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Die Macht der Agenturen: Der Kampf um den Ratingmarkt

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Europäische Ratingagentur "Es geht nicht um Europa gegen Amerika"

Seit der Abstufung der USA durch S&P stehen Ratingagenturen wieder in der Kritik. Schon 2012 soll eine neue europäische Agentur starten. Initiator Markus Krall verspricht niedrigere Preise, volle Unabhängigkeit und im Internet nachvollziehbare Ratingprozesse - aber keine besseren Noten für Europas Anleihen.

mm: Herr Krall, Sie haben angekündigt, mit Geldgebern aus der Finanzbranche eine neue europäische Ratingagentur ins Leben rufen zu wollen. Wie kommt das Projekt voran?

Krall: Es geht schneller als erwartet. Inzwischen sprechen uns Finanzinstitute von sich aus an. Unser Ziel ist, bis zum Jahresende ein Konsortium aufzustellen, das die Gründungskosten von 300 Millionen Euro trägt. Dann könnte die neue Agentur schon im ersten Halbjahr 2012 mit Länderratings an den Markt gehen, im zweiten Halbjahr auch Banken bewerten. Ab 2013 kämen außerdem Unternehmen, Kreditverbriefungen und andere Finanzinstrumente hinzu.

mm: Derzeit sind Ratingagenturen eher unbeliebt. Was bewegt Sie dazu, eine neue zu gründen?

Krall: Ich bin mit Ratings seit Jahren aus verschiedenen Perspektiven vertraut, habe führende Kreditinstitute in Europa zur Einführung interner Ratings federführend beraten. Auch als Kunde habe ich schon mit Ratingagenturen zu tun gehabt, in meiner Funktion als Risikovorstand einer Rückversicherung in der Schweiz.

Meine Motivation geht zurück auf eine Analyse über die Ursachen der Krise, die wir vor zwei Jahren in meiner damaligen eigenen Beratungsgesellschaft gemacht haben. Wir sind darauf gekommen, dass der Ratingmarkt eine Reihe von institutionellen Problemen aufweist, die man nur mit mehr Wettbewerb lösen kann. Und der beste Weg zu mehr Wettbewerb führt über mehr Marktteilnehmer.

mm: Aber es gibt ja schon viele Marktteilnehmer, auch wenn nur die großen Drei (Standard & Poor's, Moody's und Fitch) wirklich Einfluss haben.

Krall: Den vielen kleinen Marktteilnehmern fehlt die kritische Größe, und deswegen nehmen die Investoren sie in den wichtigen Marktsegmenten, in denen große Volumina bewegt werden, nicht ernst. Wenn man die 95 Prozent Marktanteil der großen Drei auf mehr Schultern verteilen will, braucht man einen großen und globalen Player, der ein konkurrenzfähiges Modell hat.

mm: Wenn Sie die etablierten Agenturen als mitverantwortlich für die Krise sehen, was würde die neue Agentur konkret anders machen?

Krall: Die Kritik bezieht sich vor allem auf die Rolle des Bezahlsystems, dass nämlich die Ratingagenturen von den Emittenten der Kreditpapiere bezahlt werden. Das hat beispielsweise Anreize geschaffen, in der Immobilienblase Unmengen an Verbriefungen zu erzeugen und ihnen Investmentgrade-Noten zu geben, auch wenn die Kredite guter Qualität längst abgegrast waren.

"Unsere Ratingagentur wird alles im Internet veröffentlichen"

mm: Welche Mängel sehen Sie noch?

Krall: Zweitens fehlt Transparenz. Unsere Ratingagentur wird äußerst transparent sein. Sie wird alles im Internet veröffentlichen: ihre Daten, die Methoden, die Modelle, deren Quellcodes, die Prozesse des Ratings, bis hin zu den Lebensläufen der Mitarbeiter. Jeder kann einen Ratingprozess verfolgen, so, wie Sie heute eine Sendung mit dem Paketdienst verfolgen können. Das wird öffentliche Kontrolle in den Markt einführen. Wir hoffen, dass das Maßstäbe setzt und sich in der Industrie ausbreitet. So wollen wir verhindern, dass ein intransparenter Prozess erneut zu einem Stau von Großrisiken führt, und dies am Ende systemisch relevant wird.

mm: Wie gehen Sie mit dem Interessenkonflikt um, dass Ratingagenturen von denen bezahlt werden, die sie bewerten?

Krall: Unser Ziel ist ein investorenbasiertes Bezahlsystem. Das ist ein von der Ratingagentur unabhängiges zusätzliches Projekt, das wir gemeinsam mit der Politik und den Börsen anstreben. Die Börse oder ein anderer Anbieter schafft eine Plattform, auf der Ratings in Zukunft zusammen mit den Anleihen gehandelt werden. Die Emittenten der Papiere werden verpflichtet, ihre Informationen auf dieser Plattform zu veröffentlichen, sodass jede Ratingagentur die gleichen Informationen hat. Niemand darf bevorzugt oder benachteiligt werden - so wie es heute für Aktienanalysten auch schon der Fall ist, um Insiderhandel zu verhindern.

Die Ratingagenturen veröffentlichen ihre Ratings auf dieser Plattform und die Investoren müssen dann entweder eines davon erwerben oder ein eigenes erstellen, beispielsweise nach dem Standard Basel II. Dadurch verschwindet der Interessenkonflikt und es wird echter Wettbewerb der Ratingagenturen in größerem Umfang möglich.

mm: Neue Pflichten für Emittenten und Investoren - für dieses Modell sind Sie aber auf Unterstützung durch den Gesetzgeber angewiesen.

Krall: Sie haben recht, dazu brauchen wir die Politik, und genau das hoffen wir in unseren Gesprächen mit der Politik zu erreichen. Wir wollen kein Steuergeld, um die europäische Ratingagentur zu bauen. Wir wollen Gesetzesänderungen, um diese Plattform zu errichten, auf der dann alle Ratingagenturen gleichberechtigt agieren können.

mm: Wie sehen Sie die Chancen, dass das zustande kommt?

Krall: Gut. Wir haben umfangreiche Gespräche geführt. Wir wissen noch nicht, ob es schon im November, wenn EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier seine Vorschläge präsentieren will, der Fall sein wird, aber wir haben eine intensive Diskussion darüber angestoßen. Und viele Regulatoren sind offen dafür und halten unsere Idee für unterstützungswürdig.

Es bedeutet auch keinen massiven Eingriff in die Rechte der Marktteilnehmer, da die Emittenten bisher schon verpflichtet waren, umfangreiche Informationen zu veröffentlichen - nur fällt die Diskriminierung der Ratingagenturen untereinander weg. Die Investoren sind gesetzlich auch jetzt schon gehalten, sich eine Meinung über die Kreditwürdigkeit ihrer Gläubiger zu bilden. Aber dies blieb bisher auf die Nutzung von Emittenten bezahlter Ratings reduziert. Und eben das ist eher geduldet als Sinn des Gesetzes, sodass der Unterschied zwischen dem, was wir anstreben, und dem Status quo gar nicht so groß ist.

"Wir sind große Fans der Haftbarkeit von Ratingagenturen"

mm: Es gibt aber in der Diskussion um Reform der Ratingagenturen auch noch ganz andere Vorschläge, zum Beispiel, die Rolle der Ratings etwa im Aufsichtsrecht zu begrenzen.

Krall: Wir unterstützen, dass die Bedeutung der Ratings in den Gesetzeswerken zurückgedrängt wird. Man muss den Versicherern nicht vorschreiben, nur in einem bestimmten Umfang Papiere mit bestimmten Ratings erwerben zu dürfen. Aber es ist eine Illusion, wenn man glaubt, dass Ratings überflüssig werden, wenn man sie aus den Gesetzen streicht.

Die Investoren müssen ja ihre Portfolios trotzdem weiter steuern. Ihre ganzen Prozesse, ihre IT sind auf Ratings angelegt. Man kann Anreize schaffen, dass die Investoren in Strukturen für interne Ratings investieren, so wie die Banken es mit dem Regulierungswerk Basel II gemacht haben. Aber das hat 15 Jahre gedauert und ist immer noch nicht beendet.

mm: Ein anderer Vorschlag ist, dass Ratingagenturen künftig für ihre Urteile haftbar gemacht werden sollen. Würde das nicht die Attraktivität Ihres Geschäftsmodells beschädigen?

Krall: Ganz im Gegenteil, wir sind große Fans dieser Haftbarkeit. Dagegen steht im Moment, dass man Ratings als Meinung definiert, nicht als Produkt, dadurch sind sie von der Meinungsfreiheit geschützt. Und die Ratingagenturen stehen in keinem Vertragsverhältnis mit den Investoren, sondern nur mit den Emittenten. Die Investoren sind rein rechtlich gesehen unbeteiligte Dritte. Wir halten das Fehlen der Haftung für einen Mangel des Marktes, der korrigiert werden muss. Nur muss man dann eine Vertragsbeziehung zwischen den Investoren und den Ratingagenturen herstellen. Unser Vorschlag würde das leisten.

mm: Denken Sie nicht, dass Sie als europäische Ratingagentur argwöhnisch beobachtet werden, ob Sie mit europäischen Emittenten zu freundlich umgehen - und dann vielleicht sogar in einer Gegenreaktion europäische Staaten noch strenger bewerten?

Krall: Es geht hier nicht um Europa gegen Amerika. Der Vorwurf, dass europäische Schuldner anders bewertet werden als amerikanische, steht ja bei den existierenden Agenturen auch im Raum - obwohl ich ihn für verfehlt halte. Unsere Antwort ist ein Maximum an Unabhängigkeit.

Das erreichen wir dadurch, dass wir die Agentur als private Non-Profit-Stiftung einrichten, bei der auch die Stifter nicht in die Ratings reinreden dürfen. Sie stellen sicher, dass die Ratingagentur so aufgebaut wird wie versprochen, und dass das Geld zur Verfügung steht, das sie nach drei bis fünf Jahren zurückbekommen. Aber sie haben mit den Ratings nichts zu tun. Steuergeld fließt auch keines, sodass eine Abhängigkeit vom Staat ebenfalls ausbleiben dürfte. Und es werden Firewalls errichtet, die die Unabhängigkeit sicherstellen. So wird es etwa einen starken Beirat geben aus Wissenschaftlern, die die Qualität der Ratings kontrollieren.

"Die Monopolgewinne werden dahinschmelzen"

mm: Mit dem Verweis auf Firewalls reagieren doch auch die etablierten Agenturen auf den Vorwurf der Interessenkonflikte.

Krall: Ja, diese Firewalls sind aber etwas ganz anderes als das, was wir mit unserem Vorschlag meinen. Wenn man keine Gewinnerzielungsabsicht hat, kann man die Kompensation der Mitarbeiter an der Güte der Ratings ausrichten - und nicht wie bisher am Profit. Da braucht man die Trennung zwischen Analyst und Verkäufer gar nicht mehr, weil es gar keinen mehr gibt, der verkauft. Man stellt die Ratings auf die Plattform ein, und der Investor erwirbt sie. Da gibt es kein Marketing.

mm: Wenn Sie keine Gewinne erzielen wollen, können Sie ja auch als Preisbrecher am Markt auftreten.

Krall: Im Moment haben die Ratingagenturen fünf Milliarden Dollar Umsatz, davon zwei Milliarden Gewinn, das bedeutet eine Umsatzrendite von 40 Prozent. Diese Quasi-Monopolgewinne werden in einem funktionierenden Wettbewerb sowieso dahinschmelzen. Und ihre Kosten sind auch sehr hoch, verglichen mit den Banken. Deren eigene Ratings sind nachweisbar genauso gut wie das, was die Ratingagenturen tun, haben aber einen Kostensatz weit darunter, teilweise sogar um Zehnerpotenzen.

mm: Sie sehen sich durchaus als Angreifer auf die Profite der Etablierten?

Krall: Diese Sache soll ja den Marktteilnehmern dienen. Wir wollen, dass die Investoren, und das sind letzten Endes die kleinen Sparer, von einem Kostenblock befreit werden, den wir für zu hoch halten.

mm: Es hat in der Vergangenheit schon verschiedene Versuche, auch von Initiativen der deutschen Wirtschaft, gegeben, eine Ratingagentur zu gründen. Die sind aber alle gescheitert. Wie heben Sie sich davon ab?

Krall: Die Frage stellt uns natürlich jedes der Unternehmen, die wir in das Konsortium einladen: Warum soll es diesmal besser laufen? Die Antwort ist relativ simpel. In der Vergangenheit gab es riesige Markteintrittsbarrieren, die mit dem Netzwerkcharakter dieser Industrie zu tun haben, bei dem Reputation und Skaleneffekte ein natürliches Oligopol erzeugen. Diese Barriere ist zum einen dadurch geschrumpft, dass die Reputation der Ratingagenturen durch eigene Fehlleistungen stark gelitten hat.

Zum anderen ist es technisch heute viel leichter, Ratings zu entwickeln, als vor 15 Jahren. Wir können einfach Geld in die Hand nehmen und in statistische Verfahren und Daten investieren, und so Systeme entwickeln, die sich mit den Ratings der etablierten Agenturen messen können. Das schafft Glaubwürdigkeit.

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