Astrid Maier

Wirtschaftsmacht China Das große Schweigen

Astrid Maier
Von Astrid Maier
Chinas Führung hat Ai Weiwei aus der Haft entlassen, aber öffentlich reden darf er nicht. Ein Triumpf für das Regime in Peking. Und eine peinliche Niederlage für Politiker und Manager hierzulande, die seit langem viel zu nachsichtig mit China umgehen. Verrät der Westen seine Werte?
Wortlos gegenüber Reportern: Ai Weiwei darf nicht sprechen

Wortlos gegenüber Reportern: Ai Weiwei darf nicht sprechen

Foto: DAVID GRAY/ REUTERS

Hamburg - Ai Weiwei ist frei. So wunderbar diese Nachricht ist, so deprimierend ist das Video von seiner Freilassung. Die Bilder belegen eindrucksvoll, dass China in Zukunft keine ernsthaften kritischen Stimmen mehr zulassen wird: Der stets vor Selbstbewusstsein strotzende Künstler Ai, der sich nie scheute, medienwirksam seine kritische Meinung kund zu tun - der seine Kunst ebenso wie Twitter dazu nutzte, auf Missstände in puncto Meinungsfreiheit, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit hinzuweisen - dieser Ai also wimmelt nun erkennbar beschämt die wartenden Reporter ab. Das ist der Preis für seine Freiheit: Ai Weiwei muss mindestens für ein Jahr schweigen. Für die Machthaber in Peking kann es kaum eine größere Genugtuung geben.

Es ist mehr als verständlich, dass Ai Weiwei bereit ist, diesen Preis zu zahlen. Ihm ist kein Vorwuf zu machen. Der Westen hingegen sollte die Bilder vom schweigenden Ai für immer in Erinnerung behalten: Sie dokumentieren den Tag, an dem sein eigenes Versagen für alle Welt sichtbar wurde. Der Mann, dem westliche Reporter so gerne das Mikro hinhielten, weil er der einzige Prominente war, der sich noch traute, Kritik kund zu tun, er verstummt.

Dabei wurde seit Chinas kommunistische Machthaber das Land vor mehr als 20 Jahren öffneten, ständig die Hoffnung vom "Wandel durch Handel" genährt. Der Wandel hat tatsächlich stattgefunden - nur in die entgegengesetzte Richtung. Deutsche Manager in Peking buhten im Beisein hoher Politiker Fragen zu Ai Weiweis Verbleib aus.

Ich habe selbst vor drei Jahren erlebt, wie deutsche Regierungsorganisationen Selbstzensur in China übten: Eine Veranstaltungen mit chinesischen Lokalpolitikern wurde von den Deutschen abgeblasen, weil die aus Deutschland angereisten Journalisten nicht im Voraus garantieren wollten, keine Fragen zu den damals bevorstehenden Olympischen Spiele in Peking zu stellen. Selbstzensur - war das nicht eine Disziplin, die eigentlich chinesische Journalisten beherrschen müssen?

Der Westen, Politiker wie Manager, waren die Steigbügelhalter zu Chinas sagenhaften Aufstieg. Die Chance, eigene Werte und Rechtsstaatlichkeit dabei mit zu vermitteln, wurde vertan. Das zeigt das Beispiel Ai Weiwei deswegen so anschaulich, weil er es als einer der wenigen vermochte, in Bildern zu kommunizieren, die im Osten wie im Westen gleichermaßen verstanden werden.

Vielmehr noch: China ist vermutlich noch nicht auf der Höhe seiner Macht angekommen. Am Ende könnte sich dieses System - Wohlstand, keine Mitsprache - auf internationaler Bühne noch als Vorbild durchsetzen. Der Wandel durch Handel, er wäre endgültig ad absurdum geführt.

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