Solarwirtschaft "Deutschland hat die Lernkurve der Welt bezahlt"

Die Energiewende erfordert gigantische Investitionen, doch bisher halten sich die großen Konzerne zurück. Fondsmanager Thiemo Lang sagt im Gespräch, warum die Energieriesen bald in die Vollen gehen könnten - und wie Deutschland zum Finanzier der Solarindustrie in der Welt wurde.
Solarenergie im großen Stil: Areale außerhalb Deutschlands besonders interessant

Solarenergie im großen Stil: Areale außerhalb Deutschlands besonders interessant

Foto: Schott/ dpa

mm: Herr Lang, Deutschland steigt aus der Atomenergie aus. Dieser Schritt hat nicht nur Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie, die das manager magazin in seiner aktuellen Ausgabe ausgiebig beleuchtet, sondern auch für das Klima. Wenn künftig mehr fossile Kraftwerke gebraucht werden: Wie lassen sich da die ambitionierten deutschen CO2-Ziele halten?

Lang: Deutschland will bis 2020 mindestens 40 Prozent weniger CO2 emittieren als 1990. Mit neuen Kohlekraftwerken wird das nicht klappen. Das lässt sich nur lösen über die Brücke Erdgas; diese Kraftwerke emittieren deutlich weniger CO2 als Kohle. Und über den kräftigen und schnellen Ausbau erneuerbarer Energien. Vorausgesetzt, wir nehmen die CO2-Ziele ernst.

mm: Haben Sie Zweifel?

Lang: Nein, aber die Diskussion um ein sauberes Klima gerät derzeit etwas ins Hintertreffen. Ein großes Potenzial liegt natürlich auch beim Energiesparen, also in einer besseren Energieeffizienz.

mm: In der Industrie ist in dieser Beziehung nicht mehr viel zu holen. Die großen Stromverbraucher sind schon höchst effizient, aus Kostengründen.

Lang: Aber in der Gebäudeisolierung ist sehr viel zu machen. Wenn die Häuser besser isoliert sind, braucht man weniger Klimaanlagen und weniger Heizungen. Hier lässt sich mit geringen Finanzmitteln viel erreichen.

mm: Muss mehr in Forschung und Entwicklung neuer Effizienztechnologien investiert werden?

Lang: Die technologischen Grundlagen für Sonne- oder Windstrom sind schon gut entwickelt. Es geht somit vielmehr darum, einen Markt zu schaffen und über Massenfertigung und Kostenreduktion konkurrenzfähig zu herkömmlichen Energieträgern zu werden. Das Erneuerbare-Energien-Gesetzes, kurz EEG, hat sich hierin sehr bewährt. Das gleiche Prinzip gilt auch bei der Energieeffizienz: Der Gesetzgeber muss die Rahmenbedingungen setzen, um Unternehmen zu ermutigen, neue Lösungen zu finden.

mm: Das klingt nach neuen teuren Subventionen. Schon jetzt erfordert die deutsche Energiewende gigantische Investitionen in Kraftwerke, Netze und Speicher - wie soll das alles finanziert werden?

Lang: Sicher braucht man zusätzliche Anreize. Denn nur so wird es attraktiv für private Unternehmen. Nehmen Sie das Beispiel Offshore-Windkraft. Die großen Energiekonzerne haben sich bislang mit Investitionen zurückgehalten, weil ihnen die garantierte Rendite zu gering erschien. Einspeisevergütungen von 13 Cents pro Kilowattstunde reichten eben nur für eine Rendite von 7 Prozent. Woanders konnten die Unternehmen mehr erzielen, etwa bei Windprojekten in Spanien. Jetzt wird die Vergütung im neuen EEG auf 15 Cents für zwölf Jahre oder 19 Cents für acht Jahre erhöht. Das entspricht einer Rendite von mehr als 12 Prozent - das müsste eigentlich ausreichen. Aber bei diesem Thema ist auch viel Taktik im Spiel.

mm: Was meinen Sie damit?

Lang: Die Energieversorger erklären immer, wie technisch kompliziert Windkraftanlagen auf See sind. Wir reden mit Firmen, die solche Offshore-Anlagen bauen. Wir erhalten daraus eher sehr positive Signale bezüglich der tatsächlich zu erwarteten Kosten, die Massenfertigung ist auch hier nicht mehr weit.

mm: Werden die Ausbauziele mit neuen Fördersätzen nun schneller erreicht?

Lang: Die Bundesregierung will bis 2020 rund zehn Gigawatt Offshore-Wind schaffen. Das ist sehr ambitioniert, weil man durch die bisherige Investitionszurückhaltung schon in Verzug geraten ist. Dabei ist das für die Energieversorger ein perfektes Geschäftsmodell, mit dem sie vertraut sind: zentrale und große Erzeugungsanlagen ans Netz bringen.

mm: Ihr Geschäftsmodell können die Energiemultis in der Solarsparte nicht so ohne weiteres aufrechterhalten. Erklärt sich so deren zögerliche Haltung gegenüber Sonnenstrom?

Lang: Bei Solarenergie lohnt sich das für die Konzerne in der Tat nur, wenn es in großem Stil erfolgt. Wie beim Wüstenstromprojekt Desertec.

Kaufwelle rollt auf die die Solarproduzenten zu

mm: In Solarkraftwerken produzierter Sonnenstrom aus der Sahara soll ab 2020 bis nach Westeuropa geleitet werden.

Lang: Dort sind die großen Finanz- und Energiekonzerne wie Deutsche Bank , Münchener Rück, Eon  oder RWE  engagiert. Es geht um gigantische Investitionen von bis zu 400 Milliarden Euro. In Deutschland vollzieht sich der Ausbau der Sonnenenergie vor allem über Fotovoltaik auf dem Dach - sehr dezentral und mit hoher Akzeptanz in der Bevölkerung.

mm: Wird das so bleiben? Fotovoltaik ist mit Abstand die teuerste Form der Stromproduktion, mittlerweile subventionieren wir sogar ausländische Hersteller, etwa aus China.

Lang: Noch. Das ändert sich derzeit jedoch rapide. Solar wird schon bald ohne weitergehende Subventionen wettbewerbsfähig sein, auch in Deutschland. Deutschland hat im Prinzip die gesamte Lernkurve der Welt in der Fotovoltaik bezahlt. Immerhin gibt es jetzt einen Markt. Es macht Sinn, daß die relativ einfache und zunehmende Massenproduktion von Solarzellen in asiatischen Ländern wie China und Taiwan stattfindet. Immerhin machen sie das auf europäischen Maschinen, auch spielt etwa Wacker Chemie  bei der Herstellung des Grundrohstoffes Polysilizium eine große Rolle.

mm: Eine teure Exportförderung. Muss die Vergütung für Fotovoltaik weiter gekürzt werden?

Lang: Ja, das wird auch passieren. Wir freuen uns natürlich, dass unsere Firmen damit Geld verdienen. Aber wir müssen aufpassen, dass wir keine Blasen generieren. In Italien war die Förderung bis vor kurzem mindestens 50 Prozent zu hoch. Die Firmen hatten keinen Anreiz kostengünstig zu produzieren, weil es sich auch so für sie rechnete. Man muss ständig darauf achten, dass die staatliche Förderung den rapide sinkenden Fertigungskosten angepasst wird.

mm: Es bleibt das Kernproblem: Woanders scheint die Sonne nun mal öfter.

Lang: Sicher. In Deutschland haben wir rund 900 Sonnenstunden pro Jahr, in Spanien sind es 1500. Und in Indien sogar bis zu 3000. Dort kann man also zu einem Drittel der deutschen Kosten Solarstrom produzieren. Das sind zweifellos die interessanten Märkte der Zukunft.

mm: In Deutschland leiden viele Hersteller an den stark fallenden Modulpreisen. Wird es zu einer Marktbereinigung kommen, weil einige Firmen den Preisverfall nicht überleben?

Lang: Das wird passieren. Man bekommt ja derzeit schon ein Solarmodul für einen Euro pro Watt. Ein Standardmodell von 200 Watt kostet also 200 Euro, vor drei Jahren waren es noch 600 Euro. Nächstes Jahr sind wir bei 70-80 Cents pro Watt, davon bin ich überzeugt. Wenn man alle Gewinne entlang der Wertschöpfungskette abschöpfen würde, könnte man in Deutschland Solarstrom auf dem Dach schon für unter 20 Cents pro Kilowattstunde produzieren; die garantierte Vergütung liegt momentan bei 28,7 Cents, was den Investoren derzeit attraktive Renditen ermöglicht. In spätestens zwei Jahren können Sie Solarstrom in Deutschland zu 15 Cents/kWh generieren - und im Gegensatz zu Offshore-Wind sind etwaige zusätzliche Investitionsanforderungen an den weiteren Netzausbau, insbesondere für die Hochspannungsleitungen, wesentlich geringer.

mm: Wann steigen die Großkonzerne in das Geschäft ein und übernehmen die kränkelnden Solarfirmen?

Lang: Das wird ein Riesenthema werden. Viele Solarhersteller haben angesichts der momentan rasant fallenden Preise negative Cashflows. Das ist eine Einstiegschance vor allem für die Branchen, in denen regelmäßig viel Cash generiert wird, wie etwa in der Chemie oder in der Ölindustrie. Wenn einer tiefe Taschen hat, wird er zugreifen. Es ist ja kein Zufall, dass der französische Ölmulti Total sich vor kurzem für rund 900 Millionen Euro beim US-Solarmodulanbieter Sunpower eingekauft hat. Und Siemens  sich mit 16 Prozent an einem US-Start-up beteiligt hat.

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