Kämpfe in Tripolis Nato-Staaten erwarten Wende in Libyen

Sechs Monate nach Beginn des Libyen-Kriegs sind Gaddafi-Gegner erstmals in die Hauptstadt Tripolis vorgedrungen. Ihre westlichen Unterstützer sehen das Ende der Gaddafi-Ära nahen. Schon kursieren Meldungen, der Revolutionsführer sei auf der Flucht.
Siegesfeier der Rebellen in Bengasi: "Die Stunde Null hat begonnen"

Siegesfeier der Rebellen in Bengasi: "Die Stunde Null hat begonnen"

Foto: Str/ dpa

Tripolis - Der Konflikt in Libyen steht nach Einschätzung von Großbritannien und Italien an einem entscheidenden Wendepunkt. "Wir befinden uns an einem außerordentlich entscheidenden Punkt im Streben nach Freiheit für das libysche Volk", sagte der britische Außenstaatssekretär Alistair Burt am Sonntag dem Fernsehsender Sky News. Zwar sei es schwierig, aus der Distanz festzustellen, was sich vor Ort wirklich abspiele, es sei jedoch klar, dass es in Tripolis einen Aufstand gebe. Die westliche Koalition und die Rebellen arbeiteten eng zusammen. Italiens Außenminister Franco Frattini sagte der Zeitung "Il Mattino", alles deute darauf hin, dass "die Tragödie zu einem Ende kommt".

In der Nacht zum Sonntag brachen Bewohnern zufolge in mehreren Stadtteilen der Hauptstadt Tripolis Kämpfe zwischen den Aufständischen und Truppen von Machthaber Muammar Gaddafi aus, die stundenlang anhielten. Die Kämpfer hätten auch die Kontrolle über den Internationalen Flughafen übernommen, berichtete ein Rebellensender. Anwohner hörten bis zum Morgengrauen Schüsse und Luftangriffe der Nato. Auch nach Tagesanbruch waren Schüsse zu hören, wie Korrespondenten aus dem Stadtzentrum berichteten. "Die Stunde Null hat begonnen. Die Rebellen in Tripolis haben sich erhoben", sagte der stellvertretende Chef des Nationalen Übergangsrats der Aufständischen, Abdel Hafis Ghoga, in ihrer Hochburg Benghasi der Nachrichtenagentur Reuters.

In Bengasi und anderen Orten strömten die Aufständischen auf die Straßen und feierten ihre Mitstreiter in der Hauptstadt. Auch im Nachbarland Tunesien, wo die Welle der arabischen Revolten Anfang des Jahres ihren Anfang genommen hatte, lösten die Nachrichten von den Kämpfen Freudenfeste aus. "Heute Nacht habt Ihr die Angst besiegt", sagte Gaddafis langjährige rechte Hand, der erst am Samstag zu den Rebellen übergelaufene Abdel Salam Dschallud, in einer Internet-Videoschaltung mit dem Sender Al-Dschasira.

Gaddafi sagte dagegen in einer am Morgen vom Staatsfernsehen gesendeten Audio-Botschaft, die Angriffe seien abgewehrt und die Rebellen, die er als Ratten beschimpfte, eliminiert worden. Ein Aufständischer sagte in einem Telefonat mit einem Reuters-Reporter, Scharfschützen hätten auf den Dächern der Gebäude um Gaddafis Militärkomplex Stellung bezogen. Viele Bewohner seien verletzt worden. Während er sprach waren im Hintergrund Schüsse im Sekundentakt zu hören.

Es war zunächst nicht möglich, die Angaben der Bewohner zu überprüfen. Die Kämpfe schienen sich auf einzelne Stadtviertel zu begrenzen und zunächst nicht auf die ganze Stadt auszuweiten. Sie waren aber nach Angaben der Rebellen abgestimmt mit Aufständischen, die vom Westen und Süden aus versuchten, weiter auf die Hauptstadt vorzurücken.

Rebellen ziehen sich aus Ölhafen Brega zurück

In der vergangenen Woche hatten die Rebellen nach monatelangem Stillstadt wichtige strategische Erfolge erzielen können. So nahmen sie Sawija westlich von Tripolis ein und kappten damit die wichtigste Versorgungsroute der Hauptstadt. Auch standen sie unmittelbar vor Al-Asisija etwa 45 Kilometer südlich von Tripolis. Die Rebellen hatten am Samstag nach eigenen Angaben die seit Monaten umkämpfte Ölstadt Brega im Osten vollständig eingenommen. Sei mussten sich dann aber aufgrund von Beschuss der Gaddafi-Truppen wieder in den Osten der Stadt zurückziehen. Damit sollten unnötige Todesopfer und Schäden vermieden werden, sagte ein Befehlshaber des Aufstands am Samstagabend.

Unterstützt werden die Rebellen seit mehreren Monaten von der Nato. Diese habe auch in der Nacht zum Sonntag Luftangriffe geflogen, sagte ein Vertreter der Rebellen. "Die kommenden Stunden sind entscheidend." Viele Einheiten Gaddafis und deren Kommandeure seien geflohen.

Aus gut informierten Kreisen in Tripolis verlautete am Sonntag, Gaddafi selbst halte sich mit seiner Familie in einer Region unweit der algerischen Grenze auf. Eine Bestätigung für die Nachricht von der Flucht Gaddafis aus Tripolis gab es zunächst aber nicht - weder von den Rebellen noch von algerischer Seite. Ein Beamter des Außenministeriums in Algier sagte auf Anfrage, Gaddafi halte sich derzeit nicht in Algerien auf.

Das libysche Fernsehen hatte in der Nacht eine vorab aufgezeichnete Rede von Gaddafis Sohn Seif al-Islam vor einer Gruppe von Anhängern ausgestrahlt. Darin sagte dieser, es sei ausgeschlossen, dass er und sein Vater das Land verlassen würden. "Die Revolte in Libyen wird keinen Erfolg haben. Ihr werdet niemals erleben, dass wir als Libyer uns ergeben und die weiße Fahne hissen. Das ist unmöglich. Dies ist unser Land, und wir werden es niemals verlassen", sagte er vor einer handvoll applaudierender Anhänger.

Regierungssprecher Mussa Ibrahim erklärte, es seien lediglich einige kleinere Gruppen bewaffneter Rebellen nach Tripolis gelangt. Sie seien unschädlich gemacht worden: "Ich versichere den Libyern, Gaddafi ist Euer Führer ... Tripolis ist von Tausenden umgeben, um es zu verteidigen."

In einer während der Gefechte im staatlichen Fernsehen übertragenen Audiobotschaft nannte Gaddafi die Rebellen "Verräter" und "Ratten" und beschuldigte sie, Libyen zerstören zu wollen. Seine Anhänger rief er auf, in Massen die Rebellion zu beenden. Die europäischen Länder und namentlich Frankreich bezichtigte er, hinter dem libyschen Öl her zu sein.

ak/rtr/afp/dpa
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