Arbeitskräfte USA verlieren Topeinwanderer an Asien

Wichtiger Baustein für Amerikas Wohlstand: Tausende Einwanderer arbeiten in den USA und sorgen für Wachstum. Doch jetzt drohen hoch qualifizierte Kräfte dem Land den Rücken zu kehren. Nach Deutschland zieht es sie allerdings nicht - trotz hoher Arbeitskräftenachfrage hierzulande.
Von Markus Gärtner
Straßenszene auf dem Times Square in New York: Einwandererland USA verliert an Attraktivität

Straßenszene auf dem Times Square in New York: Einwandererland USA verliert an Attraktivität

Foto: Corbis

Washington - "Amerika weiß, wie man um die Fachkräfte und Industrien unserer Zeit konkurrieren muss", versicherte US-Präsident Barack Obama Ende Januar in seiner Rede zur Lage der Nation. Sein simples Rezept: "Wir müssen nur innovativer sein, besser ausbilden und mehr produzieren". Das ist leicht gesagt, aber schwer getan. Sieben Monate später hält Obama wieder eine wichtige Rede. Am kommenden Montag will er sein neues Jobprogramm vorlegen. Doch die Zeichen mehren sich, dass eine wachsende Zahl der hoch qualifizierten Kräfte, die Amerika zur Sicherung seiner Zukunft braucht, dem Land den Rücken kehren. Vor allem Asiaten gehen wegen des schwachen Wachstums sowie schwindender Job-Perspektiven zurück in ihre Heimat, wo das Wirtschaftswachstum zwischen 5 Prozent und 10 Prozent liegt. Unter ihnen sind viele hervorragend ausgebildete Techniker und Ingenieure, die sonst in den USA Firmen gegründet hätten.

Von dem beginnenden Exodus berichten immer mehr Ökonomen und Forscher, darunter Vivek Wadhwa von der Duke University in Durham, North Carolina. Vor 31 Jahren war er selbst als junger Mann in die USA eingewandert, hatte zwei Firmen gegründet und mehr als 1000 Arbeitsplätze geschaffen. Dann wurde er Hochschullehrer. "Ich frage in jeder meiner Klassen die ausländischen Studenten, wer für immer in den USA bleiben will", erzählt Wadhwa. "Früher haben immer alle brav die Hand gehoben, aber jetzt schauen sie mich nur irritiert an".

Wadhwa hat zusammen mit vier Autoren der Universitäten Berkeley und Harvard eine Studie für die Kauffman Foundation in Kansas City angefertigt. Der Titel des Papiers: "Das Gras in Indien und China ist wirklich grüner für heimkehrende Unternehmer". Die Analyse beschreibt die Einschätzungen von 153 Universitätsabgängern und Unternehmern, die in jüngster Zeit Amerika den Rücken kehrten, um in ihren Heimatländern eine Firma zu gründen. Resultat: 72 Prozent der befragten Inder und 81 Prozent der interviewten Chinesen sagen, die Chancen zur Gründung eines Unternehmens seien in ihren Herkunftsländern "besser, oder viel besser".

Wie ein Flugzeug vor dem Strömungsabriss

Der Kernsatz in der Studie: "In den vergangenen zehn Jahren haben in Indien und China Armut und Unterentwicklung - die Faktoren, die einst die große Mehrheit der in Amerika ausgebildeten Immigranten an der Rückkehr in ihre Heimat hinderten, einem firmenfreundlichen Klima Platz gemacht".

Das ist ein brisanter Befund für die größte Volkswirtschaft der Welt, die gerade in eine erneute Rezession abzutauchen droht. Denn Immigranten gelten in den USA als besonders wichtige Treiber hinter Innovationen und erfolgreichen High-Tech-Firmen - und damit Wachstum, an dem es derzeit so schmerzhaft mangelt. Erst am vergangenen Freitag musste das Bureau of Economic Analysis die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für das zweite Quartal in den USA von 1,3 Prozent auf 1,0 Prozent nach unten korrigieren. Damit schwebt die US-Wirtschaft wie ein Flugzeug vor dem Strömungsabriss über der Rezessionslinie dahin - und neuerliche Hilfe der Notenbanker um US-Zentralbankchef Ben Bernanke scheint auszubleiben.

Jeglicher Schwung, der ihr jetzt verloren geht, könnte das Land weit zurückwerfen. Kaum jemand hatte bislang neben ausgezehrten Konsumenten, dem schwachen Immobilienmarkt und den extremen Schulden die jungen Akademiker und Unternehmer aus Übersee im Visier, wenn es um die Sicherung des Wachstums ging. Und das ist fatal: Denn laut dem US-Patent and Trademark Office melden Immigranten doppelt so viele Patente an wie in den USA geborene Amerikaner. Ihrem Eifer und Erfindungsreichtum ist es zu verdanken, dass seit 2008 beim US-Patentamt mehr Ideen von Ausländern patentiert werden, als von Amerikanern. Lange Zeit - im Schnitt der Jahre 1977 bis 2010 - hatte der Anteil internationaler Patente bei 45,7 Prozent gelegen, jetzt beträgt er 50,5 Prozent.

Einwanderer hatten in den vergangenen Jahren ein Viertel aller weltweiten US-Patente angemeldet. Immigranten aus Übersee haben seit 1995 stattliche 52 Prozent der neuen Firmen im Silicon Valley gegründet. Zu den bekanntesten Hi Tech-Schmieden dieser Art gehören unter anderem Google und eBay.

Krasser Mangel an Fachkräften

Wie wichtig die eingewanderten Jungakademiker und Turnschuhmanager für die USA sind, geht auch aus Zahlen des Arbeitsministeriums in Washington hervor. Demnach haben im vergangenen Jahr ausländische Studenten, die sich mit Visa in den USA aufhielten, 60 Prozent aller Doktortitel in den Ingenieurswissenschaften eingeheimst. Als Angestellte und als Firmengründer tragen sie derzeit etwa die Hälfte zu jenem Teil des BIP-Wachstums bei, der nicht auf zyklische oder kurzfristige Faktoren zurückgeht.

Schon bevor sich die wachsende Zahl der Rückkehrer bemerkbar machen kann, ist der Mangel an Fachkräften und Nachwuchsunternehmern eklatant. Und das, obwohl der Arbeitsmarkt keineswegs leergefegt ist: Volkswagen registrierte für die 2000 Jobs, die es in Chattanooga für die neue Fabrik zu vergeben hatte, satte 85.000 Bewerbungen. Und erst im Juni hat der Chef von Siemens in den USA, Eric Spiegel, den krassen Mangel an Fachkräften beklagt. Der Elektrokonzern aus München gilt in Amerika als einer der größten gewerblichen Arbeitgeber, musste aber trotz einer Arbeitslosenrate von 9,1 Prozent bei der jüngsten Expansion 30 Arbeitsvermittler und Headhunter einschalten, um die gewünschten Bewerber zu finden.

Laut Spiegel muss Siemens in den USA inzwischen wie in Deutschland ausbilden, um seinen Nachwuchs zu sichern. Eine Umfrage der Beschäftigungsagentur Manpower in Milwaukee ergab kürzlich, dass 52 Prozent der größten US-Firmen Probleme bei der Besetzung von Stellen haben. Vor einem Jahr waren es noch 14 Prozent gewesen. Und das Beratungsunternehmen McKinsey berichtet, dass jedes dritte Industrieunternehmen in den USA nicht alle benötigten Fachkräfte findet.

Angst um die wirtschaftliche Vormachtstellung

Auch bei McKinsey wird Alarm geschlagen: "Die USA sehen einer Zukunft entgegen, in der einige Zutaten wirtschaftlicher Vorherrschaft ins Ausland abwandern". Zu diesen Zutaten zählt man bei McKinsey neben Technologie und Unternehmergeist auch Talente. Um den beobachteten Schwund umzukehren, bedürfe es eines gemeinsamen Kraftaktes von privater Wirtschaft und dem Staat. Selbst in einer Zukunftsbranche wie der Raumfahrt, so McKinsey im eigenen Vierteljahresheft, müssten sich die USA inzwischen auf Japan, Russland und Westeuropa verlassen".

In deutschen Manager-Ohren klingt das wie die berühmte Schallplatte mit dem Sprung. In der Bundesrepublik wird seit dem Ausklingen der Finanzkrise verstärkt ein Mangel an Fachkräften beklagt. Ein flächendeckendes Defizit quer durch die Wirtschaft scheint es dabei zwar noch nicht zu geben, aber in einigen Ingenieurberufen und im Gesundheitswesen sind die Engpässe nicht zu übersehen. Von den USA unterscheidet die Bundesrepublik aber ein ganz wesentlicher Punkt: In den USA geht die Vergreisung der Bevölkerung wegen Zuwanderung und wegen des Wachstums der Minoritäten nicht so schnell voran wie in der Bundesrepublik.

Im Juni legte die Bundesregierung ihr "Konzept Fachkräftesicherung" vor. Darin wird festgehalten: "Die Nutzung und Förderung inländischer Potentiale hat Vorrang in der Fachkräftesicherungspolitik." Doch mit Blick auf dem demografischen Wandel heißt es: "Wir müssen und werden deshalb auch verstärkt auf qualifizierte Zuwanderung setzen". In diesem Punkt hat Deutschland jedoch bereits ein Problem, das die USA zwar nie kannten, aber zumindest aus der Sicht der vielen Asiaten, die dort gerne studieren, um danach eine Firma zu gründen, jetzt bekommen könnten: Die Anziehungskraft lässt zu wünschen übrig.

Deutschlands schwache Anziehungskraft

Das belegt ein neues Papier der DB Research zur "Arbeitskräftemobilität in der Euro-Zone". Die Analysten bei der Bank stellen fest, dass die Arbeitslosenzahlen in den Randländern der Euro-Zone auf einem Rekordniveau verharren, während in den übrigen Ländern eine ungedeckte Nachfrage nach Fachkräften besteht. Im Süden Überschuss, im Norden Mangel. Dabei zeigten vor allem junge und gut qualifizierte Europäer aus den hoch verschuldeten Randländern eine wachsende Wanderungsbereitschaft - die Bundesrepublik müsste dabei aufgrund der gestern von der Bundesarbeitsagentur veröffentlichten historisch hohen Einstellungsneigung hiesiger Unternehmen eigentlich gute Chancen haben.

Doch die Prognose bei der DB Research hört sich keinesfalls so vielversprechend an, wie das aus diesem Befund zunächst klingen mag: "Unsere Analyse deutet darauf hin, dass die Zuwanderung nach Deutschland nur moderat steigen wird", heißt es in dem Papier, demzufolge Deutschland nicht gerade als das attraktivste Zielland gilt. Junge Europäer, die ihre Heimat wegen hoher Arbeitslosigkeit verließen, steuerten innerhalb des Kontinents vor allem Großbritannien und Frankreich und in Übersee vor allem die USA, Australien und Kanada an. Zuletzt hatte auch die volle Freizügigkeit der Osteuropäer nach deutschland nach ersten Erkenntnissen keinen Ansturm auf den deutschen Arbeitsmarkt gebracht.

Die Gründe für die relativ geringere Anziehungskraft Deutschlands seien demnach höhere Steuern und Abgaben als in den beliebteren Zielländern sowie ein oft geringeres Lohnniveau und bürokratische Hürden. So gibt es laut den Recherchen der DB Research "allein 60 reglementierte Berufe, in denen Abschlüsse durch eine Behörde oder einen Berufsverband anerkannt werden müssen".

Immerhin, einen Trost gibt es für die deutsche Wirtschaft. Asiaten, die den USA den Rücken kehren und zuhause in Indien oder China eine Firma gründen, tragen potentiell zur Förderung des deutschen Außenhandels bei. Nach Informationen des ostasiatischen Vereins in Hamburg legten die deutschen Ausfuhren in die Region Asien-Pazifik im ersten Halbjahr 2011 mit 18,5 Prozent deutlich schneller zu als der Gesamtexport. Dieser weist für den Zeitraum Januar bis Juni gegenüber dem Vorjahr ein Plus von 14,7 Prozent auf. Die Exporte nach China schossen sogar um 25,2 Prozent in die Höhe. China hat in der Region Asien-Pazifik einen überragenden Anteil von 45 Prozent an den deutschen Exporten.

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