Volksabstimmung über Griechen-Hilfen "In jedem Fall wird es ein knapper Entscheid"

Die Ankündigung eines Volksvotums in Griechenland über das EU-Rettungspaket versetzt die Finanzmärkte in Aufruhr. Stephan Kuhnke, Leiter Portfoliomanagement beim Anleihemanager Bantleon, beurteilt die neue Lage und sagt, was Anleger jetzt tun können.
Düstere Perspektiven: Lehnen die Griechen die internationalen Hilfen und die damit verbundenen Sparbeschlüsse ab, dürfte das drastische Konsequenzen haben, bis hin zur möglichen unmittelbaren Staatspleite

Düstere Perspektiven: Lehnen die Griechen die internationalen Hilfen und die damit verbundenen Sparbeschlüsse ab, dürfte das drastische Konsequenzen haben, bis hin zur möglichen unmittelbaren Staatspleite

Foto: Petros Giannakouris/ AP

mm: Herr Kuhnke, die Ankündigung des griechischen Ministerpräsidenten Papandreou, über die internationalen Hilfsmaßnahmen für sein Land eine Volksabstimmung durchführen zu wollen, hat für ein Beben an den Finanzmärkten gesorgt. Wie haben die Anleger an den Anleihemärkten reagiert?

Kuhnke: Mit einer Flucht in den sicheren Hafen deutscher Bundesanleihen, die bei 10-jährigen Fälligkeiten 3 Prozent zugelegt haben. Spiegelbildlich dazu sind die Renditen um mehr als 0,20-Prozentpunkte auf 1,85 Prozent gefallen. Gleichzeitig verzeichneten die Staatsanleihen der Peripherieländer erhebliche Kursverluste und steigende Risikoaufschläge gegenüber Anleihen der Kernländer der Euro-Zone.

mm: Wie beurteilen Sie die Ankündigung Papandreous? Wird eine Staatspleite Griechenlands wieder wahrscheinlicher, weil die Griechen sich gegen die Hilfen aussprechen könnten?

Kuhnke: Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder die Griechen stimmen gegen das Rettungs- und Sparpaket, was eine Einstellung der Hilfsmaßnahmen zur Folge hätte und zu einem Ausfall griechischer Staatsanleihen führen würde. Oder aber bei der griechischen Bevölkerung setzt sich die Vernunft durch und die Politiker erhalten die notwendige Rückendeckung für die hart erkämpften Rettungsmaßnahmen. In diesem Fall wäre der Weg frei für eine längere Beruhigung der Gesamtsituation. In jedem Fall wird es ein knapper Entscheid. Wir hoffen und erwarten, dass sich die Vernunft durchsetzt.

mm: Welche Folgen hätte ein Nein der Griechen für die Finanzierungssituation weiterer schwächelnder Staaten, wie Portugal oder Irland?

Kuhnke: Die ohnehin labile Gesamtsituation würde dadurch noch unsicherer. Und Unsicherheit ist Gift für risikobehaftete Assets, wie zum Beispiel den Aktienmarkt, aber auch Anleihen von Peripherieländern. In der Folge würden die Risikoaufschläge und damit auch die Renditen steigen, was wiederum die Refinanzierung Portugals und Irlands erschweren und verteuern würde.

mm: Wie sollten Anleger auf diese Ankündigung reagieren?

Kuhnke: Solange Unsicherheit vorherrscht, sind sichere und hochliquide Staatsanleihen, wie zum Beispiel deutsche Bundesanleihen, erste Wahl des sicherheitsorientierten Investors. Ein nochmalige Verschärfung der Situation sowie die sich abzeichnende Wachstumsabschwächung, die einzelne Ländern der Euro-Zone sogar in eine Rezession führt, wird zu nochmals fallenden Renditen und steigenden Kursen führen. Gemäß unseren Prognosen rechnen wir mit einem Renditetief bei 10-jährigen deutschen Bundesanleihen von 1,50 Prozent, was einem Kursanstieg von nochmals 3 Prozent entspricht. Von einer Spekulation mit griechischen Staatsanleihen können wir nur abraten.

mm: Eine knappe Woche zuvor wurde für Griechenland ein Schuldenschnitt von 50 Prozent beschlossen. Ist ein solcher so genannter Hair-cut als Teil einer Lösung der Krise ein geeignetes Mittel, oder macht das die Situation nur noch schlimmer?

Kuhnke: Der Schuldenschnitt - so er denn noch kommt - würde mittelfristig zu einer Reduzierung der Schuldenstandsquote auf 120 Prozent des Bruttoinlandsproduktes führen. In Kombination mit den weiteren Maßnahmen aus dem nochmals erweiterten Rettungspaket hätte Griechenland damit unseres Erachtens eine reale Chance, sich aus der derzeit hoffnungslosen Gesamtsituation zu befreien.

mm: Wie haben die Investoren an den Anleihemärkten auf diese Ankündigung reagiert?

Kuhnke: Kurzfristig mit einem Kursfeuerwerk bei griechischen Staatsanleihen und fallenden Kursen bei deutschen Bundesanleihen. Mit der Ankündigung des Referendums ist die temporäre Euphorie aber schlagartig verflogen und die Unsicherheit zurückgekehrt.

mm: Wie haben sich die Zinsen griechischer Anleihen seither entwickelt? Hat sich die Finanzierungslage für Griechenland durch die Ankündigung entspannt?

Kuhnke: Die Renditen griechischer Staatsanleihen sind als Reaktion auf die Erweiterung der Rettungsmaßnahmen am vergangenen Donnerstag massiv gefallen. So verzeichneten 2-jährige Fälligkeiten einen Renditerückgang von bis zu 3 Prozent. Die Ankündigung der Volksabstimmung hat die Gesamtsituation aber schlagartig verändert. Mittlerweile befinden sich die Zinsen griechischer Staatsanleihen in sämtlichen Laufzeiten auf historischen Höchstständen.

mm: Vielfach wurde die Befürchtung geäußert, ein Schuldenschnitt könnte Ansteckungsreaktionen auslösen und die Investoren aus diesen Anleihen fliehen lassen. Wie steht es also um die Anleihen weiterer Wackelkandidaten, wie Irland, Portugal, Spanien, Italien?

Kuhnke: Das Bild ist differenzierter: Während die Renditen zehnjähriger irischer Staatsanleihen als Reaktion auf die erfolgreichen Konsolidierungsbemühungen seit Juli dieses Jahres einen Renditerückgang von 7 Prozent hingelegt haben und damit den Zinsaufschlag gegenüber deutschen Bundesanleihen nahezu halbieren konnten, eilen italienische Staatsanleihen von einem Hoch des Risikoaufschlags zum nächsten. Portugiesische und spanische Staatsanleihen sind zwar ebenfalls wieder unter Druck gekommen, die Spreads befinden sich aber noch unter den im Jahresverlauf markierten Höchstständen.

mm: Können Anleger, die nach wie vor an den Schuldenschnitt glauben, Profit aus der Ankündigung schlagen, beispielsweise durch ein Investment in Griechen-Anleihen, deren Risiko in dem Fall nicht mehr so groß wäret?

Kuhnke: Ich kann es nur nochmals wiederholen: Griechische Staatsanleihen sind kein Investitions-, sondern ein reines Spekulationsobjekt.

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