Sonntag, 17. November 2019

Euro-Krise Auf der Suche nach Kamikaze-Politikern

Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy: Europa sehnt sich nach Führung aus der Schuldenkrise

Angela Merkel und Nicolas Sarkozy haben ein großes Euro-Paket angekündigt. Doch nach allen Erfahrungen sind die Hoffnungen darauf gedämpft. Ein Scheitern möchte man sich kaum ausmalen.

Hamburg - Der nächste Aufzug des Dramas hat begonnen: die nächste Bankenkrise, die nächsten Herunterstufungen von Italien und Spanien durch die Ratingagenturen, die Insolvenz Griechenlands rückt nun doch in greifbare Nähe. So deprimierend, so vorhersehbar.

Tut endlich was! Diese Forderung an die Euro-Land-Regierungen ertönte laut und immer wieder beim diesjährigen Global Economic Symposium (GES), das vorige Woche in Kiel stattfand; das manager magazin unterstützt die Veranstaltung als Medienpartner. Bezeichnender Weise waren es überwiegend Vertreter der Schwellenländer, die sie erhoben: Chinesen, Brasilianer, Inder. Jetzt brauche es "Kamikaze-Politiker" in Europa, forderte Ali Babacan, stellvertretender Regierungschef der Türkei - Regierungen, die bereit sind, das Richtige und Notwendige zu tun, auch wenn es sie am Ende selbst die Macht kostet, weil das Richtige und Notwendige häufig eben auch das Unpopuläre ist.

Nun haben Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Präsident Nicolas Sarkozy ein großes Euro-Paket bis Ende Oktober angekündigt. Doch nach den bisherigen Erfahrungen sind die Hoffnungen gedämpft; entsprechend mau fielen die Reaktionen in den USA aus. In der Staatsschuldenkrise, die vor ziemlich genau zwei Jahren in ihre akute Phase eintrat, haben die Europäer ein bemerkenswertes Maß an Streitlust an den Tag gelegt. Frankreich ringt mit Deutschland darum, wer die anstehende Rekapitalisierung der Banken zahlen soll. Jeder Staat selbst - oder der gemeinsame Rettungsfonds EFSF. Der Euro-Staat Slowakei ringt um die Zustimmung zum EFSF. In der Berliner Koalition ringen die FDP und die CSU jeweils mit sich selbst um den richtigen Euro-Kurs. Und so weiter. Kurzfristige Taktik statt langfristige Strategie - so lässt sich die Krise nicht lösen.

Die massiven Probleme erforderten massive Antworten, sagte ein GES-Teilnehmer. Aber zum Unverständnis der restlichen Welt gelingt es den Europäern kaum noch zu reagieren, geschweige denn entschlossen zu agieren.

Die Lage ist so ernst, dass man sich die Folgen kaum ausmalen möchte. Während die gesamtwirtschaftliche Verschuldung in vielen westlichen Ländern historische Höchstwerte erreicht hat und die meisten etablierten Volkswirtschaften immer noch weit unter ihren Vorkrisen-Produktionsniveaus sind, rutscht die Welt schon wieder in den nächsten Abschwung - der wiederum durch die sich verschärfende Staatsschulden- und Bankenkrisen verstärkt wird.

Das Szenario eines globalen Meltdown - einer finanziellen Kernschmelze - ist nach wie vor in Takt. Kein Wunder, dass Aktien so niedrig bewertet sind. In den Preisen dürfte die Angst vor einem Systemversagen enthalten sein. Anders jedenfalls lassen sich die niedrigen Niveaus kaum erklären.

Es brauche einen abstimmten Plan der großen Wirtschaftsnationen, das war beim GES immer wieder zu hören. Die Amerikaner müssten ihre Immobilienkrise, die Langzeitarbeitslosigkeit und ihre Zahlungsfähigkeit in den Griff bekommen. Die Schwellenländer, zumal die Chinesen, müssten ihre Währungen aufwerten lassen und dadurch ihre Importe anregen - und warnen die USA für diesen Fall gleich vor einem Handelskrieg. Und die Europäer müssten der Welt klarmachen, dass sie ihre gemeinsame Zukunft selbst in die Hand nehmen können und wollen; wie die Vereinigten Staaten von Euro-Land aussehen könnten, darüber findet sich im aktuellen Heft ein umfassender Report.

"Die Lage ist sehr, sehr, sehr ernst", sagte mir kürzlich ein Topmann der Euro-Zone im vertraulichen Gespräch. Anfang November findet in Cannes der nächste Weltwirtschaftsgipfel statt: Die G 20 versammeln sich zu einem ihrer regulären Meetings. Die Erwartungen an das Treffen sind hoch. Falls die G20 sie enttäuschen, könnten die Folgen grausam sein.

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