Euro-Krise "Das wäre doch Wahnsinn"

EZB-Chef Jean-Claude Trichet geht. Aber die Welt könne nicht auf ihn verzichten, meint Burkhard Balz im Interview mit manager magazin Online. Der EU-Parlamentarier fordert: Der scheidende Notenbankpräsident muss Chef des Financial Stability Board werden. 
Jean-Claude Trichet: Der Chef der Europäischen Zentralbank gibt Ende Oktober sein Amt ab

Jean-Claude Trichet: Der Chef der Europäischen Zentralbank gibt Ende Oktober sein Amt ab

Foto: Michael Probst/ AP

mm: Herr Balz, fast zwei Jahre Euro-Krise haben uns einer Lösung nicht näher gebracht. Im Gegenteil: Der Druck der Märkte wird immer stärker. Im aktuellen Heft befassen wir uns in einem umfassenden Report damit. Scheitert die Währungsunion?

Balz: Soweit darf es nicht kommen. Ich bin da übrigens nicht ganz so skeptisch. Immerhin hat der Bundestag ja nun der Aufstockung der Euro-Rettungsschirms EFSF zugestimmt. Wir im Europäischen Parlament haben fast zeitgleich über den "Six Pack" entschieden - jenes Reformpaket, zu dem auch der verschärfte Stabilitätspakt gehört. Entgegen vieler Kritik, zuletzt auch durch US-Präsident Obama, herrscht in Europa kein Stillstand. Euro-Land ist nicht gelähmt - wir alle bewegen uns.

mm: Aber nicht schnell genug. Viele Investoren verlieren die Geduld.

Balz: Das ist ein Dilemma. Auf der einen Seite testen die Finanzmärkte aus, wie weit sie gehen können. Auf der anderen Seite haben wir europäische Regierungen, die nach der Methode "Versuch und Irrtum" handeln: Man macht kleine Schritte und guckt, was passiert. Problematisch daran ist die politische Rückwirkung: Wenn man zu viele Irrtümer begeht, dann steigt die Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Es entsteht der Eindruck, wir seien machtlos und nur noch Getriebene der Märkte.

mm: Ein Eindruck, der ja nicht ganz falsch ist, oder?

Balz: In der Tat: Seit einem Jahr agieren wir nicht mehr, sondern reagieren nur noch.

mm: Manche sagen, das sei die Schuld von Kanzlerin Merkel.

Balz: Demokratie ist nun mal ein schwieriges Geschäft. Wir müssen die Bürger mitnehmen. Und die sind von Aktionen, die die Märkte womöglich beruhigen würden, nicht begeistert. Natürlich könnten sich die Regierungen hinstellen und den EFSF mit unendlich großen Mitteln ausstatten. Oder sie könnten die Schuldenlasten auf immer mehr Staaten verteilen, indem sie Euro-Bonds einführen. Aber die Bürger, gerade in Deutschland, wollen das nicht. Das müssen wir als Politiker ernst nehmen.

mm: Eine weitere Aufstockung des Euro-Rettungsfonds über die jetzt vorgesehenen 440 Milliarden Euro hinaus ist längst absehbar. Aber Merkel und Schäuble erzählen den Bürgern, es werde auf keinen Fall soweit kommen. Wie soll da Vertrauen entstehen?

Balz: Möglich, dass der EFSF noch mal ausgeweitet werden muss. Aber wie gesagt: Wir dürfen die Bürger nicht überfordern. Im Übrigen gibt es zur Versuch-und-Irrtum-Methode keine Alternative: Für die Lösung dieser Krise gibt es keine Blaupause. Wir müssen uns Schritt für Schritt vortasten.

"Auf einen Mann wie diesen kann die Welt derzeit nicht verzichten"

mm: Als Folge der zögerlichen Krisenbekämpfung steht die Europäische Zentralbank (EZB) allein an der letzten Verteidigungslinie, kauft in großem Stil Anleihen von Krisenstaaten auf - und halb Deutschland hackt auf dem scheidenden EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet herum.

Balz: Zu unrecht, wie ich finde. Trichet hat mutig gehandelt. Ohne seine Entschlossenheit wären die Turbulenzen dieses Sommers, als plötzlich auch Italien ins Visier der Märkte geraten ist, nicht so glimpflich abgegangen.

mm: Nun scheidet Trichet ja Ende Oktober turnusmäßig aus dem Amt.

Balz: Ich würde mir wünschen, dass Trichet den Vorsitz des Financial Stability Board übernimmt, wenn er bei der EZB aufhört. Auf einen Mann dieser Erfahrung und Fähigkeiten kann die Welt in der derzeitigen Phase nicht verzichten.

mm: Das Financial Stability Board (FSB) wird bislang von Mario Draghi geleitet, der Trichet im November als EZB-Chef ablösen wird. Würde ein solcher Rollentausch nicht einen schalen Beigeschmack hinterlassen?

Balz: Das glaube ich nicht. Ich bin sehr froh, dass wir einen Mann wie Trichet in diesen schwierigen Zeiten in führender Funktion haben. Ihn einfach so ziehen zu lassen - das wäre doch Wahnsinn.

mm: Aber Trichet wird heftig kritisiert, gerade in Deutschland. Der Bundespräsident, der Bundesbank-Präsident, viele Ökonomen - ihnen sind die Anleihekäufe der EZB suspekt.

Balz: Die EZB ist von ihrer Rolle als unabhängige Zentralbank abgewichen und ist jetzt Marktteilnehmer. Ich verstehe die Kritik daran. Ich mag mir allerdings kaum vorstellen, wie die Welt aussähe, wenn die EZB anders handeln würde.

mm: Die Krise geht weiter. Und die Politik reagiert nach Muster "Versuch und Irrtum" - man könnte auch sagen: zu wenig, zu spät. Was kommt als nächstes?

Balz: Das ist schwierig. Wir alle sitzen auf Schuldenbergen, die nicht so einfach wieder verschwinden werden. Diese Schulden abzubauen, wird eine Generation dauern, vielleicht noch länger.

mm: Das klingt deprimierend.

Balz: Kurzfristig müssen wir uns gegen die weitere Verschlechterung der Situation stemmen; da wird auch weiterhin die EZB gefordert sein. Mittelfristig müssen die Mitgliedstaaten die jetzt vereinbarten strikteren Regeln in praktische Politik umsetzen, so dass die EZB sich aus der Krisenbekämpfung wieder auf ihre angestammte Rolle zurückziehen kann. Langfristig muss Europa mehr politische Integration wagen. Daran wird kein Weg vorbeiführen.

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