Krisenreaktion Industriestaaten plündern ihre Ölreserven

Es ist ein dramatisches Signal: Die Industriestaaten zapfen ihre strategischen Ölreserven an, um den Höhenflug des Ölpreises zu stoppen. Zu groß ist die Angst der Wirtschaftsriesen mittlerweile, dass der globale Aufschwung einen Ölpreisschock erleidet. Der Ölpreis reagiert prompt.
Rohstoffbörse in Chicago: Deutlicher Rücksetzer des Ölpreises

Rohstoffbörse in Chicago: Deutlicher Rücksetzer des Ölpreises

Foto: Kiichiro Sato/ AP

Hamburg - In einer konzertierten Aktion zapft die Internationale Energieagentur (IEA) die strategischen Ölreserven der Industriestaaten an. Rund die Hälfte der 60 Millionen Barrel, die auf den Markt kommen sollen, wollen die USA beisteuern, wie ein Regierungsvertreter am Donnerstag mitteilte. Auch Deutschland macht mit: Die Bundesrepublik wirft zum ersten Mal seit sechs Jahren einen Teil ihrer Ölreserven auf den Markt. Insgesamt 4,2 Millionen Barrel würden freigegeben, teilte das Bundeswirtschaftsministerium am Donnerstag mit.

Der Ölpreis ist daraufhin um mehr als 5 Prozent eingebrochen. Die von der Internationalen Energieagentur (IEA) beschlossene Freigabe strategischer Ölreserven verstärkte am Nachmittag einen ohnehin schon hohen Verkaufsdruck. Bis dahin hatten sich Investoren auf die globale Konjunkturabkühlung fokussiert und in Erwartung einer rückläufigen Nachfrage Ölkontrakte abgestoßen. Ein deutlich anziehender Dollar belastete zusätzlich.

Das Fass Brent-Öl verbilligte sich um mehr als sieben auf 106,90 Dollar und notierte damit so niedrig wie seit Anfang Februar nicht mehr. Vor rund einer Woche lag der Preis noch dreizehn Dollar höher. Amerikanisches WTI-Öl kostete zeitweise weniger als 90 Dollar und damit gut fünf Dollar weniger als im späten Vortagesgeschäft. Zuletzt war das Öl Ende Februar so günstig.

Die IEA - die die Industrieländer in Energiefragen berät - befürchtet vor allem einen dauerhaften Ausfall der Öllieferungen aus dem von Unruhen und Kriegswirren erschütterten Libyen. Die Ölproduktion, die vor Krisenbeginn bei etwa 1,2 Millionen Barrel lag, werde wohl mindestens bis Jahresende ausfallen. Um die Lücke zu füllen, würden in den kommenden 30 Tagen jeweils zwei Millionen Barrel aus den Ölreserven auf den Markt geworfen.

Überraschende Entscheidung

Der US-Branchenverband API kritisierte den Schritt als zeitlich unpassend. Es gebe keine dringenden Engpässe, betonte das American Petroleum Institute. Die USA begründeten die Maßnahme hingegen mit den Lieferproblemen. "Wir haben uns für diesen Schritt entschieden wegen der anhaltenden Lieferstörungen in Libyen und weiteren Ländern und deren Einfluss auf die weltweite Konjunkturerholung", sagte US-Energieminister Steven Chu.

Er schloss weitere Maßnahmen nicht aus. "Wir werden die Lage genau beobachten und sind zu zusätzlichen Schritten bereit, falls diese notwendig werden", sagte Chu. Die USA besitzen mit 727 Millionen Barrel die weltweit größten Ölreserven. Sie sind mit China auch der weltgrößte Ölverbraucher. Alle IEA-Länder zusammen verfügen über eine Reserve von mehr als 4,1 Milliarden Barrel, was für etwa 90 Tage reicht.

Für Fachleute kam die Entscheidung der IEA überraschend. "Es ist verwunderlich, dass jetzt zusätzlich Öl auf den Markt geworfen wird", sagte Leon Leschus, Rohstoffexperte des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). "Denn in den USA und China mehren sich die Hinweise für eine Konjunkturabkühlung, die auch die Ölnachfrage drücken dürfte." Zudem verfüge das Ölkartell Opec über genügend Reserven, um die Lieferausfälle Libyens zu kompensieren.

Die in der Opec zusammengeschlossenen Förderländer hatten sich bei ihrem Gipfel am 8. Juni nicht auf eine Erhöhung der Fördermenge einigen können. Saudi-Arabien hatte aber zugesagt, im Alleingang mehr Öl zur Verfügung zu stellen. Normalerweise dauert es etwa 13 Tage, bis das Öl aus den Reserven der Industriestaaten am Markt ankommt.

kst/rtr/dpa