Sonntag, 5. April 2020

Wirtschaftswunder Türkei Boom am Bosporus

Blick auf Istanbuls Wolkenkratzer im Bankenviertel: "Der türkische Bankensektor ist hoch profitabel und gut kapitalisiert, unser Haushaltsdefizit minimal"

Der türkische Finanzminister Mehmet Simsek stellt sich im Interview mit manager magazin Online vor, sein Land hätte den Euro eingeführt. Dann stünde die boomende Volkswirtschaft Türkei eher auf der Seite von Deutschland als auf der Seite der Euro-Südstaaten.

mm: Herr Minister, die Türkei erfreut sich derzeit an Rekord-Wachstumsraten von über 10 Prozent, während die Euro-Zone am Rande einer weiteren Rezession steht. Mal ehrlich: Sind Sie froh, dass sie kein Mitglied im Euro-Club sind?

Simsek: Wir denken immer noch, dass die Türkei der Europäischen Union beitreten sollte. Nicht zur Euro-Zone zu gehören erscheint hingegen in diesen Tagen als eine ziemlich verlockende Option. Natürlich ist das eine hypothetische Frage, aber würde die Türkei derzeit zu den Euro-Staaten zählen, stünde sie mit ihrer gesunden Volkswirtschaft und ihrer vernünftigen Finanzpolitik sicherlich eher auf der Seite von Deutschland als auf der Seite der Euro-Südstaaten. Und mal abgesehen von der Bail-Out-Problematik: Die Euro-Mitgliedschaft ist für Deutschland ganz sicher keine schlechte Sache.

mm: Die Europäische Zentralbank ( EZB) versucht die Schuldenkrise derzeit zu lindern, indem sie im großen Stil Staatsanleihen aufkauft. Ist diese Strategie eher Teil der Lösung oder Teil des Problems?

Simsek: Für sich genommen wird der Anleihenankauf der Zentralbank das Schuldenproblem nicht lösen können. Aber wir befinden uns in unbekannten Gewässern. Die Euro-Staaten tun Dinge, die noch vor kurzem unvorstellbar waren. Auch die Weltwirtschaft steht seit dem Ausbruch der Weltfinanzkrise 2007 vor ganz neuen Herausforderungen. Manche der Strategien, die in solchen Situationen ergriffen werden, mögen unkonventionell wirken. Keine wird für sich genommen all unsere Probleme lösen, und sie alle haben Risiken und Nebenwirkungen. Aber klar ist auch: nur mit Lehrbuchökonomie lässt sich diese Krise nicht bewältigen.

mm: Selbst im Boom-Staat Türkei ist das wirtschaftliche Bild nicht ungetrübt. Das Land leistet sich seit Jahren sehr hohe Leistungsbilanzdefizite. Der Aufschwung hängt zu einem wesentlichen Teil am Kapitalzufluss aus dem Ausland. Wie lange lässt sich dieser Entwicklungspfad durchhalten?

Simsek: Bei der Größe des Leistungsbilanzdefizits haben wir voraussichtlich den Gipfel erreicht, der Trend wird von nun an abwärts weisen. Wir werden so etwas wie eine sanfte Landung hinkriegen: Das viel zu starke Wachstum der Binnennachfrage in der Türkei schwächt sich allmählich ab, und auch der Wechselkurs der türkischen Lira ist deutlich gesunken. Beide Faktoren werden wesentlich dazu beitragen, dass das Leistungsbilanzdefizit kleiner wird. Was uns allerdings noch Sorgen bereitet ist die anhaltend schwache Binnennachfrage in der Europäischen Union, die sich negativ auf unsere Exporte auswirkt.

mm: Müsste die Türkei nicht gerade jetzt in der Boomphase Strukturreformen vorantreiben, um die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Volkswirtschaft zu verbessern und so das Defizit im Außenhandel langfristig zu senken?

Simsek: Aber das tun wir doch! Wir treiben die alternative Energieerzeugung in der Türkei voran, das macht uns unabhängiger von Öl- und Gaseinfuhren. Wir versuchen, uns in der Wertschöpfungskette nach oben zu arbeiten und mehr Forschung- und Entwicklungsbereiche in der Türkei anzusiedeln. Um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, investieren wir zudem massiv in unsere Verkehrsinfrastruktur, in Häfen, Flughäfen, Eisenbahnen, ebenso wie ins Schulsystem. Im übrigen: Ein gewisses Leistungsbilanzdefizit halte ich für ein Land wie die Türkei, das sich gegenüber etablierten Industriestaaten noch immer in einem Aufholprozess befindet, für durchaus vertretbar. Allerdings sollte das Defizit nicht noch einmal so hoch ausfallen wie in den vergangenen zwölf Monaten.

mm: Wie viel von dem Geld, das aus dem Ausland in die Türkei strömt, ist so genanntes "Hot Money" - kurzfristige Finanzanlagen, die bei der kleinsten Erschütterung blitzartig wieder abgezogen werden können?

Simsek: Rund 50 Milliarden Dollar oder zwei Drittel des türkischen Leistungsbilanzdefizits bilden Finanzanlagen, ein Großteil davon sind Kredite, der Rest Investitionen in den türkischen Anleihen- und Aktienmarkt. Sicher, solche Kurzfristanlagen sind generell riskanter für das Empfängerland als langfristige Direktinvestitionen. Aber das Risiko relativiert sich, wenn die wirtschaftlichen Fundamentaldaten stimmen: Der türkische Bankensektor ist hoch profitabel und gut kapitalisiert, unser Haushaltsdefizit minimal. Die türkische Staatsverschuldung wird sich bei unter 40 Prozent der Wirtschaftsleistung einpendeln. Wie hoch liegt der durchschnittliche Schuldenstand in der EU? Ich glaube bei 88 Prozent, nicht wahr?

mm: Wirtschaftlich mag die Türkei auf gutem Wege sein. Doch gerade in der EU gibt es große Sorge, dass die Regierung Erdogan in ihren Demokratisierungsanstrengungen nachlässt. Zu recht?

Simsek: Da gibt es absolut kein Nachlassen! In nahezu allen Kapiteln für die Beitrittsverhandlungen der Türkei zur EU hat es in den letzten zwölf Monaten substantielle Fortschritte gegeben. Wenn sich das nicht an einer entsprechenden Zahl abgeschlossener oder neu eröffneter Verhandlungskapitel ablesen lässt, liegt das eher an der EU. Brüssel hat im Moment andere Sorgen, als sich um Erweiterungsverhandlungen zu kümmern. Zudem ist der ganze Prozess hochpolitisiert, immer wieder blockieren einzelne EU-Staaten aus nationalen Interessen heraus den Verhandlungsfortschritt.

mm: Da wäre es nur natürlich, wenn der Türkei irgendwann die Reformlust vergeht.

Simsek: Keine Sorge: Wir treiben die weitere Demokratisierung unser Gesellschaft nicht nur voran, weil wir in die EU wollen, sondern weil wir diesen Kurs aus sich selbst heraus für richtig halten.

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