Studie zur Energieeffizienz "Ich sehe keine Branchenflucht"

Die Energiewende wird zur Belastungsprobe für die deutsche Industrie. Torsten Henzelmann, Partner bei der Strategieberatung Roland Berger, sagt im Gespräch, warum die Industrie dennoch nicht aus Deutschland verschwindet.
Wandel in der Energieversorgung: Deutsche Industrie vor Milliardeninvestitionen

Wandel in der Energieversorgung: Deutsche Industrie vor Milliardeninvestitionen

Foto: Jürgen Lösel/ picture-alliance/ dpa

mm: Herr Henzelmann, in einer Studie fürs manager magazin, deren Ergebnisse exklusiv in der kommenden Juli-Ausgabe veröffentlicht werden, kommen Sie und Ihre Kollegen von der Strategieberatung Roland Berger zu dem Schluss, dass auch die energieintensiven Industrien hier in Deutschland die Energiewende gut verkraften, die die Bundesregierung in der Folge ihres eiligen Ausstiegs aus der Atomindustrie verkündet hat. Woher rührt dieser Optimismus?

Henzelmann: In den vier Industriezweigen, die wir für mm untersucht haben, sehen wir noch deutliche Potenziale für mehr Energieeffizienz. Durch den Einsatz neuer, effizienter Maschinen und Anlagen, durch eine verbesserte Systemsteuerung und andere Formen der Prozessoptimierung, aber auch durch den Einsatz neuer Materialien.

mm: Etliche Unternehmensführer in der Grundstoffchemie, in der Metallverhüttung und so weiter, klagen jedoch, beim Thema Energieeffizienz sei das Ende der Fahnenstange erreicht. Ist das nur Gejammer?

Henzelmann: Richtig ist, dass die deutsche Industrie in den vergangenen Jahrzehnten schon viel in die Energieeffizienz ihrer Produktion investiert hat. Mit Erfolg. Ohne diese Anstrengungen hätte der Industriestandort Deutschland heute zum Beispiel bei weitem keine so gute Klimabilanz. Doch der technische Fortschritt bleibt nicht stehen. Wenn die deutsche Industrie immer die neueste Technologie einsetzt, kann sie auch künftig noch mehr Energie sparen.

mm: Im welchem Umfang, wie viel Sparpotenzial ist noch drin bei der Zement- oder Papierherstellung, bei der Kupfergewinnung oder der Chlorchemie?

Henzelmann: Natürlich flacht die Kurve allmählich ab; wir bewegen uns ja schon auf hohem Niveau. Doch ganz grob überschlagen: In den nächsten zehn Jahren dürfte die deutsche Industrie weitere 10 Prozent Energie einsparen können. Bis 2030 weitere 9 Prozent und bis 2040 noch mal 8 Prozent. Allerdings ist dies eine Gesamtbetrachtung des Energieverbrauchs in der deutschen Industrie. Zwischen den einzelnen Branchen der energieintensiven Industrien gibt es große Unterschiede.

mm: Welche?

Henzelmann: Die deutsche Papierindustrie zum Beispiel kann, wenn sie konsequent in Energieeffizienz investiert, die Stromkosten für ihr heutiges Produktionsvolumen bis 2050 um etwa 15 Prozent senken. Und das, obwohl der Industriestrompreis nach dem Atomausstieg wahrscheinlich um netto fast 40 Prozent steigen wird, gemäß unserer Studie für das manager magazin. Die Zementindustrie wird hingegen nach demselben Berechnungsmodell rund 30 Prozent mehr für ihren Strom bezahlen müssen. Das ist ein erheblicher Unterschied.

mm: In welche Bereiche müssen die energieintensiven Industrien in den kommenden Jahren vor allem investieren?

Henzelmann: In Maschinen und Anlagen der jeweils jüngsten und somit energieeffizientesten Generation. In moderne Prozesssteuerungssysteme, die etwa Lastspitzen vermeiden, und in neue Materialien und Katalysatoren. Das funktioniert nur, wenn die Industrie weiterhin in Forschung und Entwicklung investiert.

mm: Können die Branchen, die von den Strompreissteigerungen besonders betroffen sind, auf den Weltmärkten denn ein Premium erzielen für ihre Produkte, wenn die besonders energieeffizient hergestellt sind?

Henzelmann: Eine Tonne reinstes Kupfer hat einen bestimmten Börsenpreis, ganz gleich, wie energieeffizient und klimaneutral es hergestellt wird. Allerdings greift diese Betrachtung zu kurz. Schon heute wissen wir: Der CO2-Ausstoß richtet Schäden an, die irgendwie bezahlt werden müssen: Klimaschädliche Produktion kostet Geld. Leider sind diese und ähnliche Faktoren in die Industrieprodukte noch nicht eingepreist. Das Problem wird erst dann für die energieintensiven Industrien in Deutschland lösbar sein, wenn die volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgekosten der Klimaschäden in den Produkten berücksichtigt werden. Denn dann kommt der internationale Wettbewerbsvorteil der energieeffizienten Produktion in Deutschland zum Tragen.

Andere Staaten werden Deutschland folgen

mm: Sind denn die deutschen Unternehmen bereit, diese Durststrecke durchzustehen - und in der Zwischenzeit die zweistelligen Milliardenbeträge zu investieren, die Ihre Studie errechnet hat? Oder werden die Produktionsstätten einfach ins Ausland verlagert, wo es noch billigen Atomstrom oder subventionierten Industriestrom gibt - wie zum Beispiel in Frankreich?

Henzelmann: Ich kann nicht für jedes einzelne Unternehmen sprechen. Aber insgesamt scheint die Bereitschaft in der deutschen Industrie, sich den Herausforderungen der Energiewende zu stellen, hoch zu sein. Ich sehe keine Branchenflucht ins Ausland, allerdings finden in einzelnen Branchen intensive Diskussionen statt.

mm: Abgesehen von den nüchternen Berechnungen Ihre Studie: Wie schätzen Sie persönlich die Zukunft der energieintensiven Industrien in Deutschland ein? Wird Deutschland durch die Energiewende der Bundesregierung am Ende doch deindustrialisiert?

Henzelmann: Nein. Ich bin davon überzeugt, dass wir in spätestens 15 Jahren gestärkt aus dem Prozess hervorgehen, den wir jetzt beginnen. Der Umbau der Energieversorgung wird kommen - in Deutschland zuerst, danach aber auch in den anderen Ländern. Und er wird ein Erfolg für die deutsche Industrie.

mm: Warum?

Henzelmann: Weil wir sehr gut aufgestellt sind für diesen Wandel. Von allen großen Industrieländern hat Deutschland schon heute den höchsten Anteil an erneuerbaren Energien und eine exzellente unternehmerische Basis in diesen Sektoren. Das heißt: Wir haben hohe Kompetenz in allen Bereichen, die die Energiewende vorantreiben. Diese Vorteile werden die genannten Branchen für sich nutzen, zumal das Management dort für Umwelt- und Energiethemen sensibilisiert ist. Die meisten Manager zeigen eine positive Einstellung gegenüber dem Wandel hin zum klimaschonenden, energieeffizienten Wirtschaften.