Neue Regierung unter Mario Monti Italiens Hoffnungen ruhen auf dem Norden

Schlawiner Berlusconi geht, Fachmann Monti kommt - und dennoch ist an den Finanzmärkten das Vertrauen in Italien noch nicht zurückgekehrt. Das Land wird als nächster Wackelkandidat gehandelt. Dabei unterscheidet sich die wirtschaftliche Situation wesentlich von anderen Schuldenstaaten.
Künftiger italienischer Ministerpräsident: Mario Monti muss schnell handeln

Künftiger italienischer Ministerpräsident: Mario Monti muss schnell handeln

Foto: Claudio Onorati/ dpa

Hamburg - Nun ist es offiziell: Mario Monti wird an der Spitze einer Übergangsregierung für Italien stehen, bestehend aus Fachleuten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung. Monti selbst wird nicht nur Ministerpräsident, sondern auch Wirtschaftsminister Italiens, erklärte er am Mittwoch nach Gesprächen mit Staatsoberhaupt Giorgio Napolitano.

Gleichzeitig ging es auch am Mittwoch an den Anleihenmärkten weiter hoch her. Die Papiere gleich mehrerer Länder standen unter Druck, die Kurse fielen, die Renditen stiegen. Unter den Betroffenen erneut: Italien.

Obwohl die Ära des langjährigen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi vorbei ist, trauen die Investoren dem Land derzeit wenig zu. Auch die Aussicht auf eine fachlich versierte Übergangsregierung unter dem ehemaligen EU-Kommissar Monti scheint daran nicht viel zu ändern. Die Zinsen zehnjähriger italienischer Anleihen stiegen am Dienstag und Mittwoch zeitweise wieder auf mehr als 7 Prozent. Neben spanischen und portugiesischen Staatsanleihen kaufte die Europäische Zentralbank (EZB) erneut auch italienische Papiere, um deren Kurse zu stützen.

Die Gründe für die Vorbehalte der Investoren sind klar: Italien verfügt mit etwa 120 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) über einen der höchsten Schuldenberge Europas. In absoluten Zahlen heißt das: Italien hat Schulden in Höhe von rund 1,9 Billionen Euro. Und unter Berlusconi wurden nach Ansicht vieler Beobachter lediglich halbherzige Anstrengungen unternommen, daran etwas zu ändern.

Starker Abschwung, schwacher Aufschwung

Fatal ist das vor allem für den italienischen Finanzsektor, der einen großen Teil dieser Schulden trägt. Staatspapiere im Volumen von fast 150 Milliarden Euro lagern derzeit in den Depots der Institute. Kein Wunder also, dass deren Aktienkurse seit einiger Zeit gehörig unter Druck stehen.

Das ist allerdings noch nicht alles: Auch die italienische Wirtschaft befindet sich zum Großteil in einem unerfreulichen Zustand. "Schwaches Wachstum, geringe Beschäftigungsquote, Alterung der Gesellschaft: Die Schwachpunkte, die die europäische Kommission der europäischen Wirtschaft zuschreibt, sind in Italien in besonderem Maße sichtbar", sagte kürzlich der neue EZB-Präsident Mario Draghi.

Tatsächlich erweist sich die Volkswirtschaft auf der Apennin-Halbinsel gerade in schwachen Zeiten als anfällig - während sie in Aufschwungphasen Mühe hat, zuzulegen. So ließ die jüngste Rezession das BIP Italiens um 6,3 Prozent einbrechen, während im EU-Schnitt lediglich ein Minus von 3,5 Prozent zu Buche stand.

Das international starke Jahr 2010 dagegen schloss Italiens Wirtschaft lediglich mit einem Plus von 1,3 Prozent ab. Im laufenden Jahr wird mit einem Zuwachs von nur einem Prozent gerechnet. In den vergangenen zehn Jahren, von denen Berlusconi acht regiert hat, ist das BIP pro Kopf von 118 Prozent auf 100 Prozent des EU-Schnitts gefallen, rechnete kürzlich die "NZZ" mit Verweis auf Daten von Eurostat vor.

Schwacher Süden, starker Norden

Es gibt also genug Argumente dagegen, dass das Land seine Probleme künftig wird besser bewältigen können, als in der Vergangenheit. Italien deshalb bereits abzuschreiben, wäre aber wohl weit gefehlt. Denn das Land weist trotz allem deutliche Unterschiede zu anderen Problemstaaten wie etwa Griechenland oder Portugal auf.

Beispiel Verschuldung: Der italienische Staat steckt zwar tief in den roten Zahlen, der Privatsektor dagegen steht jedoch recht solide da. Die Verschuldung der Privathaushalte etwa beträgt lediglich rund 50 Prozent des BIP. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 60 Prozent, in Griechenland 71 Prozent und in Portugal sogar 106 Prozent.

Diese finanzielle Solidität tritt zum Beispiel am Immobilienmarkt zu Tage. Die Wohneigentumsquote Italiens von mehr als 80 Prozent liegt weit über jener hierzulande (43 Prozent). Die Italiener bewegen sich vielmehr auf einem Niveau mit den Spaniern, den Iren und den Briten. Die Exzesse, die es in diesen Ländern vor der Finanzkrise auf den Immobilienmärkten gab, und die zum Platzen gewaltiger Spekulationsblasen mit den bekannten Folgen für den gesellschaftlichen Wohlstand geführt haben, haben jedoch in Italien nie stattgefunden.

Zweites Beispiel: Die Wirtschaftsstruktur. In kaum einem anderen Land gibt es derartige regionale Unterschiede, wie sie in Italien mit dem Begriff "Nord-Süd-Gefälle" zum Ausdruck gebracht werden. Vor allem der Süden des Landes ist strukturschwach und bestimmt die mäßige Gesamtperformance der italienischen Volkswirtschaft. Im Norden dagegen sieht es ganz anders aus.

Italienische Label mit Weltruf

Dort sitzen zahlreiche kerngesunde Unternehmen mit starken Positionen auf den Weltmärkten. Insbesondere im Maschinenbau, im Mode- und Luxusgüterbereich sowie bei Nahrungsmitteln genießen italienische Label wie Dolce & Gabana, Gucci, Benetton und Barilla weltweit nach wie vor einen guten Ruf. Von automobilen Träumen wie Ferrari ganz zu schweigen.

Die Folge: Gemessen am Pro-Kopf-Einkommen spielt Norditalien im europäischen Vergleich ganz vorne mit. "Italien hat vor allem im Norden des Landes eine starke industrielle Basis mit international wettbewerbsfähigen Unternehmen und qualitativ hochwertigen Produkten", sagt auch Klaus-Jürgen Gern, Volkswirt vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. "In den vergangenen Jahren gingen zwar im internationalen Vergleich Marktanteile verloren, weil die italienischen Firmen den Aufschwung in den Schwellenländern Asiens ein wenig verpasst haben. Viele Unternehmen besitzen aber nach wie vor eine starke Position mit hoher Marktmacht."

Gerns Ausblick fällt daher nicht allzu pessimistisch aus. "Die neue Regierung muss nun rasch handeln", sagt er. "Es gilt Ausgaben zu kürzen und ein wenig die Steuern zu erhöhen, um die Staatsverschuldung in den Griff zu bekommen." Wirtschaftlich, so Gern, bestehe ein entscheidender Unterschied zum Beispiel zu Griechenland: "Es gibt in Italien zumindest etwas, worauf man aufbauen kann."

Ob das allerdings reicht? Erst wenn auch die Investoren an den Finanzmärkten den Glauben an die Zukunftsfähigkeit Italiens wiederfinden, wird sich die Lage für das Land entspannen.

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