770") hat die EBU (European Broadcasting Union) in der EBU-Richtlinie "EBU R 128" Werkzeuge zur Umsetzung des Verfahrens sowie Aussteuerungsempfehlungen beschrieben."

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