Donnerstag, 5. Dezember 2019

Japan-Tagebuch Wie in einem Kriegsgebiet

Nach der Naturkatastrophe: Zerstörung und Hoffnung in Japan
AFP

2. Teil: Von Fukushima über Sendai nach Tokio

In der Stadt Fukshima erleben wir sogar ein Erdbeben der Stärke 5, was schon ziemlich viel ist. Das Haus schwankt für eine Weile hin und her, wir wischen uns den Schweiß von der Stirn, als es endlich vorbei ist. Minuten später werden die Fernsehprogramme unterbrochen und ein Sprecher zeigt auf einer Karte, welche Region wie stark betroffen ist. Und er sagt den erlösenden Satz: "Keine Tsunamiwarnung." Schäden sind nicht entstanden: Die meisten Gebäude in Japan sind so stabil gebaut, dass ihnen selbst ein Beben der Stärke 5 - das anderswo Häuser einstürzen lässt - nichts anhaben kann.

Die Stadt Fukushima - ins Deutsche übersetzt heißt sie "Glücksinsel" - ist nur 60 Kilometer vom havarierten Atomkraftwerk entfernt, und deshalb liegt auch hier die Strahlenbelastung über den normalen Werten. Doch die Menschen lassen sich keine Angst anmerken. So als sei nichts geschehen gehen sie zur Arbeit und besorgen ihre Einkäufe. Was sollen sie auch anderes tun? Der Ort hat knapp 300.000 Einwohner. Selbst wenn sie flüchten wollten: Wo sollten sie hin?

Von Fukushima aus fahren wir nach Sendai, eine Industriestadt, die direkt am Meer liegt. Der Hafen ist weitgehend zerstört, viele Einwohner haben Verwandte und Freunde verloren. Sendai war vor der Katastrophe eine quirlige Metropole, jetzt sind viele Hotels und Kneipen geschlossen.

Wir finden nur mit Mühe eine Unterkunft und sind dann erstaunt, als wir vor der Rezeption des Westin-Hotels stehen. Gespenstisch finster ist es in dem riesigen Gebäude, und es sind kaum Menschen zu sehen. Wir fragen nach dem Grund. Sie hätten die Beleuchtung auf ein Minimum reduziert, weil sie Strom sparen müssten, sagt die freundliche Angestellte. "Und Gäste haben wir deswegen so wenig, weil bei dem Beben im März die Möbel in den Zimmern verrutscht und Gegenstände heruntergeflogen sind. Das Chaos haben wir noch nicht beseitigen können, denn viele unserer Mitarbeiter sind gar nicht an Bord - sie müssen ihre beschädigten Häuser herrichten oder Verwandten beim Wiederaufbau helfen."

Nach sieben Tagen Rundreise machen wir uns auf den Weg zurück zu unserem Ausgangspunkt Tokio. Die Hauptstraßen, die dorthin führen, wurden wenigstens notdürftig repariert, manche sind so uneben wie Wellpappe. Hingegen enden die Nebenstrecken direkt an der Küste oftmals im Nichts, weil Brücken eingestürzt sind oder der Asphalt abgesackt ist. Mehrfach müssen wir umkehren, lange Umwege fahren und endlose Staus durchstehen.

Tokio selbst wurde zwar von dem großen Beben heftig durchgeschüttelt, aber die Gebäude sind alle intakt geblieben. Wir spüren eine gewisse Erleichterung darüber, dass wir wieder in der Normalität angekommen sind. Vor der Reise hatten wir uns natürlich über die Folgen der Katastrophe informiert. Dass die Realität aber viel schlimmer sein würde als die Bilder in den Zeitungen und im Fernsehen, darauf waren wir nicht vorbereitet.

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