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Evitas Erben: "Zur Hölle mit dem IWF"

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Banker-Aufruhr "Zur Hölle mit dem IWF"

Wall Street 2011? Nein, die Mutter aller Finanzrevolten war Buenos Aires 2001. Seitdem sind in Argentinien die Wütenden an der Macht, Präsidentin Cristina Kirchner steht vor der Wiederwahl. Sie mobilisiert mehr denn je die Massen gegen den Neoliberalismus. Das Psychogramm einer Bewegung.
Von Stefan Biskamp

Buenos Aires - Sein Hemd ist verschwitzt, das Kinn schnellt nach vorn, die Stimme bricht brüllend durchs Mikro: "Jedes Mal, wenn wir nach Washington fliegen, werden wir denen ins Gesicht sagen: zur Hölle mit dem Internationalen Währungsfonds"(IWF). Ausrufezeichen. Jubel.

Amado Boudou ist Finanzminister, Frauenschwarm und Argentiniens Antwort auf Robert Redford. Sein Auftritt ist filmreif. In deutschen Kinos gespielt bräuchte er die Synchronstimme Herbert Wehners, auf doppelte Lautstärke gedreht. Das Wort "Währungsfonds" spuckt er so angewidert aus, als ob er die "Internationale Verwesungsfront" in den Mund genommen hätte.

"Alles für Argentinien!" Luftholen, Reaktion checken: Schweigen.

Den IWF hat Argentinien nach dem Staatsbankrott von 2001 zwar früh ausgezahlt. Aber er ist immer noch Buchprüfer der verbliebenen Gläubiger, darunter mit mehr als zwei Milliarden Dollar plus Zinsen auch Deutschland. Das Ansinnen des Fonds, einen Blick in die Statistiken zu werfen, ist für Argentinier ein Affront. In Regierungskreisen heißt es, die Schulden würden binnen zwei Jahren beglichen - aber nur, wenn der IWF draußen bleibt.

"Seid stark, Arbeiter!" Abchecken: noch null Reaktion. Beim Auftritt vor den unlängst zum Jahreskongress versammelten Mitgliedern der argentinischen Automobilgewerkschaft präsentiert sich Boudou auch als designierter Vizepräsident. Staatschefin Cristina Fernandez de Kirchner ist der Sieg bei den Präsidentschaftswahlen am 23. Oktober kaum noch zu nehmen; das gestehen selbst Gegenkandidaten öffentlich ein. Der Wahlkampf ist klinisch tot.

Trommeln donnern zur Nationalhymne

Im Endstadium ist auch Boudous Rede. Er umfasst das Stehpult, dreht sein Gesicht ins Profil, und schießt seitlich "Sei stark, Cristina!" durchs Mikro in die Menge. Gekonnt. Endlich: Jubel und Trampeln. Das Fahnenmeer wogt. Papierschnipsel schneien. Draußen auf der Straße gehen Raketen in Luft, Böller kreischen und knallen. Trommeln donnern. Noch zehn Blocks weiter hallt die nun vieltausendkehlig gegröhlte Nationalhymne durch den Lärm der Hauptstadt Buenos Aires.

In den USA besetzt die Finanzrevolte die Wall Street, in Griechenland wundern sich Funktionäre der Experten-Troika von IWF, Europäischer Zentralbank ( EZB) und Europäische Union ( EU) über die "unerfreuliche" Reaktion der Bürger. Aber sie waren auch nicht bei Boudous Auftritt. Und gut, dass sie vor zehn Jahren auch nicht in Argentinien waren.

Buenos Aires im Dezember 2001, das war die Mutter aller Finanzrevolten. Sie legte das Fundament für eine Massenbewegung, die bei den Vorwahlen Mitte August auf 51 Prozent der Stimmen kam; die nächsten Verfolger landeten bei 12 Prozent. Die Bewegung ist zur Verzweiflung der Opposition praktisch immun gegen eine Vielzahl von Affären, die Gerichte beschäftigen: Ein ehemaliger Wahlkampfmanager Kirchners ist in organisierten Medikamentenschmuggel verwickelt. Der Ex-Justiziar einer Stiftung hat mutmaßlich Millionen aus der Staatskasse veruntreut: Der Skandal um die berühmten Madres de la Plaza de Mayo, den Müttern der von der Diktatur der 80er Jahre verschleppten Kinder, erschüttert seit Monaten Argentinien. Aber nicht das Vertrauen der Anhänger.

"Crispasión" steht auf Fan-T-Shirts für Präsidentin Kirchner. "Crispasión" wäre auch der passende Titel für einen Film mit Boudou in der männlichen Hauptrolle. Allerdings ist für Argentinier der Hass auf den IWF und allen Neoliberalismus keine Show, es ist ihnen bitterernst damit.

Die Mutter aller Finanzrevolten startete in Argentinien

Der ehemalige Präsident Carlos Menem trieb das Land in den 90er Jahren mit hastigen Privatisierungen und der Bindung des Peso an den Dollar die Überschuldung. 2001 überordnete die Regierung das Land praktisch dem IWF, ein Sparprogramm würgte die Wirtschaft ab, die Arbeitslosigkeit stieg auf mehr als 20 Prozent. Da das Programm nicht griff, verweigerte der IWF im November 2001 einen Kredit, das Land war pleite.

Um die Banken zu retten, fror die Regierung die Konten der Bürger ein. Am 16. Dezember dann die ersten Proteste, Arbeitslose forderten Carepakete, der Tag endete in Plünderungen und Unruhen. In den folgenden Monaten brach eine Hungersnot aus. Wer noch Geld hatte, aß morgens, mittags und abends Soja - damals Grundnahrungsmittel, heute als Exportgut die Grundlage des wirtschaftlichen Aufschwungs. Die Selbstmordrate schnellte hoch.

Am 19. Dezember ging auch die Mittelschicht auf die Straße: "Cacerolazo" heißen die Märsche, bei denen auf Kochtöpfe und alles, was Lärm macht, geschlagen wird. Wenn das Hunderttausende machen, bebt die Pampa. Am 20. Dezember starben landesweit 26 Menschen, fünf wurden auf dem Platz direkt vor dem Präsidentenpalast, der Casa Rosada, von Polizisten erschossen. Am Abend trat Staatschef Fernando de la Rua zurück, doch das Rosa Haus wurde belagert. Er ließ sich mit dem Helikopter ausfliegen. Kurz darauf erklärte sein Nachfolger Argentinien für bankrott.

Die Aufstände zogen sich bis weit ins Jahr 2002. Und während die Bevölkerung nach Aufhebung der Peso-Dollar-Parität ihre Ersparnisse verlor, sahen Vermögende dabei zu, wie sich ihre in Argentinien verbliebenen Schulden - das bewegliche Kapital war schon im Ausland - von selbst abbauten.

Profiteur des Rohstoffbooms

Néstor Kirchner, der vor einem Jahr verstorbene Mann und Amtsvorgänger Cristina Kirchners, nutzte die Gunst der Stunde. Aus dem linken Flügel der peronistischen Partei baute er eine eigene: die "Front für den Sieg". Er startete mit seinem Amtsantritt 2003 eine Dauerrevolte gegen Spekulation und gegen Konzerne, die Argentiniern etwas verkaufen, aber nur importieren und den Gewinn im Ausland bunkern wollen. Und es ist eine Dauerdemo für Menschenrechte: Argentinien wickelt als erstes Land des Kontinents seine Diktatur systematisch vor Gericht ab.

Wirtschaftlich profitiert die Regierung vom Rohstoffboom, der das unter der Last sozialer Probleme schier zerbrechende Land in die G20 führte. Aber auch einen Elfmeter muss man erst verwandeln: Argentinien habe seine Sache "gut gemacht", sagt Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stieglitz. Andere kritisieren die hohe Inflation, die offiziell um die zehn Prozent schwankt, inoffiziell bei etwa dem doppelten liegt. Doch private Inflationsberechnungen zu veröffentlichen ist verboten. Es ist eine widersprüchliche Bewegung: An der Spitze ist der "Kirchnerismus" radikal, selbstherrlich und selbstverliebt. Und an der Basis bunt.

Martín, Anita und César stehen um den Tresen des "politisch-sozial-kulturellen Zentrums" im Stadtviertel San Telmo von Buenos Aires, eingeklemmt zwischen Eisdiele und Parkhaus in einer Kopfsteinpflastergasse. An der Wand mit Kreide ein Stundenplan auf schwarzer Tafel: Tangokurs, Nachhilfe, Zeichnen und am Sonntag um drei: "Wie aus Deinen Abfällen gesunde Lebensmittel wachsen." Unter dem Fenster stehen Gemüsepflänzchen in Humustöpfchen. Die Teilnahme an einer Einkaufsgemeinschaft verspricht bei 35 Peso, rund 6 Euro, Einsatz für Lebensmittel eine Ersparnis von 135 Peso. Die jungen Leute hier nähen Fahnen für die Front für den Sieg, organisieren Demos, kleben Plakate und malen in Großbuchstaben "Cristina 2011" an Häuserwände.

"In New York, das sind natürlich unsere Compañeros", sagt César. "Wir befürworten jeden legitimen Kampf gegen den Neoliberalismus, auch die Demos in Spanien. Wobei", sagt Martín, "eigentlich seltsam: Da regieren doch die Sozialisten." "Aber sie haben einen König!", sagt César.

Buenos Aires' Revolte war von Hunger und Geldnot getrieben

Argentinien kommt Europäern oft seltsam vor; doch Europa auch Argentiniern. Beliebt ist Spaniens König Juan Carlos, der 1982 dem Diktator Jorge Rafael Videla die Hand gab, hier ohnehin nicht. "Ich vergesse nicht", das ist nicht nur der Claim der Mütterorganisation Madres de la Plaza de Mayo. Es ist der Ausdruck eines erhebenden Gefühls: In dem mit Abscheu gesprochenen "ich vergesse nicht" schwingt der Stolz über den Schmerz mit, der einem die Gewissheit gibt, noch zu leben. In diesem Sinn vergessen Argentinier, die damals dabei waren, nicht den Namen der IWF-Direktorin Anne Krüger, die sich 2001 persönlich um Argentinien kümmerte. Und erst recht nicht den des Ex-Präsidenten Carlos Menem, den viele gar nicht aussprechen: Sie klopfen stattdessen im Zorn auf Holz.

Wobei das mit dem Vergessen so eine Sache ist: Manches, was die Menschen heute nicht vergessen, an das haben sie sich früher gar nicht erinnert. Menem wäre 2003 fast noch einmal Präsident geworden, traute sich dann aber nicht in die Stichwahl gegen Néstor Kirchner. Anders als an der Wall Street 2011 - und womöglich auch das Überschwappen nach Deutschland - war die Finanzrevolte Buenos Aires 2001 von Hunger und Geldnot getrieben. Den Überbau - "zur Hölle mit dem IWF" - lieferte der Kirchner nach.

Dazu baute er parallel zur peronistischen Partei eigene Gruppierungen auf. Die wichtigste ist die 2003 von Kirchners Sohn Maximo gegründete "Cámpora", benannt nach einem Freund des Parteigründers Juan Domingo Perón; eine Art Parteijugend, aber lose organisiert. "Ich bin gar keine Peronistin", sagt die Aktivistin Anita, was ungefähr so blasphemisch ist, als ob ein Mitglied der Jungen Union sagen würde, er sei gar nicht konservativ. Diese Offenheit ist einer der Gründe, warum sich die Mitglieder der Cámpora in Hunderttausenden messen und die von JU oder Jusos in Zehntausenden.

Draußen vor dem Cámpora-Lokal wühlen Bewohner der Slums Pappe aus dem Abfall. Mülltrennung funktioniert in Europa anders. "Noch", sagt in César. Das "noch" kommt schnell, ernst und ohne Häme. Was aus Griechenland denn werden solle, fragt er, was gäbe es denn da zu exportieren? "Der Unterschied zwischen euch und uns ist", sagt Martín: "Wir sind militanter und wilder, das ist unsere Kultur. In Europa geht es sauberer und zivilisierter zu. Unsere Stadt wurde von Schmugglern gegründet, und der Fluss hier ist der am stärksten verschmutzte in ganz Amerika. Was bei euch Krise ist, ist bei uns Alltag - der kommt erst jetzt in Europa bei den Menschen an, die ihr täglich seht."

In der Rolle der guten Fee

Der Verweis auf die Armut in den Straßen beißt sich mit der Parteilinie, die sich bei Präsidentin Kirchner so anhört: "Was die jungen Menschen in den Ländern, in denen jetzt alles in sich zusammenfällt, fordern: Hoffnung und den Aufbau einer Zukunft - all das haben wir schon gemacht, und das machen wir weiter in diesen glücklichen Jahren." Das ist blumiger als Helmut Kohls "blühende Landschaften", erreicht jedoch, je nach Anschauung, auf der nach oben offenen Märchenskala nicht dessen Werte. Argentiniens Wirtschaft wuchs im vergangenen Jahr um gut 9 Prozent.

Die Rolle der guten Fee hat im Peronismus eigentlich Eva Perón, die erste Frau des Parteigründers. "Evita" gehörte als minderjähriges Model zu den Mädchen, mit denen wohlhabende Herren ihre Gemahlinnen betrogen, aber sie schaffte den Aufstieg. Im Großbürgertum war sie verhasst, eine Empfindung, die auf Gegenseitigkeit beruhte. Ihre Abscheu gegen die Reichen trug ebenso zu ihrer Beliebtheit unterhalb der Elite bei, wie ihr soziales Engagement, und ihre sagenhaft teuren Kleider waren Trophäen des Einbruchs in eine verbotene Klasse, Symbole ausgleichender Gerechtigkeit.

So verzeihen die Kirchneristen von heute auch Cristina Kirchner den Faible für teure Mode. Allerdings musste Kirchner nirgendwo einbrechen. Sie und ihr Mann Nestor machten, bevor sie die Regierung übernahmen, ein Vermögen als Schuldeneintreiber in Patagonien. Mit "den glücklichen Jahren", die Kirchner anspricht, meinen Peronisten eigentlich auch nicht die Jahre unter ihr und ihrem Mann, sondern Peróns erste Präsidentschaft 1946 bis 1955. Da gehörte Argentinien zu den reichsten Ländern. Perón nutzte den Rindfleischexport, um das Land durch den Aufbau von Staatsunternehmen zu industrialisieren und durch Sozialleistungen die Nachfrage anzukurbeln. Gewerkschaften schwor er auf die Partei ein, indem er ihnen die Sozialkassen übertrug.

Wirtschaftsförderung per Dekret

Auch Kirchner setzt auf Konsum als Wachstumsmotor. Doch statt Unternehmen zu verstaatlichen, versucht Kirchner sie zum Aufbau einer Produktion in Argentinien zu zwingen, etwa indem sie genauso viel exportieren wie importieren müssen. Und die Jugendorganisation Cámpora löst schleichend die Gewerkschaften als Machtbasis ab.

Ideologisch ist der Peronismus auch unter den Kirchners nicht sozialistisch und schon gar nicht antikapitalistisch. Perón schwebte ein dritter Weg zwischen beiden Richtungen vor, die Partei der Gerechtigkeit, wobei Gerechtigkeit vom gerechten Lohn bis zum gerechten Ausgleich durch den Schmuck um Evitas Hals ein weites Bedeutungsspektrum umschließt. Um Gerechtigkeit geht es auch den jungen Leuten im Cámpora-Lokal. Den Kapitalismus könne man gar nicht abschaffen, dazu sei Argentinien viel zu sehr in die globale Wirtschaft eingebunden, sagen sie, der Staat muss ihn nur regulieren. "Es gibt Menschen", sagt Anita, "die mehr Geld verdienen, als sie je ausgeben können. Dass jemand viel verdient, ist ja in Ordnung. Aber es muss Grenzen geben."

Das ist weder links, noch rechts, noch radikal - und auch deswegen Teil einer eine Volksbewegung. "Eigentlich", sagte Anita, "geht es um einen kulturellen Wandel": Wieder auf die Straße gehen zu können, um Menschen zu helfen, die dort leben; Einkaufsgemeinschaften für gesunde und billige Lebensmittel organisieren; ein Rockkonzert veranstalten, das keinen Gewinn abwerfen muss; "und wir können wieder mit Stolz die Nationalhymne singen".

Und zur Gerechtigkeit gehört für Anita auch, dass Argentinien seine Schulden zurückzahlt. "Klar", sagt sie, "nur nicht zu jedem Preis".

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