Neuer EZB-Präsident Mario Draghi Herr Anderswo und sein Höllenjob

Professor, Staatssekretär, Investmentbanker, Finanzaufseher: Mario Draghi hat die Finanzwelt schon aus vielen Blickwinkeln betrachtet. Heute startet er als neuer Präsident der Europäischen Zentralbank. Und eine seiner einstigen Überzeugungen ist bereits am Tage des Amtsantritts überholt.
Ein Italiener in Frankfurt: Mario Draghi startet heute als Präsident der EZB

Ein Italiener in Frankfurt: Mario Draghi startet heute als Präsident der EZB

Foto: JOHN THYS/ AFP

Hamburg - So viel steht schon fest: Mindestens eine der Beteuerungen, die Mario Draghi im Vorstellungsgespräch für seinen neuen Job abgab, ist bereits am Tage seines Amtsantritts obsolet. Eine Restrukturierung griechischer Staatsschulden komme nicht in Frage, hatte der Italiener bei seinem Auftritt im Europaparlament im Juni dieses Jahres gesagt. Man dürfe privaten Anlegern nichts aufzwingen.

Seinerzeit war das exakt die Position der Europäischen Zentralbank (EZB), deren Präsidentschaft Draghi am heutigen Dienstag antritt. Doch inzwischen hat sich die Realität bekanntlich über diese Haltung hinweggesetzt: Auf dem Euro-Gipfel vergangene Woche in Brüssel beschloss die Politik einschneidende Maßnahmen zur Bekämpfung der Schuldenkrise - darunter auch einen Schuldenschnitt für Griechenland um 50 Prozent.

Das Beispiel zeigt deutlich, in welche Bredouille sich der neue EZB-Chef vom ersten Tag an begibt: Als Kopf der Notenbank aller Euro-Länder sollte eigentlich die Geldwertstabilität im Zentrum seines Schaffens stehen, und sonst nicht viel. Die Unabhängigkeit der Bank gilt als ihr wichtigstes Gut. Und die Frage, ob es ihr gelingt, die Preissteigerung bei maximal 2 Prozent zu halten, als Maß für ihren Erfolg.

Soweit die Theorie. Tatsächlich ist es der EZB unter ihrem bisherigen Präsidenten Jean-Claude Trichet zwar gelungen, die Binnenkaufkraft des Euro  weitgehend stabil zu halten. Gleichzeitig wurde die Bank jedoch immer tiefer hineingezogen in den Kampf der Politik gegen die Schuldenkrise. Anstelle der Unabhängigkeit, so scheint es, ist inzwischen eine enge Vernetzung mit der europäischen Spitzenpolitik getreten, mit den so genannten Euro-Rettern in Brüssel, mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) sowie nicht zuletzt auch mit dem privaten Bankensektor. Eine sichtbare Folge ist der Kauf von Staatsanleihen finanzschwacher Staaten durch die Zentralbank - für Kritiker der Sündenfall schlechthin.

Ein "höllisch schwerer Job"

Das ist das Spannungsfeld, das Mario Draghi ab heute umgibt. Und seine Tätigkeit im Präsidentenbüro des Eurotowers an der Kaiserstraße 39 in Frankfurt dürfte vor allem danach bewertet werden, ob und wie es ihm gelingt, die EZB da wieder herauszumanövrieren, zurück in die unabhängige Position des Geldwertwächters, wie es sie früher einmal gab.

Es ist also beileibe keine leichte Aufgabe für den Italiener. Im Gegenteil: Der "Economist" prophezeite ihm kürzlich einen "höllisch schweren Job". Und ein Blick auf die Agenda, die Draghi abzuarbeiten hat, macht deutlich, warum: Nachdem beispielsweise künftig der erweiterte Euro-Rettungsschirm den Ankauf von Anleihen schwächelnder Staaten übernimmt, kann sich die Zentralbank von diesem Metier verabschieden. Doch wie ist dabei vorzugehen? Lässt sich Draghi zu viel Zeit mit dem Rückzug, so könnte er unentschlossen wirken und ein falsches Signal zur künftigen Haltung der EZB aussenden. Drückt der Italiener dagegen zu stark auf die Bremse, drohen womöglich neue Turbulenzen an den Finanzmärkten.

Ähnliches gilt für weitere Stützungsmaßnahmen, die die EZB im Laufe der Krise eingeleitet hat, und die nach wie vor Bestand haben. Beispiel Bankenrefinanzierung: Seit der Lehman-Krise können sich Institute bei der Zentralbank per so genanntem Mengentender mit Geld versorgen. Dabei erhalten sie Kredite in beliebiger Höhe zum aktuellen Leitzins, wenn sie nur ausreichend Sicherheiten hinterlegen. Sollte sich die Vertrauenslage am Interbankenmarkt künftig wieder normalisieren, so steht eine Rückkehr zur Normalität an. Dann käme wieder der so genannten Zinstender zum Einsatz, bei dem die Banken für die Liquidität der EZB bieten müssen. Doch wann ist dafür die Zeit gekommen, Signor Draghi?

Auch die Frage, wann die EZB die Anforderungen an die Sicherheiten, die Banken bei ihr hinterlegen können, wieder heraufsetzt, wird der Mann aus Rom bald beantworten müssen. Mit Ausbruch der Schuldenkrise waren diese Standards gelockert worden - und mit jedem Monat, den die Notenbank auf diese Weise wirtschaftet, erhöhen sich die Risiken in ihren Büchern.

Mysteriöse Treffen von Politik und Wirtschaft

Hinzu kommt noch der monatliche Zinsentscheid, eine der vornehmsten Aufgaben der EZB. In diesem Jahr wurde der Leitzins bereits zweimal angehoben. Weil jedoch allerorten die Sorge umgeht, die Konjunktur könnte sich bald abschwächen, dürften sich Spekulationen über eine weitere Verknappung der Geldmenge zunächst einmal erledigt haben. Stattdessen steht womöglich bald eine Zinssenkung an - aber wann? Und was ist dann mit der Inflation?

Wie die EZB unter Draghi all diese Probleme managt, hängt wesentlich von der weiteren Entwicklung der Euro-Schuldenkrise ab. Umgekehrt gilt aber auch: Jede Maßnahme der Zentralbank wird den künftigen Verlauf der Krise beeinflussen. Draghi wird in seinem neuen Job also viel Fingerspitzengefühl brauchen und Sensibilität für die empfindlichen Märkte.

Dass er das weiß, zeigte er indes bereits vergangene Woche in Rom, als er in einer Rede ankündigte, die Krisenhilfen für das Finanzsystem fortsetzen zu wollen. Das war zu einem Zeitpunkt, als der Schuldengipfel in Brüssel noch nicht einmal begonnen hatte und Draghi selbst längst noch nicht im neuen EZB-Amt war.

Dem Italiener ging es offensichtlich darum, eine unmissverständliche Botschaft loszuwerden: Der Übergang an der EZB-Spitze verläuft reibungslos, eine Einarbeitung wird es nicht geben. Ein Vakuum im Management von Europas wichtigster Geldinstitution ausgerechnet in dieser neuralgischen Phase der Euro-Schuldenkrise will er offenbar ausschließen.

Ohnehin gibt es wohl kaum noch jemanden, der den 64-Jährigen bisherigen Chef der Banca d'Italia, der italienischen Zentralbank also, nicht für die richtige Besetzung an der Spitze der EZB hält. Denn einen mit der Erfahrung des Mario Draghi im Finanzgeschäft muss man lange suchen: Nachdem der gebürtige Römer und frühere Jesuitenschüler sein Ökonomiestudium mit Bestnote abgeschlossen hatte, ging er mit einem Stipendium ans renommierte Massachusetts Institute of Technology (MIT) in die USA, wo er seine Ausbildung bei nicht weniger als vier Nobelpreisträgern verfeinern konnte.

Die mysteriösen Bilderberg-Treffen

Das war in den 70er Jahren, und seither hat der Freizeitwinzer und passionierte Bergsteiger Draghi die Finanz- und Kapitalanlagewelt aus nahezu allen möglichen Blickwinkeln kennengelernt: Als Ökonomieprofessor, Finanzstaatssekretär, Investmentbanker, Notenbanker sowie Finanzaufseher und -regulierer.

Auch sein Netzwerk hat er in dieser Zeit ausgebaut: Draghi, dessen Vater schon hoher Beamter der italienischen Zentralbank war, war nicht nur wiederholt Gast beim "Weltwirtschaftsforum" in Davos. Er nahm auch bereits einige Male an den mysteriösen Bilderberg-Konferenzen teil, auf denen sich einflussreiche Personen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft austauschen. Zuletzt, im Mai 2009 im griechischen Vouliagmeni, konnte er dabei zum Beispiel auf Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann treffen, ebenso wie auf Siemens-Chef Peter Löscher, den US-Banker David Rockefeller oder die Königin der Niederlande.

Zwei Punkte auf Draghis Lebenslauf erscheinen besonders bemerkenswert: 2002 wechselte er ins Topmanagement der weltgrößten Investmentbank Goldman Sachs in London. Im Zuge seiner Auswahl für die EZB-Präsidentschaft musste sich Draghi nun für diese Zeit rechtfertigen, denn Goldman Sachs hatte bei der Entstehung der gigantischen griechischen Staatsverschuldung eine unrühmliche Rolle gespielt. Der Spitzenbanker betont jedoch, das sei vor seiner Zeit bei Goldman gewesen. Zum Geschäft mit Staatsanleihen habe er bewusst Distanz gehalten.

Und zweitens: In den neunziger Jahren gelang Draghi als oberstem Beamten im italienischen Schatzministerium ein Kraftakt gegen die Staatsverschuldung des Landes. Das italienische Haushaltsdefizit lag seinerzeit bei mehr als 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP), die Lira befand sich seit Jahren im Tiefflug. Draghi selbst sagte einmal, Anfang der 90er habe Italien näher am Bankrott gestanden als heute Griechenland.

Ein Italiener mit Pickelhaube

Der heutige EZB-Präsident jedoch organisierte in seiner Heimat vor knapp 20 Jahren die Privatisierung vieler Staatsunternehmen, sorgte so beim Finanzministerium in Rom für milliardenschwere Einnahmen und trug damit maßgeblich zur Sanierung des italienischen Haushalts bei, und zwar völlig ohne Hilfe aus dem Ausland.

Ob das als Vorbild für die heutigen Finanzprobleme Roms taugt, sei dahingestellt. Klar ist aber: Es ist ein Indiz dafür, dass Draghi geldpolitisch eher zu den "Falken" zu zählen ist, und nicht zu den "Tauben". Vorbehalte gegenüber einem vermeintlich laxen Italiener an der Spitze der EZB hatte es vor allem hierzulande gegeben. "Mamma Mia", seufzte beispielsweise anfangs die "Bild"-Zeitung über die Aussicht, der Römer könnte die Zentralbank leiten.

Heute sind solche Unkenrufe kaum noch zu hören. Draghi gilt als kühler Analytiker und pragmatischer Entscheider. Und mehr noch: Mancher Kommentator befürchtet gar, der Wunsch des Italieners, seine konservative Haltung unter Beweis zu stellen, könnte zum Problem werden. Möglich wäre das zum Beispiel, wenn die EZB deshalb zu lange zögern würde, die Zinsen zu senken.

Tatsächlich ist Draghi in der Vergangenheit schon mehrfach auf Konfrontationskurs zu Rom gegangen. Immer wieder forderte er die Regierungen dort auf, zu Stabilität und Wachstum zurückzukehren. Zuletzt sorgte im August ein Brief für Unruhe, den er gemeinsam mit Jean-Claude Trichet an Ministerpräsident Silvio Berlusconi schrieb, und in dem er weitere Sparanstrengungen und Reformen forderte.

"Wir müssten alle dem Beispiel Deutschlands folgen"

"Wir müssten alle dem Beispiel Deutschlands folgen", sagte Draghi Anfang des Jahres auch in einem Interview mit der "FAZ". "Deutschland hat seine Wettbewerbskraft verbessert, indem es strukturelle Reformen durchgeführt hat. Das muss das Vorbild sein."

Die Folge: Die Kritiker sind verstummt. In der "Bild" und anderswo firmiert Draghi inzwischen als "Super Mario", ein Spitzname, den er sich dem Vernehmen nach während seiner Londoner Zeit bei Goldman Sachs erwarb. Wegen seiner preußischen Tugenden bildete ihn das Boulevardblatt sogar einmal mit Pickelhaube ab.

Einen etwas originelleren Beinamen fanden übrigens die Mitarbeiter der italienischen Zentralbank für ihren Chef: "Signor Altrove", Herr Anderswo, wird Mario Draghi dort laut Schweizer Wirtschaftsmagazin "Bilanz" genannt, wegen seiner vielen Reisen.

Der EZB-Präsident - ein Herr Anderswo? Es bleibt zu hoffen, dass Draghi diesem Namen bei der Lösung der Euro-Schuldenkrise nicht alle Ehre macht.