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Amerikanische Selbsttäuschung: US-Prominenz macht Europa zur US-Krisenursache

Foto: JOSHUA ROBERTS/ REUTERS

Skurrile Ablenkung Amerika wirft Europa Wirtschaftssabotage vor

Es ist ein dumpfes Schauspiel: Amerika nimmt Europa für seine eigenen Probleme in Haft. Manche US-Zeitungen klingen gar, als sei in Europa die Pest ausgebrochen. Denn US-Firmen schwächeln, US-Bürger fürchten um ihren Wohlstand - und Präsident Obama deshalb um seine Wiederwahl.
Von Markus Gärtner

Vancouver - In den USA erreicht die Angst vor der Schuldenkrise in Europa einen Siedepunkt. US-Banken bauen ihre Engagements auf dem Alten Kontinent ab. International positionierte amerikanische Firmen berichten von schleppendem Europa-Geschäft. Der New Yorker Broker MF Global musste wegen seiner Verstrickung in europäische Wackelanleihen Insolvenz anmelden.

Selbst Finanzlegende Warren Buffett hat an den Problemen in Europa schwer zu kauen: Seine Firma Berkshire Hathaway verzeichnete im dritten Quartal 24 Prozent weniger Gewinn. Auch die US-Verbraucher bauen derzeit aus Sorge vor der Zukunft lieber Schulden ab, als in die Shopping-Malls zu stürmen. Und selbst im Weißen Haus fürchtet man die Hiobsbotschaften von der anderen Seite des Atlantiks. Barack Obama sieht in der drohenden Rezession in Europa " die größte Gefahr für die US-Konjunktur". Immer mehr fürchtet er jetzt, dass der anhaltende Schuldenschlamassel zwischen Athen, Rom und anderen Hauptstädten in Europa seine Wiederwahl 2012 sabotieren könnte.

Kaum ein Tag vergeht zwischen New York, Seattle und Houston ohne einen neuen Schocker aus Europa. Am Dienstag war es das Bekanntwerden des Briefs, mit dem die schweizerische Großbank UBS  ihre betuchten US-Kunden informiert, dass sie deren Namen an Amerikas Steuerbehörden meldet. Manche US-Zeitungen klingen, als sei in Europa die Pest ausgebrochen. Und längst sind auch die Schleifspuren in der US-Konjunktur zu sehen. "Die Gefahr einer Katastrophe in Europa stützt nicht gerade die Investitionen in Amerika", sagt der Wirtschaftsforscher Jacob Kirkegaard am Peterson Institute of International Economics in Washington. "Die Firmen erinnern sich noch genau an die Lehman-Pleite, als sie plötzlich keinen Zugriff mehr auf ihr Arbeitskapital hatten, also horten sie das Geld jetzt".

Bis ins ferne Kanada sorgen die wirtschaftlichen Tiefausläufer von Europa für raues Konjunkturwetter. Der Finanzminister im Ahornland, Jim Flaherty, musste gestern zugeben, dass Ottawas Bundeshaushalt nicht wie geplant bis 2015 wieder ausgeglichen werden kann, sondern erst ein Jahr später. Die vorgeschobene Begründung: Die europäische Schuldenkrise.

Aufgeregte Finanzmärkte im Europa-Bashing

Tatsächlich allerdings klagen immer mehr US-Firmen über ein schleppendes Europa-Geschäft. Amerikas größtes Online-Reisebüro, Priceline, enttäuschte am Dienstag mit der Prognose für das vierte Quartal: "Befürchtungen über Staatspleiten in Europa könnten unser operatives Ergebnis in der Zukunft größeren Schwankungen aussetzen", so das Unternehmen. Und schon zu Wochenbeginn musste die New Yorker Investmentbank Jefferies eilig für über eine Milliarde Dollar Wackelanleihen europäischer Peripheriestaaten abstoßen, um ein Kursdebakel zu verhindern.

Die Ratingagentur Egan-Jones hatte vorige Woche unter Verweis auf Positionen von Jefferies in portugiesischen, irischen, griechischen und italienischen Bonds die Kreditwürdigkeit der Bank herabgestuft. Der Kurs von Jefferies brach um 18 Prozent ein. Seitdem sah sich das Geldhaus wegen der aufgeregten Reaktion der Finanzmärkte genötigt, sechs schriftliche Statements herauszugeben.

Auch die US-Banken werden vorsichtiger. Mehr als die Hälfte aller Kreditinstitute in Amerika hat an irgendwelche Adressen in Europa Geld ausgeliehen, berichtet die US-Notenbank in ihrem jüngsten Überblick zum Kreditmarkt von dieser Woche. Dort heißt es, dass amerikanische Banken so zögerlich geworden sind, dass sie erstmals seit vielen Monaten im Oktober-Quartal die Kreditzügel langsamer lockerten. Im Klartext: Amerikas Banken bibbern vor dem Euro-Tsunami, deshalb bekommt die US-Wirtschaft derzeit nicht die Kredite, die sie bräuchte, um einen anhaltenden Aufschwung zu bewerkstelligen.

Kein Wunder also, dass selbst Barack Obama immer unruhiger wird. "Die Lösung der europäischen Schuldenkrise" bezeichnete der US-Präsident als "den wichtigsten Aspekt", als er vergangene Woche nach Cannes zum G20-Gipfel aufbrach. Schon vor einem Monat hatte Obama bei einer Diskussion mit US-Wählern in Mountain View, Kalifornien, gesagt, die Euro-Schuldenkrise "verängstigt die Welt". Er steht mit dieser Meinung auch nicht allein. Heute erst hat die Chefin des Internationalen Währungsfonds ( IWF), Christine Lagarde, vor einer "Abwärtsspirale aus Ungewissheit, finanzieller Instabilität und dem Zusammenbruch der globalen Nachfrage" gewarnt. Was Obama bei seinen warnenden Auftritten vor der Euro-kKrise allerdings nicht dazusagt: Er hat mit seinem Europa-Bashing vor allem seinen eigenen Wahlkampf, der ihm in zwölf Monaten eine zweite Amtszeit im Weißen Haus sichern soll, im Visier.

Obamas bleierne Angst vor der Abwahl

Obama hat auf die Situation in Europa wenig Einfluss. Er hat weder viel Geld, mit dem er bei der Aufstockung des Rettungsfonds helfen könnte, noch hat er einen guten Zugang zu Europas Regierungschefs. "Ihm fehlen enge Beziehungen, wie sie seine Vorgänger Bill Clinton und George W. Bush pflegten", sagt Kirkegaard. Doch ein Erfolg auf der diplomatischen Bühne rund um das europäischen Drama könnte er dringend brauchen. In der jüngsten Umfrage des Meinungsforschers Gallup bekommt Obama von den amerikanischen Wählern lediglich 43 Prozent Zuspruch für seine Politik. Das ist nur wenig mehr als am Tiefpunkt von 38 Prozent im Oktober. "Obamas Umfragewerte liegen unter denen der meisten anderen US-Präsidenten während der ersten Amtszeit", heißt es auf der Webseite von Gallup. Nur Jimmy Carter schnitt im Oktober 1979 mit 31 Prozent schlechter ab.

Die Krise in Europa, die eine Folge der in den USA ausgebrochenen Finanzkrise von 2008 ist, wird in den USA immer mehr zum Fixpunkt, auf den sich aktuelle Analysen beziehen. Für die politische Elite stellt das Drama auf der anderen Seite des Atlantiks ein willkommenes Ablenkungsmanöver vom eigenen Schuldendesaster dar. Für renommierte US-Ökonomen ist es ein drohender Albtraum. Der Euro kann "jederzeit" einbrechen, warnt Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz von der Columbia-Universität. Laut Stiglitz "ist die Sparpolitik in Europa und Amerika ein Selbstmordpakt". Für die USA, die sich drei Monate nach der spektakulären Herabstufung ihrer Topbonität deutlich billiger verschulden können, weil die Rendite der zehnjährigen Anleihe von 2,70 auf 2,0 Prozent gefallen ist, steht vieles auf dem Spiel.

Das Konsumentenvertrauen ist schon jetzt auf den niedrigsten Stand seit Anfang 2009 gefallen. Und während mit MF Global bereits das erste Opfer des europäischen Schuldendramas in der US-Finanzbranche zu beklagen ist, fordert JP Morgan-CEO Jamie Dimon einen Marshall-Plan für die US-Konsumenten. Wie mies deren Stimmung aktuell ist, zeigt auch die Einschätzung des Investmentstrategen James Paulsen beim Vermögensberater Wells Capital Management in Minneapolis: "Die Leute sind wütend, sie haben Todesangst, obwohl sie noch Geld ausgeben".

Kein Wunder: Immer deutlicher wird, wie stark die Übertragungsmechanismen sind, mit denen die Schuldenkrise in Europa in die USA hinüber schwappt. Die Mitgliedsländer der Europäischen Union sind Amerikas größter Handelspartner, nach Kanada. Die US-Wirtschaft exportierte 2010 Güter im Wert von 240 Milliarden Dollar in die EU. Das war fast ein Fünftel aller US-Ausfuhren. Die 17 Länder der Euro-Zone kommen für drei Viertel dieser Lieferungen auf. Würde der Euro als Folge der Schuldenkrise scharf einbrechen, hätten die US-Firmen mit eisigem Gegenwind zu kämpfen - und in der Folge auch der US-Staatshaushalt, der selbst immer wieder vor dem Kollaps gerettet werden muss.

Große Furcht vor der Bankenstarre

Optimisten halten dieses interkontinentale Schuldenproblem zwar für beherrschbar: "Das sind Peanuts", sagt beispielsweise der US-Aktienstratege Barry Knapp bei Barclays Capital. Doch mit der Meinung stehen diese Optimisten ziemlich allein. Selbst das Wall Street Journal merkt dazu an: "Bernanke hat auch 2007 vorhergesagt, die Subprimekrise sei eingedämmt".

Nicht wenige Beobachter in den USA sehen ein mögliches Einfrieren der Geldmärkte dann auch als die größte Gefahr, die von Europa auf die USA ausgehen kann. "Wenn der Kreditfluss wie 2008 einfriert, würde das reichen, um die USA in eine Rezession zu stoßen", sagt der Chefökonom bei IHS Global Insight, Nigel Gault. Und genau vor dieser Gefahr warnte am Dienstag kein geringerer als Kanadas Notenbankchef Mark Carney; ihn haben die G20 gerade zum neuen Chef des Financial Stability Board berufen, jener Behörde, die international für die Bankenreformen zuständig ist.

Auch hier winken wieder einige Optimisten ab. Die US-Firmen, so deren Hinweis, säßen auf rekordhohen Cashbeständen. "Die US-Firmen sind gut vorbereitet, einen größeren Sturm in Europa auszuhalten", sagt Mark Oline, der Topmann bei der Ratingagentur Fitch für amerikanische Firmen. Doch genau diese Vorsicht hat ihren Preis: Was US-Firmen auf die hohe Kante legen, investieren sie nicht. Das ist einer der zentralen Gründe, warum amerikanische Arbeitgeber trotz hoher Gewinne derzeit kaum neue Stellen schaffen. Die US-Wirtschaft produzierte unter dem Strich im Oktober lediglich 80.000 neue Jobs. Das ist ein Drittel dessen, was benötigt würde, um das Bevölkerungswachstum auszugleichen und die Arbeitslosigkeit spürbar zu senken.

Amerikas eskalierende Angst bremst das eigene Wachstum

Die Tiefausläufer der Krise in Europa haben auch die Finanzakademiker in den USA auf den Plan gerufen. In zwei Studien vom Boston College und der Fed-Zweigstelle in Philadelphia versuchten Volkswirte in den vergangenen Wochen, in Zahlen auszudrücken, wie die eskalierende Unsicherheit das Wachstum bremst. In beiden Papieren werden die Risiken, die von Europa ausgehen, prominent gewürdigt. Demnach sollen allein die Börsenturbulenzen nach der Herabstufung der Kreditwürdigkeit im August bis zum ersten Quartal 2012 im schlimmsten Fall 1,75 Prozentpunkte beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) kosten. Der Abzug beim BIP soll mindestens 0,3 bis 0,5 Prozentpunkte ausmachen.

Auch der Konjunkturexperte Nicholas Bloom von der Stanford-Universität hat versucht, die Folgen der Unsicherheit auf die US-Konjunktur zu messen. Bloom legte den Volatilitätsindex VIX der Chicago Board Options Exchange (CBOE) als Messlatte für die Unsicherheit zugrunde. Er fand heraus, dass ein Anstieg über 40 VIX-Punkte das Bruttoinlandsprodukt in den folgenden sechs Monaten um zwei Prozentpunkte drosseln kann und dass eine Erholung anschließend neun Monate dauert. Der VIX schoss von August bis Oktober vier Mal über diese Marke hinaus, notierte am Dienstag aber nach einem Rückgang um 2,3 Punkte (-8 Prozent) bei 27,5 Zählern.

Ein wichtiger Zusatz, den sowohl Bloom als auch die Experten am Boston College in ihren Papieren machen, dürfte Fed-Chairman Ben Bernanke ziemlich beunruhigen: Wenn die Leitzinsen - wie derzeit - sehr niedrig sind, kann die Unsicherheit in der Wirtschaft 50 Prozent mehr Schaden anrichten. Der Grund: Weil Börsianer, Verbraucher und Firmen wissen, dass die Notenbank keinen Spielraum mehr nach unten hat, nimmt ihre Verunsicherung sogar zu, ebenso die Angst vor steigender Inflation.

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