Naturkatastrophe Erdbeben in Türkei fordert bisher 270 Tote

Einen Tag nach dem Erdbeben in der Türkei ist die Zahl der Toten heute auf 265 gestiegen. Außerdem sind 1140 Menschen verletzt, berichteten TV-Sender. Insgesamt wurden 970 Gebäude zerstört. Auch aus Deutschland starten nun Helfer in das Katastrophengebiet im Osten der Türkei.
Aufräumarbeiten in der Stadt Van nach dem schweren Erdbeben: Noch gibt es Hoffnung auf Überlebende

Aufräumarbeiten in der Stadt Van nach dem schweren Erdbeben: Noch gibt es Hoffnung auf Überlebende

Foto: ADEM ALTAN/ AFP

Der türkische Innenminister Idris Naim Sahin hat im Zusammenhang mit dem schweren Erdbeben der Stärke 7,2 im Südosten der Türkei von bis zu 270 Toten gesprochen. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP sagte Sahin zudem, etwa 1.000 Menschen seien bei dem Beben am Vortag verletzt worden. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan besuchte die Region am späten Sonntag und stellte fest, dass fast alle Lehmziegelbauten in den umliegenden Dörfern der Region dem Beben zum Opfer gefallen seien.

Unterdessen konnten am Montag mehrere Überlebende aus den Trümmern geborgen werden. Ein Überlebender wurde beim Einsturz eines sechsstöckigen Hauses der Stadt Ercis verschüttet und erlitt eine Beinverletzung, wie Anadolu meldete. Der Mann rief den Angaben zufolge auf seinem Handy eine Hotline der Polizei an und beschrieb, wo er sich befand. Zudem konnten aus demselben Gebäude zwei Kinder gerettet werden - 20 Stunden, nachdem das Beben die Stadt verwüstete.

Noch immer sind Dutzende Menschen unter den Trümmern verschüttet. Die ganze Nacht hindurch suchten Rettungsmannschaften im Schein von mit Generatoren betriebenen Flutlichtern nach Opfern. Hilfsorganisationen stellten Zelte, Lazaretts und mobile Küchen für die Opfer bereit. Viele verbrachten die Nacht aus Angst vor Nachbeben im Freien.

In Kleinstadt stürzten 80 mehrstöckige Häuser ein

Katastrophenschützer setzten auch schweres Räumgerät ein, um Verschüttete aus Trümmern zu bergen. Der Krisenstab der Regierung erklärte, in dem Erdbebengebiet in der Provinz Van seien insgesamt 970 Gebäude zerstört worden. Allein in der Stadt Ercis seien etwa 80 mehrstöckige Häuser eingestürzt, sagte Innenminister Sahim. Unter den Trümmern von etwa 40 Gebäuden gebe es immer noch Verschüttete.

Mindestens 117 Menschen kamen allein in der 75.000-Einwohner-Stadt Ercis nahe der Grenze zum Iran ums Leben. 100 starben in der größeren, etwa 90 Kilometer südlich gelegenen Stadt Van, der Hauptstadt der vom Erdbeben am schwersten betroffenen Provinz. Die Ausläufer des Bebens waren auch im Iran und Armenien zu spüren.

Die Behörden warnten die Bevölkerung, sich von beschädigten Gebäuden wegen Einsturzgefahr angesichts möglicher weiterer Nachbeben fernzuhalten. Aus dem ganzen Land wurden Ärzte und Helfer in das Gebiet gebracht, um die mehr als 1.000 Verletzten der Katastrophe zu versorgen.

Auch Helfer aus Deutschland in die Türkei unterwegs

Regierungschef Recep Tayyip Erdogan versprach einen verstärkten Hilfseinsatz der Armee. "Wir werden keinen Bürger in der Kälte lassen." In das Krisengebiet wurden nach türkischen Regierungsangaben mehr als 1.200 Helfer geschickt. In Ercis seien zwei provisorische Krankenhäuser aus Zelten errichtet worden.

In der Nacht hatten Helfer berichtet, aus mehreren Gebäuden seien Hilferufe Verschütteter zu hören gewesen. Bis in den Morgen gab es mehr als 20 stärkere Nachbeben in der Region, wie das Deutsche Geoforschungszentrum Potsdam berichtete. Die Provinz Van wird mehrheitlich von Kurden bewohnt. Sie liegt im Südosten des Landes und grenzt an den Iran.

Aserbaidschan, Bulgarien und der Iran schickten Hilfe in die Türkei, obwohl Ankara erklärt hat, mit der Lage selbst fertig zu werden. Die Regierung akzeptierte aber die Hilfsangebote, weil sie bereits am Vortag auf den Weg gebracht worden waren.

Experten befürchten insgesamt bis zu 1000 Tote

Auch aus Deutschland starteten am Montag Helfer. Die Hilfsorganisation humedica schickte ein medizinisches Ersteinsatzteam los. "Für die Menschen, die jetzt noch unter den Trümmern liegen, schwinden natürlich die Überlebenschancen Stunde für Stunde", sagte Sprecherin Ruth Bücker der Deutschen Presse-Agentur, bevor ein Charterflug mit dem Team und Ausrüstung an Bord in Memmingen abhob.

Nach dem Beben der Stärke 7,2 geht die Istanbuler Erdbebenwarte Kandilli insgesamt von mehr als 1.000 Todesopfern aus. Andere Experten erklärten am Montag, die Zahl werde wohl niedriger sein. Mehrere Verschüttete wurden lebend aus den Trümmern gezogen. Ein 19-Jähriger rief mit seinem Mobiltelefon um Hilfe. Der Mann wurde dann aus den Trümmern eines sechsstöckigen Hauses in Ercis geborgen. Mit Verletzungen am Bein kam er ins Krankenhaus. Auch zwei Kinder im Alter von drei und fünf Jahren wurden gerettet.

Die Türkei wird immer wieder von heftigen Erdbeben heimgesucht. In der Provinz Van gab es 1976 ein Erdbeben mit fast 4000 Toten. Das Land lebt in ständiger Angst vor neuen Erdstößen durch die Reibung tektonischer Platten in der Erdkruste

wed/dapd/dpa/rtr
Mehr lesen über