Weltmächste China steht zu seinen US-Investments

Nachdem China die USA seit Monaten wegen ihrer Schuldenkrise und der anhaltenden Wirtschaftsschwäche kritisiert hatte, stellte Regierungschef Wen Jiabao jetzt überraschend Optimismus zu Schau. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem es um die US-Wirtschaft besonders schlecht bestellt ist.
Beste Freunde? Regierungschef Wen (l.) neben US-Präsident Barack Obama

Beste Freunde? Regierungschef Wen (l.) neben US-Präsident Barack Obama

Foto: REUTERS

Hamburg - Trotz der weltweiten Sorgen um eine neue Rezession glaubt China an eine Erholung der amerikanischen Wirtschaft. Bei einem Treffen mit US-Vizepräsident Joe Biden am Freitag in Peking begrüßte Regierungschef Wen Jiabao dessen Zusicherungen, dass die chinesischen Investitionen in US-Schatzanleihen sicher seien. Der Ministerpräsident äußerte seine "volle Zuversicht", dass die USA ihre Schwierigkeiten bewältigen und ihre Wirtschaft auf den Weg eines gesunden Wachstums zurückbringen könnten.

Bei einem anschließenden Treffen mit Staats- und Parteichef Hu Jintao bekräftigte Biden nach Angaben chinesischer Staatsmedien die Absicht der USA, "eine starke, nachhaltige und positive Beziehung zu China entwickeln zu wollen". Das Gespräch war der protokollarische Höhepunkt des fünftägigen Besuches des US-Vizepräsidenten, der am Samstag nach Chengdu in Südwestchina weiterreist. Im Rahmen seiner Asienreise wird Biden am Montag in der Mongolei und am Dienstag in Japan erwartet.

Im Gespräch mit Chinas Ministerpräsidenten versicherte Biden, dass die amerikanische Regierung den Wert und die Sicherheit ihrer Schatzanleihen wahren wolle. Er verwies darauf, dass China zwar mit einem Anteil von acht Prozent größter ausländischer Kreditgeber der USA sei, aber die Mehrheit von 85 Prozent schließlich in den Händen amerikanischer Bürger liege. "Ich möchte ganz aufrichtig betonen, dass sie sich keine Sorgen machen müssen", sagte Biden.

Zufriedener Regierungschef

Chinas Regierungschef zeigte sich zufrieden über die Zusicherung. "Sie haben eine sehr deutliche Botschaft an die chinesische Öffentlichkeit gesendet, dass die USA ihr Wort halten und ihre Verpflichtungen hinsichtlich ihrer Staatsschulden erfüllen werden", sagte Wen Jiabao seinem US-Gast. Er sei überzeugt, dass damit das Vertrauen der Investoren in die US-Wirtschaft gestärkt werde.

Zum Hintergrund: Zwei Jahre nach der jüngsten Wirtschaftskrise droht in den USA ein erneuter Rückfall in die Rezession. Die hohe Verunsicherung an den Finanzmärkten und schwache Konjunkturindikatoren haben eine Abwärtsspirale ausgelöst. Besonders beunruhigend ist, dass weder die Washingtoner Regierung noch die US-Notenbank einen großen Handlungsspielraum haben.

Am Donnerstag spitzte sich die Lage dramatisch zu. Ein wichtiger Konjunkturindikator - der Philadelphia-Index - brach regelrecht ein, auf minus 30,7 und damit auf den niedrigsten Stand seit März 2009, also zu Zeiten der Finanzkrise. Folge war ein Kursrutsch an der Wall Street. In der Vergangenheit hatte ein so niedriges Niveau immer einen Rückfall in die Rezession bedeutet.

Bereits im ersten Halbjahr war die US-Wirtschaft kaum gewachsen. Ganz anders sah es noch im vergangenen Jahr aus, als das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 3 Prozent zulegte. 2009 war es infolge der Krise nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers noch um 3,5 Prozent geschrumpft. Marktbeobachtern bereitet zudem Kopfschmerzen, dass sich auch am Arbeitsmarkt keine nachhaltige Erholung abzeichnet. Unter einer Rezession verstehen Ökonomen einen Rückgang der Wirtschaftsleistung in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen.

US-Politik und Notenbank praktisch handlungsunfähig

Viele Ökonomen hatten zwar zuletzt eine Abkühlung der US-Konjunktur erwartet, aber keineswegs eine erneut schrumpfende Wirtschaft vorhergesehen. "Die gleichzeitig stattfindende Talfahrt an den Aktienmärkten hat aber eine Abwärtsspirale ausgelöst, die tatsächlich zu einer Rezession führen könnte", sagte Patrick Franke, USA-Experte bei der Landesbank Hessen-Thüringen. Die Aktienmärkte wirken sich in den USA traditionell stark auf den privaten Konsum aus, da viele Haushalte Aktien halten. Zudem sichern viele Haushalte ihre Kredite mit Aktien ab.

Darüber hinaus wird in den USA auch die Frage gestellt, inwieweit US-Banken italienische und spanische Anleihen halten. "Insofern hat auch das im Prinzip ergebnislose deutsch-französische Treffen die Unsicherheit weiter angeheizt", sagte Franke. Schwieriger wird die Lage auch durch das weltwirtschaftliche Umfeld: Während in Europa in vielen Ländern die Regierungen sparen müssen, schwächt sich auch das Wachstum in Schwellenländern wie China und Brasilien ab.

Verschlechtert wird die Stimmung auch durch die geringen Handlungsmöglichkeiten der Politik. Die US-Regierung hat bereits in der jüngsten Wirtschaftskrise die Verschuldung stark ausgeweitet. Zudem zeigt der langwierige Streit um die Anhebung der Schuldengrenze, wie schwierig Entscheidungen in Washington angesichts unterschiedlicher Mehrheiten im Repräsentantenhaus und Senat sind. Zudem dürfte der bereits anlaufende Präsidentschaftswahlkampf Kompromisse noch schwieriger machen.

Auch die US-Notenbank hat wenig Spielraum, um eine Rezession zu bekämpfen. Der Leitzins liegt bereits bei fast null Prozent. Die Währungshüter haben zudem schon zwei große Programme zum Kauf von Anleihen aufgelegt und damit die Notenpresse angeworfen. US-Notenbankchef Ben Bernanke wollte die Rendite an den Anleihemärkten senken, um die Konjunktur zu stützen.

Diese Maßnahmen überzeugen die meisten Experten allerdings kaum. "Eine zusätzliche Lockerung der amerikanischen Geldpolitik würde allenfalls negative Entwicklungen in der kurzen Frist überdecken", sagte Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank. Nachhaltige und langfristige Wirkungen auf die Konjunktur seien aber nicht zu erwarten. Der Experte verwies insbesondere auf die bereits sehr niedrigen Renditen von US-Staatsanleihen und das damit günstige Zinsumfeld. Ein Rückfallen der USA in die Rezession hält Bielmeier für eher unwahrscheinlich. "Trotz Börsenturbulenzen und überwiegend schwacher US-Konjunkturdaten gehe ich nicht davon aus, dass die USA in eine Rezession abgleiten werden."

cr/dpa/dpa-afx
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