Henrik Müller

Euro-Krise Warten auf den großen Knall

Scheitert die Währungsunion? Warnungen gibt es jede Menge, vor allem von deutschen Politikern. Doch dass der Euro in einer großen Katastrophe explodiert, ist unrealistisch. Wahrscheinlicher ist ein leises Siechtum.
Unter Feuer: Sollte die Euro-Zone scheitern, wird sie es nicht mit einem großen Knall tun

Unter Feuer: Sollte die Euro-Zone scheitern, wird sie es nicht mit einem großen Knall tun

Foto: Boris Roessler/ dpa

Es ist viel von Scheitern die Rede in diesen Wochen. "Scheitert der Euro, scheitert Europa", verkündet Angela Merkel, die Kanzlerin. "Wenn der Euro scheitert, haben wir Deutsche den allergrößten Nachteil", glaubt Wolfgang Schäuble, der Finanzminister. "Man muss den Deutschen sagen, was ein Scheitern des Euro an politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Folgen mit sich bringt. Dieser Prozess wäre nicht mehr beherrschbar", unkt Joschka Fischer, der Ex-Außenminister.

Aber woran werden wir erkennen, dass das Projekt Währungsunion am Ende ist? Was bedeutet das eigentlich: ein Scheitern des Euro? Ist der Euro womöglich in Wahrheit längst gescheitert?

Viele deutsche Ökonomen sagen zwei Szenarien des Scheiterns voraus. Im ersten Szenario bleibt der Euro eine harte Währung, und es gibt keine umfangreichen Transferzahlungen zwischen den Euro-Staaten. In den kommenden Jahren werden dann einige Länder mit schwerwiegender Wettbewerbsschwäche und hohen Schulden die Währungsunion verlassen, um zu schwächeren nationalen Währungen zurückzukehren. Der Euro würde von den Rändern her bröckeln - am Ende bliebe ein harter Kern zurück, bestehend aus Deutschland, den Niederlanden, Österreich, Luxemburg und wenigen anderen Staaten.

Das zweite Szenario führt zu einem ähnlichen Ergebnis, allerdings würden die Deutschen (und andere) aussteigen, weil der Euro sich zur Weichwährung und die Euro-Zone sich zur Transferunion entwickelt. Das wiederum sei in Hartwährungsländern wie der Bundesrepublik derart unpopulär, dass sie irgendwann zurückkehren wollten zum soliden eigenen Geld.

Aufspaltung des Euro würde in eine chaotische Phase münden

Das gemeinsame an beiden Szenarien: In beiden Fällen würden Interessenkonflikte und rationale Entscheidungen die Spaltung vorantreiben. Aber ist das realistisch? Wohl kaum. Dass die Währungsunion in einer sorgfältig vorbereiteten, bewussten politischen Entscheidung der beteiligten Regierungen beendet wird, erscheint politisch und technisch unmöglich - allein schon, weil der Plan sich nicht unter der Decke halten ließe und dann brutale Reaktionen der Märkte provozieren würde, die alle Planbarkeit beseitigten.

Vielleicht, sagte mir kürzlich ein Brüsseler Insider, werde die Währungsunion eines frühen Morgens einen Erschöpfungstod erleiden: wenn wieder mal über die Auszahlung der nächsten Tranche an ein Krisenland entschieden werden müsse und die chronisch überarbeiteten Beamten in Ministerien, Notenbanken und der EU-Kommission einfach nicht mehr könnten - und bis zur Öffnung der Börsen keine Lösung mehr fänden. Dann würde ein panischer Kapitalentzug das chaotische Ende des Euro einläuten. Ein plötzlich auftretender Ermüdungsbruch, verursacht durch die permanente Überforderung der Euro-Statik.

In jedem Fall würde eine Aufspaltung des Euro in eine chaotische Phase münden - in einen Prozess, der "nicht mehr beherrschbar" wäre, wie Joschka Fischer sagt. Politiker werden mit allen Mitteln versuchen, eine solche Situation zu vermeiden.

Wenn der Euro scheitert, dann in einem anderen Sinne: nämlich weil er die Ansprüche der Europäer selbst verfehlt.

Die ökonomischen und politischen Probleme wären lösbar

Ursprünglich sollte der Euro den Wohlstand mehren, den Zusammenhalt der Europäer stärken und Europa insgesamt ein größere Gewicht in der Welt verschaffen. Das waren die Ziele der Währungsväter. Nach diesen Maßstäben steckt der Euro derzeit in einer tiefen Krise: Das Wachstum der ersten Phase wurde erkauft durch steigende Schulden und große Ungleichgewichte, was sich jetzt rächt; die Öffnung und kulturelle Annäherung der frühen Jahre schlägt in der Krise wieder in jene Ressentiments um ("faule Südeuropäer" vs. "Spar-Nazis"), die doch längst überwunden sein sollten; und was das größere Gewicht in der Welt angeht, so manifestiert es sich derzeit vor allem darin, dass sich die Regierungen rund um den Globus, von Washington bis Peking, vor der Euro-Krise ängstigen.

Um nicht missverstanden zu werden: Die ökonomischen und politischen Probleme wären lösbar - durch einen großen Schritt hin zu einer tieferen europäischen Integration. Im aktuellen manager magazin beschäftigen wir uns eingehend damit, wie sie denn aussehen könnten, die "Vereinigten Staaten von Euro-Land". Aber ein so großer Sprung nach vorn ist derzeit ebenso wenig in Sicht wie ein Ende der europäischen Projekts.

Quälende Agonie statt großer Knall

Statt in einem großen Knall zu enden, droht die Währungsunion deshalb in quälende Agonie zu verfallen. Es wäre ein leises Scheitern - eine langsame Erosion der Regeln, ein Auseinanderleben der Nationen, eine Korrosion der Institutionen.

Dafür gibt es Vorbilder. Zum Beispiel die Welthandelsorganisation (WTO). Vor ein paar Jahren saß ich mit deren Chef, Pascal Lamy, zusammen. Er warnte vor einem Scheitern der Doha-Runde zur weiteren Handelsliberalisierung, und ich fragte ihn, ob wir eigentlich merken würden, wenn die Runde gescheitert sei - oder ob die Verhandlungen einfach ewig weitergehen würden, ohne Ergebnisse zu erzielen.

Lamy lachte trocken, überlegte kurz und antwortete dann: "Diplomaten sind zwar sehr gut darin, Dinge schönzureden. Aber sie können die Leute nicht zum Narren halten."

Das war vor vier Jahren. Seither haben die Verhandlungen zwar keine sichtbaren Fortschritte mehr gebracht. Aber niemand hat sie für gescheitert erklärt.

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