Rezession Griechenland rutscht tiefer ins Schuldenchaos

Die griechische Regierung hat ihre Ziele beim Defizitabbau deutlicher verfehlt als erwartet. Die Quote lag 2010 bei 10,5 Prozent. Das heizt die Debatte um eine Umschuldung an. EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark warnt bereits vor einer neuen Bankenkrise, die die Lehman-Pleite in den Schatten stellen könnte.
Keine guten Aussichten: Griechenland wird mit seinen Schulden nicht fertig

Keine guten Aussichten: Griechenland wird mit seinen Schulden nicht fertig

Foto: LOUISA GOULIAMAKI/ AFP

Brüssel - Griechenland steckt tiefer in den roten Zahlen als angenommen. Das Haushaltsdefizit lag 2010 bei 10,5 Prozent der Wirtschaftsleistung, wie die europäische Statistikbehörde Eurostat am Dienstag mitteilte. Damit verfehlte das südosteuropäische Land sein Sparziel von 8 Prozent.

Zuletzt hatten die EU und der Internationale Währungsfonds (IWF) mit einem Fehlbetrag von 9,6 Prozent gerechnet. 2009 lag das griechische Defizit allerdings noch bei 15,4 Prozent. Die Regierung in Athen kündigte an, an dem Sparplan festzuhalten, der mit EU und IWF vereinbart wurde. Die nötigen Maßnahmen würden ergriffen, teilte das Finanzministerium mit. Grund für die Revision der Defizitzahlen sei, dass das Land tiefer in der Rezession stecke als erwartet.

Auch in den meisten anderen Euro-Staaten bauten die Regierungen ihr Haushaltsdefizit ab. Für den gesamten Währungsraum schrumpfte der Fehlbetrag auf 6 Prozent der Wirtschaftsleistung, nach 6,3 Prozent 2009. Die Gesamtverschuldung stieg dennoch weiter auf 85,1 Prozent von 79,3 Prozent 2009.

Der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, Jürgen Stark, hat rund ein Jahr nach dem Ausbruch der Euro-Schuldenkrise vor einer neuen Bankenkrise gewarnt. Wenn es in strauchelnden Euroländern zu Umschuldungen komme, sei das für die Geldhäuser riskant, sagte Stark am Dienstag dem ZDF.

Allianz-Chefvolkswirt befürwortet freiwillige Umschuldung

"Im schlimmsten Fall könnte die Umschuldung eines Mitgliedslandes die Auswirkungen der Lehman-Pleite in den Schatten stellen", fügte Stark hinzu. Eine schwere, lokal begrenzte Haushaltskrise könne negative Auswirkungen auf das ganze europäische Bankensystem haben.

Eine Umschuldung berge weitere unvorhersehbare Gefahren. "Eine Schuldenreduzierung erscheint vielleicht als der einfache Weg, aber die zugrunde liegenden Haushalts- und Strukturprobleme würden nicht gelöst", sagte Stark. In der Folge wären die betroffenen Länder "auf unabsehbare Zeit von den Finanzmärkten abgeschnitten und auf fremde Finanzhilfe angewiesen", betonte der EZB-Chefvolkswirt.

Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise hat sich dagegen für eine freiwillige Umschuldung Griechenlands ausgesprochen. Die Reformen in dem hochverschuldeten Land seien zwar beachtlich, sagte er dem ZDF. Doch: "Die Kapitalmärkte sind vom Erfolg der Reformen noch nicht überzeugt." Leider dauere es bei strukturellen Veränderungen länger, bis sie wirkten.

Luft könne sich Griechenland mit einer freiwilligen Umschuldung verschaffen: "Eine zwangsweise Umschuldung wäre fatal und würde zu einer breiten Verunsicherung an den Kapitalmärkten führen."

Ökonomisch halte er dies für einen sinnvollen Weg, erklärte der Volkswirt. "Negative Folgen an den Finanzmärkten kann ich nicht erkennen." Über eine mögliche Umschuldung Griechenlands wird seit Wochen immer wieder spekuliert.

Laut Eurostat-Statistik lag die Verschuldungsquote Ende 2010 in insgesamt 14 Ländern bei über 60 Prozent des BIP - unter anderem auch in Deutschland, das mit 83,2 Prozent Platz sechs belegte. Die Spitzenposition hatte hier mit 142,8 Prozent Griechenland inne, gefolgt von Italien (119 Prozent), Belgien (96,8 Prozent), Irland (96,2 Prozent) Portugal (93 Prozent) und Deutschland (83,2 Prozent). Auch Frankreich, Ungarn, Großbritannien, Österreich, Malta, die Niederlande, Zypern und Spanien rissen die 60-Prozent Marke.

Beim öffentlichen Defizit hatten die Iren die Nase vorn, die für die Rettung ihrer Banken tief in die Staatskasse hatten greifen müssen. Hier kletterte die Staatsverschuldung auf 32,4 Prozent des BIP, gefolgt von Griechenland sowie von Großbritannien mit 10,4 Prozent. Danach folgen die EU-Sorgenkinder Spanien und Portugal mit einer Defizitquote von 9,2 beziehungsweise 9,1 Prozent. Ein Plus stand in Europa nur in Estland zu Buche. In Schweden fiel die Bilanz ausgeglichen aus.

nis/rtr/ap
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