Vermögensschätzung Gaddafi besaß angeblich 200 Milliarden Dollar

Der libysche Ex-Machthaber Muammar al-Gaddafi hat nach einem Zeitungsbericht doppelt so viel Geld beseite geschafft wie bisher angenommen. Unterdessen verspricht der libysche Übergangsrat Wahlen binnen acht Monaten.
War bekannt für seine exzentrischen Auftritte: Muammar al-Gaddafi

War bekannt für seine exzentrischen Auftritte: Muammar al-Gaddafi

Foto: MAX ROSSI/ REUTERS

Washington/Misrata - Der am Donnerstag getötete Diktator soll möglicherweise Vermögenswerte in Höhe von mehr als 200 Milliarden Dollar (144 Milliarden Euro) angehäuft haben. Das entspreche 30.000 Dollar pro Kopf der libyschen Bevölkerung und sei doppelt so viel, wie westliche Regierungen bisher angenommen hätten, meldete die "Washington Post" am Samstag unter Berufung auf hochrangige libysche Offizielle.

Das Blatt zitierte einen Beamten mit den Worten, der Umfang der im Laufe der Jahre angehäuften Besitztümer in allen Teilen der Welt in Form von Bargeld, Bankkonten, Immobilien, Goldreserven und Investments sei unfassbar. Der Beamte, so die Zeitung, habe detaillierte Unterlagen über die Suche nach den Vermögenswerten studiert.

Wenn die neuen Vermögensschätzungen zuträfen, "dann wird Gaddafi sowohl als einer der habgierigsten als auch bizarrsten Machthaber der Welt in die Geschichte eingehen", schrieb die "Washington Post". Die Enthüllung des unglaublichen Reichtums könne neuen Zorn bei den Libyern auslösen, von denen etwa ein Drittel in Armut lebe.

Nach dem Tod von Gaddafi hat die Übergangsregierung der libyschen Bevölkerung Wahlen bis spätestens nächsten Sommer versprochen. Zunächst müssten die Waffen von den Straßen verschwinden und halbwegs geordnete Verhältnisse wiederhergestellt werden, sagte Ministerpräsident Mahmud Dschibril am Samstag auf einem Wirtschaftsforum in Jordanien. Die erste Parlamentswahl solle dann spätestens in acht Monaten stattfinden. Dieser neu gewählte Nationalkongress werde anschließend eine Übergangsregierung bestimmen und eine Verfassung ausarbeiten, über die die Bevölkerung dann in einem eigenen Referendum entscheiden solle.

Die Nato will ihren Einsatz in dem nordafrikanischen Land in eineinhalb Wochen beenden. Der Übergangsrat wollte nach dem Sturz des Gaddafi-Regimes offiziell am Sonntag die "Befreiung" des Landes ausrufen. Gemäß der Pläne dafür werde er noch am Samstag von seinem Amt zurücktreten, sagte Dschibril am Rande der Konferenz am Toten Meer der Nachrichtenagentur Reuters. Dschibril hatte Anfang Oktober angekündigt, seinen Posten nach der Befreiung des Landes aufzugeben.

UN fordert Untersuchung der Todesumstände

Die Familie von Gaddafi verlangte von der Übergangsregierung die Herausgabe seines Leichnams. Der Körper müsse an Gaddafis Stamm in der Stadt Sirte übergeben werden, um ihn nach islamischem Regeln beerdigen zu können, hieß es in einer Erklärung, die von einem syrischen Fernsehsender veröffentlicht wurde. Die Familie forderte auch den Leichnam von Gaddafis Sohn Motassim, der wie sein Vater am Donnerstag getötet wurde, als Kämpfer der Übergangsregierung die Stadt Sirte einnahmen. Der als Nachfolger Gaddafis gehandelte Sohn Saif konnte nach Angaben des Übergangsrats in Richtung südlicher Grenze fliehen.

Nach wie vor ist unklar, wie Gaddafi getötet wurde. Er wurde zunächst in einem Wasserrohr unter einer Straße in der Nähe von Sirte entdeckt und lebend gefangengenommen. Nach Darstellung des Übergangsrates starb Gaddafi später in einem Krankenwagen. Der Fahrer des Wagens sagte allerdings der Nachrichtenagentur Reuters, Gaddafi sei bereits tot gewesen, als er den Körper in Empfang genommen habe. Diese Aussage würde die weit verbreitete Annahme stützen, dass der frühere Machthaber gelyncht wurde. Die UN-Menschenrechtsorganisation forderte eine Untersuchung.

Die halbnackte Leiche Gaddafis mit Einschusswunde am Kopf war am Freitag in einem Kühlraum in der Stadt Misrata zur Schau gestellt worden. Etliche Menschen fotografierten den Körper mit ihren Mobiltelefonen. Ein Kommandeur in Misrata sagte, Gaddafi werde wie jeder Muslim seine Rechte bekommen und würdevoll behandelt.

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen äußerte wie andere westliche Vertreter kein öffentliches Bedauern über den Tod Gaddafis. Die Nato habe den Einsatz schnell und mit größter Vorsicht durchgeführt. "Ich bin sehr stolz auf das, was wir erreicht haben", sagte Rasmussen auf einer Pressekonferenz am späten Freitagabend. Der Einsatz, der offiziell mit dem Schutz der Bevölkerung begründet wurde, soll nach seinen Worten am 31. Oktober offiziell beendet werden. Am Donnerstag hatten der Nato zufolge französische Kampfflugzeuge eine Wagenkolonne Gaddafis angegriffen, als er sich mit Gefolgsleuten aus Sirte absetzen wollte. Seitdem gibt es keine Angriffe auf libysche Ziele mehr. Im UN-Sicherheitsrat begannen bereits Gespräche, die seit März geltende Flugverbotszone über dem Land aufzuheben.

mh/dpa/reuters
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