Sonntag, 15. Dezember 2019

Banker-Aufruhr "Zur Hölle mit dem IWF"

Evitas Erben: "Zur Hölle mit dem IWF"
AP

3. Teil: Buenos Aires' Revolte war von Hunger und Geldnot getrieben

Argentinien kommt Europäern oft seltsam vor; doch Europa auch Argentiniern. Beliebt ist Spaniens König Juan Carlos, der 1982 dem Diktator Jorge Rafael Videla die Hand gab, hier ohnehin nicht. "Ich vergesse nicht", das ist nicht nur der Claim der Mütterorganisation Madres de la Plaza de Mayo. Es ist der Ausdruck eines erhebenden Gefühls: In dem mit Abscheu gesprochenen "ich vergesse nicht" schwingt der Stolz über den Schmerz mit, der einem die Gewissheit gibt, noch zu leben. In diesem Sinn vergessen Argentinier, die damals dabei waren, nicht den Namen der IWF-Direktorin Anne Krüger, die sich 2001 persönlich um Argentinien kümmerte. Und erst recht nicht den des Ex-Präsidenten Carlos Menem, den viele gar nicht aussprechen: Sie klopfen stattdessen im Zorn auf Holz.

Wobei das mit dem Vergessen so eine Sache ist: Manches, was die Menschen heute nicht vergessen, an das haben sie sich früher gar nicht erinnert. Menem wäre 2003 fast noch einmal Präsident geworden, traute sich dann aber nicht in die Stichwahl gegen Néstor Kirchner. Anders als an der Wall Street 2011 - und womöglich auch das Überschwappen nach Deutschland - war die Finanzrevolte Buenos Aires 2001 von Hunger und Geldnot getrieben. Den Überbau - "zur Hölle mit dem IWF" - lieferte der Kirchner nach.

Dazu baute er parallel zur peronistischen Partei eigene Gruppierungen auf. Die wichtigste ist die 2003 von Kirchners Sohn Maximo gegründete "Cámpora", benannt nach einem Freund des Parteigründers Juan Domingo Perón; eine Art Parteijugend, aber lose organisiert. "Ich bin gar keine Peronistin", sagt die Aktivistin Anita, was ungefähr so blasphemisch ist, als ob ein Mitglied der Jungen Union sagen würde, er sei gar nicht konservativ. Diese Offenheit ist einer der Gründe, warum sich die Mitglieder der Cámpora in Hunderttausenden messen und die von JU oder Jusos in Zehntausenden.

Draußen vor dem Cámpora-Lokal wühlen Bewohner der Slums Pappe aus dem Abfall. Mülltrennung funktioniert in Europa anders. "Noch", sagt in César. Das "noch" kommt schnell, ernst und ohne Häme. Was aus Griechenland denn werden solle, fragt er, was gäbe es denn da zu exportieren? "Der Unterschied zwischen euch und uns ist", sagt Martín: "Wir sind militanter und wilder, das ist unsere Kultur. In Europa geht es sauberer und zivilisierter zu. Unsere Stadt wurde von Schmugglern gegründet, und der Fluss hier ist der am stärksten verschmutzte in ganz Amerika. Was bei euch Krise ist, ist bei uns Alltag - der kommt erst jetzt in Europa bei den Menschen an, die ihr täglich seht."

In der Rolle der guten Fee

Der Verweis auf die Armut in den Straßen beißt sich mit der Parteilinie, die sich bei Präsidentin Kirchner so anhört: "Was die jungen Menschen in den Ländern, in denen jetzt alles in sich zusammenfällt, fordern: Hoffnung und den Aufbau einer Zukunft - all das haben wir schon gemacht, und das machen wir weiter in diesen glücklichen Jahren." Das ist blumiger als Helmut Kohls "blühende Landschaften", erreicht jedoch, je nach Anschauung, auf der nach oben offenen Märchenskala nicht dessen Werte. Argentiniens Wirtschaft wuchs im vergangenen Jahr um gut 9 Prozent.

Die Rolle der guten Fee hat im Peronismus eigentlich Eva Perón, die erste Frau des Parteigründers. "Evita" gehörte als minderjähriges Model zu den Mädchen, mit denen wohlhabende Herren ihre Gemahlinnen betrogen, aber sie schaffte den Aufstieg. Im Großbürgertum war sie verhasst, eine Empfindung, die auf Gegenseitigkeit beruhte. Ihre Abscheu gegen die Reichen trug ebenso zu ihrer Beliebtheit unterhalb der Elite bei, wie ihr soziales Engagement, und ihre sagenhaft teuren Kleider waren Trophäen des Einbruchs in eine verbotene Klasse, Symbole ausgleichender Gerechtigkeit.

So verzeihen die Kirchneristen von heute auch Cristina Kirchner den Faible für teure Mode. Allerdings musste Kirchner nirgendwo einbrechen. Sie und ihr Mann Nestor machten, bevor sie die Regierung übernahmen, ein Vermögen als Schuldeneintreiber in Patagonien. Mit "den glücklichen Jahren", die Kirchner anspricht, meinen Peronisten eigentlich auch nicht die Jahre unter ihr und ihrem Mann, sondern Peróns erste Präsidentschaft 1946 bis 1955. Da gehörte Argentinien zu den reichsten Ländern. Perón nutzte den Rindfleischexport, um das Land durch den Aufbau von Staatsunternehmen zu industrialisieren und durch Sozialleistungen die Nachfrage anzukurbeln. Gewerkschaften schwor er auf die Partei ein, indem er ihnen die Sozialkassen übertrug.

© manager magazin 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung