Profiteur der Strauss-Kahn-Krise Sarkozy sonnt sich im Glück

Sein gefährlichster politischer Gegner hinter Gittern, die Opposition angeschlagen: Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy profitiert von der "Affäre Strauss-Kahn", seine Hoffnungen auf eine Wiederwahl wachsen - und auch das private Glück ist ihm hold.
Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und die First Lady Carla Bruni-Sarkozy: Politischer Gegner Strauss-Kahn in Haft

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und die First Lady Carla Bruni-Sarkozy: Politischer Gegner Strauss-Kahn in Haft

Foto: CHRISTIAN HARTMANN/ REUTERS

Zurückhaltung gehörte bisher nicht zu den Stärken von Nicolas Sarkozy. Der hyperaktive Staatschef lässt keine Gelegenheit aus, um sich ins Rampenlicht zu setzen. Gleich, ob es sich um gewichtige internationale Konflikte handelt, um existentielle Fragen zwischen Wirtschaftskrise oder Klimawandel oder nur um triviale Petitessen aus den Tiefen der französischen Provinz, die der Rubrik "Vermischtes" angehören - der Staatschef war immer gut für ein Statement.

Derzeit jedoch legt der Herr des Elysée geradezu präsidiale Zurückhaltung an den Tag. Das politische Beben um die Festnahme und Anklage Dominique Strauss-Kahns erschüttert Frankreichs Öffentlichkeit, füllt die Berichterstattung von Zeitungen und Fernsehen, Internet-Blogs verfolgen die Entwicklung der Affäre im Minutentakt. In vorgezogenen Sonderausgaben berichten die Pariser Wochenmagazine vom "DSK-Gate", Fernsehbilder und Titelfotos zeigen den Chef des Weltwährungsfonds (IWF) unrasiert, mit aschfahlen, eingefallenen Gesichtszügen. Frankreichs Parteienlandschaft ist bis in die Grundfesten erschüttert.

"Der Skandal, der alles ändert", überschreibt "L'Express" seine Geschichte über die Festnahme des "sträflichen Ikarus", "Le Point" widmet der Berichterstattung ein 23-Seiten-Dossier unter der Überschrift "DSK - Der Fall". Die Talk-Runden der Radios und TV-Sender beugen sich mit Verve über jedes Detail der mutmaßlichen "sexuellen Aggression", vom Grundriss der 3000-Dollar-Suite bis zu den Statements des New Yorker Taxifahrers ("Der Mann war aufgeregt") oder einer Passagierin der Air-France-Maschine, die den Politiker vor seiner Festnahme als "gelassen und ruhig" erlebte.

Trotz des Trubels - einstweilen üben Präsident, Premier und Regierungspartei größtmögliche verbale Abstinenz. "Es gilt, das laufende juristische Prozedere zu respektieren", erklärt Regierungssprecher François Baroin mit salomonischer Abgeklärtheit, "ebenso wie die Unschuldsvermutung". Allenfalls hinter vorgehaltener Hand wird klammheimliche Freude über den Sturz des Sozialisten geäußert. "Es existiert eine Art Jubel", gesteht Verteidigungsminister Gérard Longuet, "weil die Typen von der Sozialistischen Partei uns seit Jahren Lektionen in Moral und Tugendhaftigkeit erteilen".

Für Sarkozy ein wahrer Glücksfall

Tatsächlich profitiert Sarkozy direkt von dem GAU der Sozialisten. Die unglaubliche Entwicklung während der "36 Stunden, in denen alles kippte" ("Le Monde") - für den Präsidenten ist der Skandal, der über Monate andauern wird, ein wahrer Glücksfall. Strauss-Kahn, in allen Meinungsumfragen als gefährlichster Gegner Sarkozys für die Präsidentenwahl 2012 gewertet, hinter Gittern; die stärkste Oppositionspartei zumindest auf Monate geschädigt - da fällt dem Staatschef, selbst seit Monaten im Dauertief der öffentlichen Meinung, die ungewöhnliche Diskretion nicht gerade schwer.

Selbst der wachsende Unmut innerhalb der regierenden UMP über den autoritären Regierungsstil des Präsidenten dürfte verpuffen, genauso wie harsche Kritik am populistischen Kurs Sarkozys, der bislang damit nur Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National in die Hände spielte: Zwar fürchten konservative Parteigranden, die Story über Macht, Sex, und Kriminalität könnte den Ruf der gesamten politischen Führungskaste beschädigen, aber mit dem Karriereende des Kandidaten Strauss-Kahn steigen Sarkozys Hoffnungen auf eine Wiederwahl.

Vorerst ist bei der Opposition Wagenburg-Denken angesagt. An diesem Dienstag trafen sich die sozialistischen Führungskader am Pariser Parteisitz in der Rue Solferio zu einem rasch einberufenen Krisengipfel, um die Marschrichtung für die "Zeit nach DSK" zu diskutieren - Motto: Ruhe, vor allem auf Kurs bleiben. "Wir ändern nicht unseren Kalender", bekräftigte PS-Chefin Martine Aubry. "Ich habe die Pflicht, dass einer von uns 2012 gewinnt."

Grabenkampf unter den Sozialisten

Zur eigenen Kandidatur wollte sich die PS-Frau freilich nicht äußern, denn ohne Strauss-Kahn, mit dem sie einen Stillhalte-Pakt verabredet hatte, darf Aubry Anspruch auf die Pole-Position ihrer Partei für den Wahlkampf erheben. Daneben reklamieren freilich noch ein halbes Dutzend anderer Promis Anspruch darauf, für die PS ins Rennen um den Elysée-Palast zu gehen: Dazu gehört der frühere PS-Führer François Hollande, seine Ex-Partnerin Ségolène Royal, die bei den Wahlen 2007 gegen Sarkozy unterlag, sowie die ambitionierte Nachrückergarde der 40- bis 50-Jährigen.

Damit könnte die bevorstehende Kandidatenkür unter den Sozialisten trotz der unverzagten Appelle Aubrys zu "Einheit und Verantwortung" binnen der nächsten Wochen zum bitteren Grabenkampf eskalieren. Während der politische Gegner ins Trudeln gerät, so ein UMP-Insider, "tut Sarkozy gut daran, sich an die sprichwörtliche Weisheit zu halten: 'Reden ist Silber, Schweigen ist Gold'".

Das betrifft auch das präsidiale Privatleben. Denn offenbar darf Sarkozy auch persönlich auf den langersehnten Nachwuchs hoffen: Gattin Carla, so berichten die Gazetten, sei endlich schwanger. Das Glamour-Magazin "Gala" will sogar den Geburtstermin schon ermittelt haben - im Oktober dieses Jahres. Sarkozy, in dritter Ehe erneut gesegnet mit Vaterfreuden - kein PR-Berater könnte für die Kampagne um die Wiederwahl ein attraktiveres Szenario entwerfen.

Der Präsident hält sich bei so viel privatem wie politischem Glück taktvoll bedeckt. Selbst seinen Parteifreunden verordnete er Funkstille und distinguiertes Verhalten. Die Kursvorgabe des Staatschefs: "Arbeit, Kaltblütigkeit, Einheit, Würde."

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