Mario Monti Respektierter Technokrat führt Italien

Nun soll es Mario Monti in Italien richten - ein international angesehener Wirtschaftsexperte, der sich durch seine politische Unabhängigkeit breiten Respekt erworben hat. Der frühere EU-Kommissar muss als Ministerpräsident aber um Unterstützung der Parteien ringen.
Ökonom an der Spitze: Derzeit leitet Monti die Mailänder Bocconi-Universität

Ökonom an der Spitze: Derzeit leitet Monti die Mailänder Bocconi-Universität

Foto: Roberto Monaldo/ AP

Rom - Der Mailänder Wirtschaftsprofessor wurde am Sonntag von Staatspräsident Giorgio Napolitano mit der Regierungsbildung beauftragt. Der designierte Nachfolger des scheidenden Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi äußerte sich im Anschluss an seine Nominierung zuversichtlich, dass Italien in einem gemeinsamen Kraftakt die Krise überwinden könne.

Es ist eine Karriere im Zeitraffer - nicht zuletzt den aufgeregten Finanzmärkten geschuldet: Erst am Mittwoch wurde Monti von Italiens Staatschef Giorgio Napolitano zum Senator auf Lebenszeit ernannt, tags darauf empfahl der strauchelnde Regierungschef Berlusconi den früheren EU-Kommissar implizit als seinen Nachfolger. Seither nahmen die Lobreden auf den 68-Jährigen kein Ende. Sie habe "großen Respekt" vor Monti, sagte IWF-Chefin Christine Lagarde. Sie habe mit dem Italiener stets "fruchtbare Gespräche" geführt. Der frühere Ministerpräsident und EU-Kommissionspräsident Romano Prodi sagte: "Montis Zeit ist gekommen." Am Sonntagabend war es soweit.

Gegensätzlicher als Berlusconi und Monti können Politiker kaum sein: Während der Medienmogul Berlusconi häufiger mit seinen privaten Eskapaden als mit seiner Regierungsführung Schlagzeilen machte, gilt Monti als nüchterner Charakter, höflich - aber bestimmt. Ihm eilt der Ruf voraus, dass Pressionen gleich welcher Art völlig an ihm abprallen.

Opposition kündigt sich an

Monti könnte eine technokratisch geführte Regierung der nationalen Einheit anführen, die Italien aus der politischen und wirtschaftlichen Krise führen soll. In einer seiner wenigen öffentlichen Stellungnahmen der vergangenen Wochen empfahl Monti am 23. September, "unpopuläre Reformen" durchzusetzen, indem "die vernünftigsten Teile" der politischen Parteien zusammenarbeiten. Zuvor hatte er in einem Zeitschriftenartikel an die Tradition der Podestas erinnert, im Mittelalter von italienischen Städten von außen geholte Krisenexperten.

Neuwahlen stehen nicht vor 2013 an. Damit hätte Montis Regierung rund 18 Monate Zeit, um die von Märkten und den europäischen Partnern verlangten Reformen an Pensionen, Arbeitsrecht und öffentlichem Dienst durchzusetzen. Eine ähnliche Expertenregierung, geführt vom früheren Zentralbanker Lamberto Dini, erreichte 1995 wichtige Wirtschaftsreformen.

Bisher genießt Monti allerdings nur die Unterstützung der oppositionellen Demokratischen Partei und kleinerer Zentrumsgruppen. Berlusconis Partei Volk der Freiheit ist tief zerstritten, würde sich laut ihrem Generalsekretär aber hinter Monti stellen. Der kleinere Koalitionspartner Lega Nord dagegen lehnt Monti ab und hätte sofortige Neuwahlen bevorzugt. Sollte der neue Premier eine Vertrauensabstimmung im Parlament verlieren, wären Neuwahlen unvermeidlich.

Als EU-Kommissar war er "der italienische Preuße"

Monti pflegt enge Kontakte mit der europäischen und internationalen Elite aus Politik und Wirtschaft. Er steht der europäischen Sparte der Trilateralen Kommission vor, die Mächtige aus den Vereinigten Staaten, Europa und Japan verbindet. Monti ist auch Mitglied der geheimnisvollen Bilderberg-Gruppe.

Von Berlusconi zu Beginn dessen erster Amtszeit berufen, war der parteilose promovierte Wirtschaftswissenschaftler von 1994 bis 1999 EU-Binnenmarktkommissar, mit Mandat der linksgerichteten Regierung von Massimo D'Alema dann bis 2004 EU-Wettbewerbskommissar. Die dann wieder amtierende Regierung Berlusconi berief ihn danach nicht erneut. Seitdem trägt er das Siegel eines Unparteiischen. In Brüssel erwarb sich Monti einen Ruf als Fachmann, der keine Furcht hatte, sich mit Wirtschaftsriesen wie Microsoft  und General Electric  anzulegen. "Monti schickt einen mit höflichen Worten auf den Scheiterhaufen, wenn er der Meinung ist, dass das gerecht und nötig ist", verlautete vor Jahren aus seinem Umfeld.

"Er hatte keine besonders italienische Art", erinnert sich ein früherer Botschafter, der in Brüssel mit Monti zusammenarbeitete und ihn als harten, aber verlässlichen Verhandlungspartner erlebte. "Sein Spitzname in dieser Zeit war 'der italienische Preuße'."

Verteidiger des Euro

Doch Monti sei alles andere als ein "kalter Technokrat", schrieb die Zeitung "Corriere della Sera", für die Monti auch selbst Kolumnen verfasst, kürzlich. "Er ist ein leidenschaftlicher Italiener", jemand, der seine persönlichen Interessen zurückstelle und stattdessen "Ideen einbringt". Monti verteidigte zudem im Zuge der Krise in den vergangenen Monaten immer wieder den Euro  und Italiens Mitgliedschaft in der Währungsunion. Das Land wäre ohne die Gemeinschaftswährung heute inflationsgeplagt und "bedeutungslos", schrieb er in einer Kolumne.

Monti wurde im März 1943 im norditalienischen Varese geboren und promovierte an der Mailänder Bocconi-Universität - dem Sprungbrett für Italiens Wirtschaftselite. Heute ist er Präsident der Hochschule. Der verheiratete zweifache Vater sitzt außerdem in mehreren Aufsichtsräten italienischer Konzerne.

Einfach dürfte es für Monti an der Spitze der geplanten Übergangsregierung nicht werden. Doch nicht umsonst erwarb sich der Italiener das Image eines Unbestechlichen und Unerschrockenen. Schon im Jahr 2000 beschrieb der britische "Economist" Monti als "einen der mächtigsten Bürokraten in Europa" und bescheinigte ihm Überzeugungskraft. In Anspielung auf Montis silbrige Haarpracht setzte das Magazin hinzu, er strahle eine derartige Autorität aus, dass selbst der Haarausfall sich nicht an ihn herangetraut habe.

ak/afp/rtr
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