IWF Risiken für Banken stark gestiegen

Der IWF schlägt Alarm: Die Euro-Schuldenkrise lastet mit etwa 300 Milliarden Euro auf den europäischen Banken. Zugleich habe die Krise das Finanzsystem "zurück in die Gefahrenzone befördert". Deutsche Bank und Commerzbank bangen bereits um ihre Gewinnziele.
Wolken über Frankfurt: Die deutschen Banken stehen ebenso wie andere in Europa wegen der Euro-Schuldenkrise enorm unter Druck

Wolken über Frankfurt: Die deutschen Banken stehen ebenso wie andere in Europa wegen der Euro-Schuldenkrise enorm unter Druck

Foto: Frank May/ dpa

Washington - Das Euro-Debakel schlägt bei EU-Banken dem Internationalen Währungsfonds zufolge bislang mit rund 300 Milliarden Euro zu Buche. Zugleich habe das Drama das Finanzsystem "zurück in die Gefahrenzone befördert", warnte der Chef der IWF-Kapitalmarktabteilung, José Viñals: "Wir stecken in einer Vertrauenskrise, die von drei Faktoren bestimmt wird: Schwaches Wachstum, schwache Bilanzen und einer schwachen Politik." Abermals habe man es mit "einer großen Bedrohung der Weltwirtschaft" zu tun.

Zwei Drittel der 300 Milliarden Euro rührten direkt von Beständen an Anleihen von Schuldenstaaten her, heißt es im jüngsten IWF-Bericht zur Stabilität des globalen Finanzsystems, der am Mittwoch in Washington vorgelegt wurde. Dabei handele es sich um "potenzielle Verluste", sagte Viñals. Weitere etwa 100 Milliarden Euro kämen noch einmal durch Finanzverbindungen von europäischen Geldhäusern mit Banken in den Krisenstaaten hinzu.

Einige Banken hätten bereits den Zugang zu privaten Kapitalquellen verloren, der Druck auf die Geldhäuser steige, befindet der Fonds weiter. Dadurch erhöhe sich das Risiko neuer Kreditengpässe und Belastungen der Konjunktur. "Das muss vermieden werden", so Viñals.

Um gegenzusteuern, müsse die Politik "glaubhafte Strategien" zum Schuldenabbau vorlegen und die Belastbarkeit der Banken erhöhen. Jedoch: "Politiker auf beiden Seiten des Atlantik haben noch keine breite Unterstützung für die notwendigen Maßnahmen. Entsprechend stellen die Märkte ihre Entschlossenheit infrage", so Viñals. Nötig sei, "schnell und umfassend" die öffentlichen Haushalte und die private Verschuldung in den USA in Ordnung zu bringen sowie den Banken zu einer ausreichenden Kapitalausstattung zu verhelfen.

Belastungen nicht gleichzusetzen mit dem Kapitalbedarf

Der IWF betrachtete für die Berechnung der direkten Belastungen der Banken durch die Schuldenkrise die Veränderungen bei Kreditausfallversicherungen (CDS) auf Staatsanleihen der ursprünglichen Problemländer Griechenland, Irland und Portugal, aber auch Belgien, Italien und Spanien seit 2010. Über diesen Weg kalkulierten die Fonds-Experten die Anleihewerte nach Marktpreisen. Der Fonds unterstreicht jedoch, dass die genannten Summen nicht einen Kapitalbedarf der europäischen Banken darstellten.

Unterm Strich hätten sich die Risiken für die Finanzstabilität in den vergangenen Monaten erheblich erhöht, meint der IWF in dem Bericht. In der Eurozone habe politischer Streit innerhalb von Ländern wie auch zwischen Staaten, die Hilfestellung leisten, eine dauerhafte Lösung behindert, kritisiert der Weltwährungsfonds.

In den USA wüchsen unterdessen die Zweifel, ob die Politik in Washington zu einer Einigung auf eine mittelfristige Haushaltskonsolidierung imstande sei - ein Schritt, der für die globale Stabilität von entscheidender Bedeutung sei.

Dieses "schwache Politik- und Finanzmarktumfeld" lasse die Sorge um Ausfallrisiken wachsen. "Die Risiken sind größer geworden, und die Zeit läuft ab, um Schwachpunkte anzugehen, die das globale Finanzsystem und die Konjunkturerholung gefährden."

Banken notfalls zwangsweise mit frischem Kapital versorgen

José Viñals unterstrich die Haltung des IWF, Banken notfalls auch zwangsweise mit öffentlichem Kapital zu versorgen, sollten private Kapitalquellen nicht oder nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Die Position des Weltwährungsfonds, die zuerst Fonds-Chefin Christine Lagarde geäußert hatte, löste in der Bankenwelt breite Kritik aus.

EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia hatte erst am Dienstag in Brüssel erklärt, noch mehr europäische Banken benötigten frisches Geld. Die Lücke gehe über die neun Geldhäuser hinaus, die bei den europaweiten Stresstests im Juli durchgefallen waren und nun ihr Eigenkapital aufstocken müssten. An den Finanzmärkten kursieren schon länger Befürchtungen, dass eine Pleite des Schuldensünders Griechenland enorme Löcher in die Bilanzen europäischer Geldhäuser - vor allem in Frankreich und Italien - reißen könnte.

Siemens zieht 500 Millionen Euro von französischer Großbank ab

Beispiele für das schwindende Vertrauen in die europäischen Banken häufen sich. Am gestrigen Dienstag beispielsweise wurde bekannt, dass der Industriekonzern Siemens 500 Millionen Euro von der französischen Großbank Société Générale abgezogen und zur Europäischen Zentralbank (EZB) transferiert hat. Zu hören ist auch, dass chinesische Banken ihren Devisenhandel mit europäischen Instituten eingeschränkt haben.

Heute wurde zudem gemeldet, dass die EZB eine Bank in der Euro-Zone mit US-Dollar für eine Woche refinanzieren wird. In einem entsprechenden Geschäft wurden insgesamt 500 Millionen US-Dollar zu einem festen Zinssatz von 1,07 Prozent zugeteilt, teilte die EZB mit. Das Geschäft beginne am Donnerstag und laufe sieben Tage. In der vergangenen Woche hatten sich noch zwei Banken mit 575 Millionen Dollar über die EZB refinanziert.

Die Nachfrage ist ein Anzeichen dafür, dass Banken der Euro-Zone Probleme haben, sich Geld bei US-Banken zu leihen. Es wird jedoch nicht veröffentlicht, welche Banken Geld nachgefragt haben. Mittlerweile bietet die EZB auch Geschäfte mit einer Laufzeit von drei Monaten an. Die EZB hat mit der US-Notenbank ein entsprechendes Swap-Abkommen abgeschlossen.

Deutsche Bank: "Wir schwitzen ordentlich"

Auch die deutschen Banken bekommen die Probleme immer heftiger zu spüren. Die beiden größten deutschen Geldhäuser etwa setzen wegen der Euro-Schuldenkrise immer größere Fragezeichen hinter ihre Gewinnziele. Ihnen läuft die Zeit davon, denn sowohl im Investmentbanking als auch im Mittelstandsgeschäft sorgen die Turbulenzen an den Märkten für Verunsicherung der Kunden. Die Erträge brechen weg.

"Wir schwitzen ganz schön ordentlich", gab der Finanzchef der Deutschen Bank , Stefan Krause, am Mittwoch auf einer Konferenz in Frankfurt zu. Und die Commerzbank  braucht eine "relativ schnelle" Beruhigung der Märkte, um auf Kurs zu bleiben, wie Vorstandschef Martin Blessing einräumte. "Der August war mit Sicherheit für viele Banken kein toller Monat." Besserung ist nicht in Sicht.

Die Deutsche Bank peilt dieses Jahr einen Vorsteuergewinn von zehn Milliarden Euro an, gut sechs Milliarden davon sollen aus dem Investmentbanking kommen. Mit dieser Rekordmarke will sich Vorstandschef Josef Ackermann verabschieden, bevor er im kommenden Frühjahr das Ruder an Anshu Jain und Jürgen Fitschen übergibt.

Doch bei Analysten wachsen Zweifel, ob das angesichts der Flaute vor allem an den Anleihemärkten überhaupt noch möglich ist. Viele erwarten eine Anpassung der Jahresziele bei Vorlage der Zahlen zum dritten Quartal Ende Oktober. "Dann werden wir Ihnen mehr dazu sagen können", sagte Krause. "Noch kämpfen wir weiter für unser Ziel." Die Hoffnungen ruhen jetzt auf den letzten September-Tagen. Doch angesichts der anhaltenden Furcht der Anleger vor einer Pleite Griechenlands sieht es nicht nach einer schnellen Marktberuhigung aus.

cr/dpa-afx/rtr
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