Gemeinschaftsanleihe Euro-Rettung zum Nulltarif für Deutschland

Je länger die Euro-Krise dauert, umso wahrscheinlicher wird eine radikale Lösung mit Gemeinschaftsanleihen. Doch was würden die Euro-Bonds Deutschland kosten? 15, 25 oder gar 45 Milliarden Euro pro Jahr zusätzliche Zinskosten errechnen Ökonomen - aber auch ein Gewinngeschäft wäre möglich.
Einer für alle, alle für einen: Die gemeinsame Haftung der Euro-Staaten für ihre Schulden soll die Spekulation gegen einzelne Staaten beenden

Einer für alle, alle für einen: Die gemeinsame Haftung der Euro-Staaten für ihre Schulden soll die Spekulation gegen einzelne Staaten beenden

Foto: Ian Waldie/ Getty Images

Hamburg - Für Olli Rehn ist der Fall klar. "Wenn die Einigung über eine EU-Reform da ist, was wir für September erwarten, werden wir einen Bericht über die Machbarkeit von Euro-Bonds vorlegen", kündigte der EU-Währungskommissar jüngst im BBC-Radio an. Seine Behörde prüfe, ob eine gemeinsame Schuldenaufnahme der Euro-Staaten "die fiskalische Disziplin verbessern und die Liquidität in den Märkten erhöhen" könne.

Den Auftrag dazu haben die Abgeordneten des Europäischen Parlaments der Brüsseler Behörde gegeben. Das Ergebnis dürfte positiv ausfallen, schließlich befürwortet der Finne Euro-Bonds ebenso wie Kommissionspräsident José Manuel Durão Barroso und Jean-Claude Juncker, der als luxemburgischer Ministerpräsident die Gruppe der Euro-Staaten leitet. Juncker freute sich nach dem Euro-Gipfel Ende Juli, Euro-Bonds seien "nicht mehr meilenweit entfernt". Man dürfe das nur nicht so nennen, das Wort verursache "in manchen Orten in Europa Pickel im Gesicht".

Gemeint ist Berlin. Vor allem die Bundesregierung hat die Gemeinschaftsanleihe zum Tabu erklärt - auch wenn für den Finanzmarkt die Logik der Euro-Krise genau in diese Richtung läuft. Prominente Investoren wie Hedgefondsguru George Soros oder Goldman-Sachs-Anlagechef Jim O'Neill haben sich für Euro-Bonds ausgesprochen, als verbliebene Alternative zu einem Auseinanderbrechen der Währungsunion, nachdem alles andere nicht geholfen hat.

Commerzbank-Ökonom Krämer: Euro-Bonds als letztes Mittel gegen die Krise

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer ist zwar kein Freund der Euro-Bonds, sieht sie aber ebenfalls als "letztes Mittel", das die Staatsschuldenkrise überwinden könne, wenn massive Anleihenkäufe der Europäischen Zentralbank und ein aufgestockter Rettungsfonds EFSF die Spekulation gegen Euro-Staaten nicht beenden. Denn dann gäbe es keine Anleihen schwacher Randstaaten mehr, "die das Misstrauen der Anleger erregen könnten". Die daraus entstehende Haftungsunion "wäre auch langfristig stabil", meint Krämer - unter einer Bedingung: "wenn die Wähler dahinter ständen". Nur daran glaube er nicht.

Ökonomen haben bereits verschiedene Rechnungen in Umlauf gebracht, welche Kosten Euro-Bonds für die deutschen Steuerzahler brächten. Auf 15 Milliarden Euro zusätzliche Zinskosten pro Jahr kommt Ansgar Belke, Forschungsdirektor des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin. Kai Carstensen vom Münchener Ifo-Institut, der im vergangenen Jahr noch 13,4 Milliarden errechnet hatte, sieht die Ziffer wegen der gewachsenen Zinsunterschiede zwischen Deutschland und Rest-Europa nun bei 25 Milliarden. Die wahren Kosten hält Ifo-Konjunkturchef Carstensen für noch höher, weil Euro-Bonds seiner Meinung nach alle Dämme der Staatsverschuldung einreißen würden.

Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft zeigt, dass auch leicht noch höhere Zahlen heranzuziehen sind. Würde die gesamte deutsche Staatsverschuldung von 2,08 Billionen Euro um einen Prozentpunkt höher verzinst, "würde dies jährlich Kosten von über 20 Milliarden Euro implizieren", erklärt der Forscher. Tatsächlich habe die durchschnittliche Umlaufrendite der Euro-Zone im Juni sogar 1,67 Prozentpunkte über der deutschen gelegen, daraus ergäben sich Mehrkosten von knapp 35 Milliarden Euro.

"Euro-Bond als legitimer Nachfolger der Bundesanleihe"

Inzwischen ist der Renditeabstand nach Berechnungen von manager magazin sogar auf 2,15 Prozentpunkte gewachsen, die durchschnittliche Euro-Staatsanleihe wird mehr als doppelt so hoch verzinst wie eine deutsche (Stand 11. August). Demnach würde die Rechnung auf 44,7 Milliarden Euro pro Jahr steigen - fast so viel wie die gesamte Nettokreditaufnahme des Bundes. Die Summe wäre größer als die aktuellen Etats für Verteidigung, Bildung und Forschung zusammen.

Doch Boysen-Hogrefe selbst weist diese Rechenmethode zurück. Die Annahme, Anleger würden einen gemeinsam am Kapitalmarkt auftretenden Euro-Raum wie den Durchschnitt seiner Teile bewerten, sei "kaum realistisch", erklärt der Kieler Ökonom. "Der Euro-Raum insgesamt dürfte zumindest die Bonität Frankreichs haben", meint Boysen-Hogrefe, weil die wichtigsten Wirtschaftsdaten ähnlich seien. Außerdem bedeute Größe am Anleihenmarkt einen Kostenvorteil, weil Anleger eine geringere Liquiditätsprämie verlangen.

Umso mehr gelte das, wenn das Angebot neuer Bundesanleihen zugunsten von Euro-Bonds reduziert würde. "Die Sicherheit suchenden Investoren würden den Euro-Bond als legitimen Nachfolger der deutschen Staatsanleihen sehen", so der Forscher. Unterm Strich erwartet Boysen-Hogrefe "recht moderate Kosten für Deutschland". Wenn der Großteil der Altschulden in nationaler Verantwortung bleibe, würden die Kosten sogar "im Promillebereich des Haushalts liegen".

Euro-Bond-Erfinder: "Sogar Deutschland würde profitieren"

Die Erfinder des aktuell diskutierten Euro-Bond-Modells, der französische Ökonom Jacques Delpla und der Thüringer Wirtschaftsstaatssekretär Jakob von Weizsäcker, gehen noch weiter. "Sogar starke Staaten wie Deutschland würden davon profitieren", versprechen sie. Denn der Euro-Bond liefere im Vergleich zu Bundesanleihen "gleiche Qualität, höhere Liquidität". Weil in ihrem Modell nur Schulden bis zur Obergrenze von 60 Prozent der Wirtschaftsleistung per Euro-Bond finanziert werden dürfen, sei die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls "sehr gering" - im Gegensatz zu den verbliebenen nationalen Anleihen, die sie bewusst dem Pleiterisiko aussetzen wollen.

Mit einem Volumen von mehr als fünf Billionen Euro sehen Delpla und von Weizsäcker einen vergleichbar großen Markt wie den für US-Staatsanleihen entstehen. Deren "maßloses Privileg" als bevorzugte Anlageklasse könne deshalb auch Europa nutzen. Während die USA dank dieses Vorteils jährlich 0,8 Prozentpunkte an Zinskosten sparten, schätzen sie den Effekt für Euro-Bonds auf immerhin 0,3 Prozentpunkte. Als "Gelegenheit für Europa", vom "weltweiten Hunger nach sicheren Anlagen" zu profitieren, während "der Status der USA als sicheres Anlageziel gefährdet" sei, werben die Ökonomen für den Euro-Bond.

Euro-Bonds gibt es schon - aber ohne Größenvorteil

Tatsächlich bezeichnet etwa die Ratingagentur Fitch US-Treasuries trotz Herabstufung der Top-Kreditwürdigkeit in einer aktuellen Studie als alternativlos, vor allem weil keine sicheren Anleihen mit einem ähnlich breiten Markt existieren. Als potenzielle Herausforderer, aber mit dem Nachteil des zu geringen Volumens, nennt Fitch neben Bundesanleihen auch die Bonds des Euro-Rettungsfonds EFSF, die man als Vorläufer von Euro-Bonds sehen könnte.

Die neu geschaffene Agentur, die Hilfskredite für Irland und Portugal am Kapitalmarkt refinanziert und in Zukunft im Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM aufgehen soll, genießt mit der Note AAA die höchste Kreditwürdigkeit, obwohl die Euro-Mitgliedstaaten nur für ihren Anteil am Rettungsplan plus eine Liquiditätsreserve bürgen. Bisher hat die von dem Deutschen Klaus Regling geführte Luxemburger Behörde nur acht Milliarden Anleihen mit zehnjähriger und fünf Milliarden mit fünfjähriger Laufzeit ausgegeben. Der Renditeaufschlag zur Bundesanleihe betrug 0,5 bis 0,6 Prozentpunkte - das könnte man als Hinweis sehen, wie der Markt einen Euro-Bond mit hoher Liquiditätsprämie bewertet.

Leicht geringere Risikoprämien zahlt die EU-Kommission, die für den EFSF-Schwesterfonds EFSM selbst Anleihen emittiert. Sie hat allerdings auch nur 31 Milliarden Euro seit 2008 am Kapitalmarkt aufgenommen, um Hilfskredite an Irland, Portugal, Ungarn, Rumänien und Lettland zu finanzieren. In einer Investorenpräsentation wirbt die Brüsseler Behörde, für ihre Schulden garantierten alle 27 EU-Staaten und sie seien vom EU-Haushalt gedeckt, "sollte ein Geldgeberland ausfallen".

Europäische Union ist offiziell Null-Risiko-Schuldner

Deshalb genießt auch die EU ein AAA-Rating, und noch besser: Offiziell "null Risikogewicht" bescheinigt ihr der Baseler Ausschuss der Bankenaufseher - ein Privileg, das die Behörde nur mit der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds teilt.

Ob Europa tatsächlich seinen Größenvorteil ausspielen und wie Deutschland derzeit Geld in beliebigen Mengen zum Nulltarif (nach Abzug der Inflationsrate) leihen kann, kann sich schon bald erweisen. Denn mit dem neuen Hilfsprogramm für Griechenland wachsen auch die Aufgaben für den EFSF. Ab September muss der Fonds deutlich höhere Summen am Kapitalmarkt aufnehmen. Je mehr Anleihen der EFSF ausgibt, desto geringer sollten die Liquiditätsprämien ausfallen.

Wenn sich die Regierungschefs doch noch auf den Euro-Bond einigen, ist Brüssel jedenfalls schon vorbereitet.