Mittwoch, 20. November 2019

Japan-Tagebuch Wie in einem Kriegsgebiet

Nach der Naturkatastrophe: Zerstörung und Hoffnung in Japan
AFP

Japans Wiederaufbau wird vor allem von unbeugsamen Unternehmen getragen. Für manager magazin reiste Autorin Ursula Schwarzer durch das Land - Augenzeugenberichte aus Japans Nordostregion, die nach Beben, Flut und GAU wirkt, als habe dort ein Krieg gewütet.

Japan - Die Lastwagenkolonnen der japanischen Armee bilden die Vorhut des Grauens. Sie begegnen uns auf der Staatsstraße 340 - voll beladen mit den Trümmern, die das Erbeben und der Tsunami vom 11. März von Rikuzentakata hinterlassen haben. Das ganze Ausmaß der Zerstörung wird wenig später von einer Anhöhe aus sichtbar.

Mit unvorstellbarer Kraft hatte sich die Flutwelle durch das Bett des Flusses Kesengawa neun Kilometer tief ins Landesinnere ergossen. Die Wassermassen schleuderten entwurzelte Baumstämme, abgetrennte Hausdächer und zerquetschte Autos an die Uferböschung, wo sie heute noch liegen.

Von den Hügeln am Ortseingang bis zum Ozean erstreckt sich eine Mondlandschaft von etwa 200 Quadratkilometern. Wo einst das Zentrum von Rikuzentakata war, häuft sich nur noch Schutt und Geröll. 80 Prozent der Stadt mit ihren ehemals 23.000 Einwohnern wurden weggespült, sind einfach nicht mehr da. Stehen geblieben sind lediglich die Gebäude am Hang und ein paar Betonklötze, wie das massige Hotel "Capital". Der Rest ist Brache, durchzogen von notdürftig reparierten Straßen.

Eine Woche lang sind wir Ende April durch den von Erdbeben und Tsunami verwüsteten Nordosten Japans gefahren. Wir haben mit Unternehmern gesprochen, die versuchen, ihre Fabriken wieder zu reparieren oder ganz neu zu errichten. Sie haben uns von den Schwierigkeiten und den ersten Fortschritten beim Wiederaufbau erzählt, aber auch von ihren Hoffnungen und Sorgen.

Besonders zu schaffen macht den Menschen die Angst vor einem neuen, schweren Erdbeben und einer darauf folgenden Flutwelle. Während unserer Rundreise erleben wir selbst mehrere Beben, fast täglich wackelt die Erde, mal mehr, mal weniger heftig.

Auch als wir mit der Jeansfabrikantin Hideko Oikawa in der Küstenstadt Kesennuma zusammen sitzen - ihr Büro blieb vom Tsunami unversehrt, weil es auf einer Anhöhe liegt - fangen die Tassen auf dem Tisch an zu tanzen. Urplötzlich erstirbt das Gespräch, wir graben nervös die Fingernägel in die Handflächen und flehen innerlich, der Spuk möge bald aufhören. Als dann wieder Ruhe einkehrt, sagt Frau Oikawa das, was die Japaner in so einer Situation meistens sagen: "Daishobu", was so viel heißt wie: "Ist schon in Ordnung, nichts passiert".

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