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Angesteckt: Wie die Euro-Krise sich ausbreitet

Foto: Tobias Kleinschmidt/ dpa

Effekt des Euro-Rettungsplans verpufft Neue Wetten gegen Italien und Spanien

Kaum ebbt die Angst vor einer Zahlungsunfähigkeit der USA ab, rückt Europas Schuldenkrise wieder in den Blick. Die Risikoprämien für Italiens und Spaniens Staatsanleihen sind auf Rekordhoch. Schon Mitte September könnten beide Staaten als Geldgeber für Griechenland ausfallen - das würde für Deutschland teuer.

Hamburg - Wozu noch sparen? Gerade hat das italienische Parlament beschlossen, den Haushalt um 48 Milliarden Euro zu kürzen - doch alles "umsonst", wie Romano Prodi in der Zeitung "Il Messaggero" urteilt. Die steigenden Kosten für den Schuldendienst zehrten alle Ersparnisse gleich wieder auf, erklärt der Ökonomieprofessor, zweimalige Ministerpräsident und EU-Kommissionspräsident - und das wegen des "deutschen Egoismus".

Prodi verweist auf die Deutsche Bank , die im ersten Halbjahr ihren Nettobestand italienischer Staatsanleihen von acht Milliarden auf weniger als eine Milliarde Euro abbaute und zugleich auch den Großteil ihrer spanischen Papiere auf den Markt warf, worin Prodi "ein eindrucksvolles Signal des Misstrauens" sieht.

Doch die Bank ist keineswegs allein, wie die massenhaften Verkäufe in dem billionenschweren Markt für die Anleihen beider Länder zeigen.

Am Dienstag brachen die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen aus Italien und Spanien schon wieder die vor dem Euro-Gipfel vom 21. Juli aufgestellten Rekorde. Für italienische Papiere verlangten Anleger bis zu 6,2 Prozent Zinsen, für spanische 6,4 Prozent - satte vier Prozentpunkte mehr als für deutsche Bundesanleihen, die mit 2,4 Prozent ein Jahrestief erreichten. Dieser Risikoaufschlag, derzeit das meistbeachtete Barometer der Euro-Krise, markiert für die Schuldscheine beider Länder den höchsten Wert seit Bestehen der Europäischen Währungsunion.

Spanien und Italien müssen derzeit mehr als 6 Prozent Zinsen zahlen

In Rom wurde deshalb der Finanzstabilitätsrat aus Wirtschaftsministerium, Zentralbank und Aufsichtsbehörden zu einem Krisentreffen einberufen. Sogar Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der in den vergangenen Monaten über solchen Dingen zu schweben schien, soll sich am Mittwoch zur Krise äußern.

Doch hatten die Staatslenker auf ihrem Brüsseler Gipfel vor knapp zwei Wochen nicht gerade Hunderte Milliarden lockergemacht, um alle Gerüchte von einem Übergreifen der Schuldenkrise von den Randstaaten auf die großen Euro-Mitglieder zu beenden?

"Der Effekt des Euro-Gipfels auf die Märkte war innerhalb von 24 Stunden verpufft", sagt Zinsstratege Kornelius Purps von der Großbank Unicredit. "Das wichtigste Ziel, die Ansteckungsgefahr einzudämmen, wurde nicht erreicht." Zwar seien die jetzigen Zinskosten "noch kein Grund den Rettungsfonds anzurufen" - während Irlands Finanzminister Michael Noonan die Schmerzgrenze für die Kollegen aus Rom und Madrid jüngst auf 7 Prozent taxierte, sieht Purps in der regelmäßigen Aktivität beider Länder am Kapitalmarkt einen Puffer, weil einzelne teure Emissionen nicht so stark ins Gewicht fielen wie für Irland oder Portugal; die beiden Länder hatten um Hilfe gebeten, als ihre Anleiherenditen über 9 Prozent stiegen.

Warum die Krise der deutschen Volkswirtschaft nutzt

"Aber diese Entwicklung muss gestoppt werden", räumt Purps ein. Er habe zwar "keine Patentlösung", doch "die Politiker werden wohl nicht um weitere Sondergipfel herumkommen".

Italien ist nicht nur die drittgrößte Volkswirtschaft und das Land mit den höchsten Staatsschulden in der Euro-Zone. Es sorgt auch, bislang zumindest, als einer der wichtigsten Geldgeber für den Zusammenhalt der Union. Italien ist, entgegen landläufiger Meinung, der drittgrößte Nettozahler im EU-Haushalt. Im Jahr 2009 flossen unterm Strich 5,1 Milliarden Euro aus Rom an die Gemeinschaft, nicht viel weniger als die von Deutschland geleisteten 6,4 Milliarden.

Außerdem ist Italien mit 18 Prozent am Kapital der Europäischen Zentralbank beteiligt, Spanien mit 12 Prozent. Beide zusammen haben also einen höheren Anteil als Deutschland mit 27 Prozent. Entsprechend sind auch die Risiken im europäischen Rettungsfonds EFSF verteilt. "Hat der EFSF genügend Mittel, um eine Schuldenkrise dieser beiden großen Volkswirtschaften zu bekämpfen?", fragt eine aktuelle Studie von Axa Investment Managers. "Die Antwort ist Nein."

Schon die für Mitte September geplante nächste Rate des Hilfskredits für Griechenland könnte den Krisenfall auslösen. Denn während die Zinsen dieses Kredits auf 3,5 Prozent gesenkt wurden, um Griechenlands Zahlungsfähigkeit nicht zu überfordern, müssten Italien und Spanien als Geldgeber sich fast doppelt so teuer refinanzieren, würden also für den Hilfskredit draufzahlen. "Das kann nicht im Sinne des Erfinders sein", sagt Anleihenexperte Purps.

Wenn Italien und Spanien als Helfer ausfallen

EU-Diplomaten berichteten Ende vergangener Woche bereits von Beratungen, dass beide Länder von ihrem für diesen Fall vorgesehenen Recht Gebrauch machen könnten, sich nicht an dem Kredit zu beteiligen. Der EFSF sei wohl noch nicht in der Lage, rechtzeitig genügend Mittel in eigenem Namen am Kapitalmarkt aufzunehmen.

"Je weniger Länder einzahlen, desto größer wird die Belastung Deutschlands", sagt Purps. Also müsste die deutsche Kreditwürdigkeit abnehmen. Doch am Anleihenmarkt setzt sich der gegenteilige Effekt durch: Je mehr sich die Anleger um das anderen Staaten geliehene Geld sorgen, destso mehr investieren sie in Bundesanleihen - mit dem Effekt, dass deren Rendite bei zehnjähriger Laufzeit unter 2,5 Prozent gesunken ist.

"Die Bundesanleihe ist als sicherer Hafen gefragt und wird dies aus meiner Sicht auch noch länger bleiben", sagt Kornelius Purps. Davon profitiere neben dem Bund, der einen zweistelligen Milliardenbetrag an Zinslasten einspare, auch die deutsche Wirtschaft. "Das Zinsniveau ist wie in einer tiefen Rezession, und das bei Wachstumsraten nahe 4 Prozent", sagt Purps. "Das könnte kaum ein Konjunkturpaket schaffen."