Griechenland "Am Euro-Austritt führt kein Weg vorbei"

Während Griechenlands Premier Papandreou um Vertrauen wirbt, fordern die Wirtschaftsweisen einen Schuldenschnitt um 50 Prozent. Der deutsche Steuerzahler müsste dann zusätzlich einen zweistelligen Milliardenbetrag schultern. Das Ifo-Institut legt nach: Die Hellenen sollten die Euro-Zone verlassen.
"Yes we can": In Anlehnung an US-Präsident Barack Obama beteuert Griechenlands Premier Papandreou, dass der überschuldete Staat seine Schulden zurückzuzahlen könne

"Yes we can": In Anlehnung an US-Präsident Barack Obama beteuert Griechenlands Premier Papandreou, dass der überschuldete Staat seine Schulden zurückzuzahlen könne

Foto: TOBIAS SCHWARZ/ REUTERS

Hamburg - Schon oft hat Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou die Märkte und Skeptiker zu überzeugen versucht, dass die Helenen ihre Probleme bewältigen und ihre Schulden zurückzahlen werden. "Yes we can", erneuerte er am Dienstag pathetisch sein Versprechen mit dem berühmten Spruch von US-Präsident Barack Obama. "Ich kann garantieren: Griechenland wird alle Verpflichtungen erfüllen."

Die Märkte schenken diesen Worten nicht mehr viel Glauben. Sie halten eine Staatspleite für immer wahrscheinlicher. Griechische Staatsbonds unter zehn Jahren Laufzeit notierten am Dienstag im Schnitt mit einem Abschlag von 60 Prozent.

Insofern zeugt der Aufruf führender deutscher und französischer Ökonomen vom Dienstag, die Gläubiger Griechenlands sollten auf gut die Hälfte ihrer Forderungen verzichten, von viel Realitätssinn.

Für Griechenland sei es dann möglich, seine Staatsverschuldung durch eigene Anstrengungen auf ein nachhaltiges Niveau abzusenken. Dies hätte zwar schmerzliche Folgen für andere Schuldenstaaten in der Eurozone, nur so aber ließe sich die Währungsgemeinschaft langfristig stabilisieren und eine realistische Perspektive für die griechische Wirtschaft schaffen, heißt es in dem gemeinsamen Aufruft der fünf Wirtschaftsweisen sowie Berater der französischen Regierung, des Weltwährungsfonds und der EZB in der "FTD".

Damit sich der Umschuldungsprozess stabil gestalte, solle der EU-Rettungsschirm EFSF eigene Anleihen ausgeben, schlagen die Ökonomen vor. Griechische Staatsanleihen im Wert von 100 Euro sollten dann gegen EFSF-Anleihen zu 50 Euro getauscht werden können. Zudem müsse der EFSF ermächtigt werden, Banken mit starkem Griechenland-Engagement zu stützen.

Doch was bedeutet es eigentlich, wenn die Gläubiger Griechenlands - konkret Deutschland - auf etwa die Hälfte ihrer Forderungen verzichteten?

Haftungsrisiko für Deutschland steigt auf 468 Milliarden Euro

Insider schätzen, dass die Europäische Zentralbank mittlerweile griechische Staatspapiere mit einem Volumen von 80 Milliarden Euro aufgekauft hat. Den deutschen Anteil daran beziffert Ifo-Sprecher Jürgen Gaulke gegenüber manager magazin Online auf gut 27 Prozent oder umgerechnet 21,6 Milliarden Euro. Folgte Deutschland dem Vorschlag der Ökonomen, verzichtete es also auf rund elf Milliarden Euro. "Das müsste dann letztlich eins zu eins der Steuerzahler tragen", sagt Gaulke.

Deutsche Banken wiederum hatten zuletzt noch griechische Staatspapiere mit einem Volumen von gut 15 Milliarden Euro in den Büchern stehen, gut sieben Milliarden davon allein die verstaatlichte Hypo Real Estate. Im Zuge eines Schuldenschnitts müsste der Steuerzahler auch für deren Verluste geradestehen.

Jenseits privater Forderungen gegenüber Unternehmen beliefen sich die Verluste also auf einen niedrigen zweistelligen Milliardenbetrag. "Das ist noch überschaubar angesichts des Haftungsrisikos, das auf den deutschen Steuerzahler mit den Beschlüssen zum europäischen Rettungsschirm zukommt, die diesen Monat ratifiziert werden sollen", sagt Gaulke.

Nach Ifo-Berechnungen müsste Deutschland bei einem Zahlungsausfall in Griechenland, Irland, Portugal und Spanien alleine für rund 468 Milliarden Euro haften. Im April hatte die Haftungssumme noch bei 400 Milliarden Euro gelegen.

RWI: "Austritt würde zu unkalkulierbaren Verwerfungen führen"

Das Ifo-Institut hält den vorgeschlagenen Schuldenschnitt von 50 Prozent für plausibel, hat aber für eine Umschuldung ein eigenes Modell mit einer Teilhaftung der Gläubiger entwickelt. Letztlich stelle eine Umschuldung aber zunächst nicht mehr als einen "kosmetischen" Eingriff dar. "Griechenland wird im derzeitigen Zustand auch 50 Prozent seiner Schulden nicht bedienen können", sagt Gaulke. Ein Schuldenschnitt allein reiche deshalb nicht aus. Löhne und Preise seien in Griechenland um 20 bis 30 Prozent zu hoch, immer noch konsumiere das Land 17 Prozent mehr als es erwirtschaftet.

"Aus ökonomischer Sicht können wir nur sagen, an einem Euro-Austritt Griechenlands führt kein Weg vorbei. Alles andere wäre Augenwischerei. Je schneller der Austritt erfolgt, desto weniger wird er kosten", so der Sprecher.

Zweifelsohne werde ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion erhebliche Folgen haben. Es sei aber ein Trugschluss zu glauben, dass eine "geordnete Insolvenz" eines Krisenstaates, wie sie jetzt mit einem ausgeweiteten Rettungsschirm in Form des "Europäischen Stabilitätsmechanismus" angestrebt wird, "nicht zum Teil auch chaotisch" verlaufen werde. "So ein Exit muss mit internationaler Hilfe flankiert und in seinen Folgen zumindest abgemildert werden", sagt Gaulke. So müssten dann zuvorderst die griechischen Banken gerettet werden und aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Europäische Zentralbank eine kräftige Finanzspritze bekommen.

Mit seiner Einschätzung, dass Griechenland die Währungsunion verlassen muss, steht das Ifo-Instiut noch vergleichsweise allein da. Die Bundesregierung sowie viele Ökonomen plädieren im Gegensatz dazu dafür, selbst bei einer sogenannten geordneten Insolvenz Griechenland in der Euro-Zone zu behalten.

RWI-Vorstand: Austritt würde zu unkalkulierbaren Verwerfungen führen

Wim Kösters, Vorstandsmitglied des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), dessen Präsident Christoph Schmidt den Aufruf als Mitglied des Sachverständigenrats mit unterzeichnet hat, hält einen Austritt Griechenlands derzeit nicht für angezeigt - "auch wenn es für die Währungsunion vielleicht das Beste wäre, wenn Griechenland sie verlassen würde", sagt der Ökonom im Gespräch mit manager magazin Online. "Der Austritt aber würde zu unkalkulierbaren Verwerfungen an den Finanzmärkten führen, insbesondere wenn er ungeordnet passiert", warnt Kösters.

Die Schuldenkrise sieht der Ökonom auch mit den in dem Aufruf unterbreiteten Vorschlägen nicht gelöst. "Hier geht es zunächst einmal um ein notwendiges, aber ganz kurzfristiges Handeln."

Den eigentlichen "tiefen Grund" der Krise sieht Kösters in einem "extrem großen Dissens in der Wirtschaftspolitik" zwischen den verschiedenen Euro-Ländern. Der Gedanke einer Stabilitätsgemeinschaft habe sich in der Union noch lange nicht durchgesetzt. Mit Eurobonds und anderen Kriseninterventionsmitteln versuche man diesen Streit jetzt erneut zu übertünchen, anstatt sich auf klare, künftige Regeln in der Währungsunion zu einigen.

"Einigt sich Europa nicht auf klare Regeln und Sanktionen in der Wirtschafts- und Finanzpolitik, wird das schiefgehen. Denn alles andere wird die Finanzmärkte nicht überzeugen", warnt der Ökonom. Dazu gehöre neben einem europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakt auch ein klar definierter Sanktionskatalog und schließlich auch ein eindeutig definiertes Ausschlussverfahren für Länder, die die vereinbarten Regeln dauerhaft brechen.

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