Mittwoch, 23. Oktober 2019

Banker-Aufruhr "Zur Hölle mit dem IWF"

Evitas Erben: "Zur Hölle mit dem IWF"
AP

2. Teil: Die Mutter aller Finanzrevolten startete in Argentinien

Der ehemalige Präsident Carlos Menem trieb das Land in den 90er Jahren mit hastigen Privatisierungen und der Bindung des Peso an den Dollar die Überschuldung. 2001 überordnete die Regierung das Land praktisch dem IWF, ein Sparprogramm würgte die Wirtschaft ab, die Arbeitslosigkeit stieg auf mehr als 20 Prozent. Da das Programm nicht griff, verweigerte der IWF im November 2001 einen Kredit, das Land war pleite.

Um die Banken zu retten, fror die Regierung die Konten der Bürger ein. Am 16. Dezember dann die ersten Proteste, Arbeitslose forderten Carepakete, der Tag endete in Plünderungen und Unruhen. In den folgenden Monaten brach eine Hungersnot aus. Wer noch Geld hatte, aß morgens, mittags und abends Soja - damals Grundnahrungsmittel, heute als Exportgut die Grundlage des wirtschaftlichen Aufschwungs. Die Selbstmordrate schnellte hoch.

Am 19. Dezember ging auch die Mittelschicht auf die Straße: "Cacerolazo" heißen die Märsche, bei denen auf Kochtöpfe und alles, was Lärm macht, geschlagen wird. Wenn das Hunderttausende machen, bebt die Pampa. Am 20. Dezember starben landesweit 26 Menschen, fünf wurden auf dem Platz direkt vor dem Präsidentenpalast, der Casa Rosada, von Polizisten erschossen. Am Abend trat Staatschef Fernando de la Rua zurück, doch das Rosa Haus wurde belagert. Er ließ sich mit dem Helikopter ausfliegen. Kurz darauf erklärte sein Nachfolger Argentinien für bankrott.

Die Aufstände zogen sich bis weit ins Jahr 2002. Und während die Bevölkerung nach Aufhebung der Peso-Dollar-Parität ihre Ersparnisse verlor, sahen Vermögende dabei zu, wie sich ihre in Argentinien verbliebenen Schulden - das bewegliche Kapital war schon im Ausland - von selbst abbauten.

Profiteur des Rohstoffbooms

Néstor Kirchner, der vor einem Jahr verstorbene Mann und Amtsvorgänger Cristina Kirchners, nutzte die Gunst der Stunde. Aus dem linken Flügel der peronistischen Partei baute er eine eigene: die "Front für den Sieg". Er startete mit seinem Amtsantritt 2003 eine Dauerrevolte gegen Spekulation und gegen Konzerne, die Argentiniern etwas verkaufen, aber nur importieren und den Gewinn im Ausland bunkern wollen. Und es ist eine Dauerdemo für Menschenrechte: Argentinien wickelt als erstes Land des Kontinents seine Diktatur systematisch vor Gericht ab.

Wirtschaftlich profitiert die Regierung vom Rohstoffboom, der das unter der Last sozialer Probleme schier zerbrechende Land in die G20 führte. Aber auch einen Elfmeter muss man erst verwandeln: Argentinien habe seine Sache "gut gemacht", sagt Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stieglitz. Andere kritisieren die hohe Inflation, die offiziell um die zehn Prozent schwankt, inoffiziell bei etwa dem doppelten liegt. Doch private Inflationsberechnungen zu veröffentlichen ist verboten. Es ist eine widersprüchliche Bewegung: An der Spitze ist der "Kirchnerismus" radikal, selbstherrlich und selbstverliebt. Und an der Basis bunt.

Martín, Anita und César stehen um den Tresen des "politisch-sozial-kulturellen Zentrums" im Stadtviertel San Telmo von Buenos Aires, eingeklemmt zwischen Eisdiele und Parkhaus in einer Kopfsteinpflastergasse. An der Wand mit Kreide ein Stundenplan auf schwarzer Tafel: Tangokurs, Nachhilfe, Zeichnen und am Sonntag um drei: "Wie aus Deinen Abfällen gesunde Lebensmittel wachsen." Unter dem Fenster stehen Gemüsepflänzchen in Humustöpfchen. Die Teilnahme an einer Einkaufsgemeinschaft verspricht bei 35 Peso, rund 6 Euro, Einsatz für Lebensmittel eine Ersparnis von 135 Peso. Die jungen Leute hier nähen Fahnen für die Front für den Sieg, organisieren Demos, kleben Plakate und malen in Großbuchstaben "Cristina 2011" an Häuserwände.

"In New York, das sind natürlich unsere Compañeros", sagt César. "Wir befürworten jeden legitimen Kampf gegen den Neoliberalismus, auch die Demos in Spanien. Wobei", sagt Martín, "eigentlich seltsam: Da regieren doch die Sozialisten." "Aber sie haben einen König!", sagt César.

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