Bundesnetzagentur-Chef Matthias Kurth "Netzentgelte könnten bis zu 22 Prozent steigen"

Der Umstieg von Atomstrom auf erneuerbare Energien erfordert Investitionen in das Stromnetz. Bundesnetzagentur-Chef Matthias Kurth spricht mit dem manager magazin über Kosten der Energiewende, steigende Netzentgelte und über Netzinvestitionen als Geldanlage für Private-Equity-Investoren.
Hochspannungsleitung bei Streumen nahe Riesa: Bundesnetzagentur-Chef Matthias Kurth will Freileitungen künftig mit Hilfe privater Investoren finanzieren - und warnt vor Hysterie vor den Kosten der Energiewende.

Hochspannungsleitung bei Streumen nahe Riesa: Bundesnetzagentur-Chef Matthias Kurth will Freileitungen künftig mit Hilfe privater Investoren finanzieren - und warnt vor Hysterie vor den Kosten der Energiewende.

Foto: dpa

mm: Herr Kurth, vor sieben Monaten hat die Bundesregierung die Laufzeiten älterer Atomkraftwerke um acht Jahre verlängert. Nun sind die alten Atommeiler mindestens drei Monate lang stillgelegt. Erstaunt Sie diese plötzliche politische Kehrtwende?

Kurth: Wir beschäftigen uns vor allem mit Technik und Netzfragen. Die Hintergründe für die Energiewende sind ja hinreichend klar. Politische Vorgaben des Bundestags in Richtung Atomausstieg und erneuerbare Energien sind Rahmenbedingungen, die man zu akzeptieren hat.

mm: Billig werden diese neuen Vorgaben nicht. Damit der Ökostrom auch bei den Verbrauchern ankommt, müssen die Stromnetze erneuert werden. Laut einer Studie benötigt Deutschland zwischen 3600 und 4500 Kilometer neuer Hochspannungsleitungen. Lässt sich abschätzen, was das kosten wird?

Kurth: Es gibt Schätzungen, dass in das Leitungsnetz 26 Milliarden Euro investiert werden müssen. Das gilt aber weitestgehend unter Nutzung konventioneller Technik. Abhängig von der Verkabelungstechnik sind die Erdkabel, die sich viele Bürger wünschen, 2,4 bis 9 Mal teurer als Freileitungen. Wenn wir aber mehr solcher Kabel verlegen, kommt ein Kostentreiber dazu. Da können auch 60 Milliarden oder 80 Milliarden Euro Investitionsvolumen daraus werden. Dazu kommt auch noch die Anbindung von Offshore-Windparks, die ebenfalls Milliarden kostet. Das sind aber nur Kosten, die im Übertragungsnetz entstehen.

mm: Es kommen also noch weitere Investitionen hinzu?

Kurth: Die Verteilnetze, auf die 90 Prozent der Netzkosten entfallen, müssen ebenfalls ausgebaut werden. Das Verteilnetz war in der Vergangenheit dafür ausgelegt, zentral erzeugten Strom dezentral zu verteilen. Um unter anderem die Stromspitzen etwa von Solarstrom-Anlagen zur Mittagszeit abzufangen, müssten in die Verteilnetze laut Studien 24 bis 30 Milliarden Euro investiert werden.

mm: Das heißt, die Kosten lassen sich nur sehr grob abschätzen?

Kurth: Ich kann hier keine Punktlandung liefern. Wegen der Vielzahl der Faktoren halte ich es auch für wenig seriös, Schätzungen über die Steigerung des Strompreises für Endkunden abzugeben. Doch abhängig von den einzelnen Vorgaben werden auch die Netzentgelte steigen. Wenn wir beispielsweise ein Investitionsvolumen von 30 Milliarden bis 47 Milliarden Euro bis zum Jahr 2020 haben, könnten die Netzentgelte zwischen 14 und 22 Prozent steigen. Das wäre dann eine Steigerung von maximal einem Cent pro Kilowattstunde.

mm: Die Strompreise dürften also doch steigen?

Kurth: Wenn, dann aufgrund des Netzausbaus allenfalls nur sehr moderat. Denn die Netzagentur hat die Netzentgelte in den letzten Jahren deutlich gesenkt. Im Jahr 2006 haben die Menschen 7,3 Cent pro Kilowattstunde für die Netznutzung bezahlt, im vergangenen Jahr waren es 5,8 Cent pro Kilowattstunde. Selbst wenn jetzt also ein Cent dazukäme, wären wir noch auf dem Niveau von 2006. Und da die Netzentgelte zurzeit nur etwa ein Fünftel des Strompreises ausmachen, würde der Strompreis für die Endkunden dadurch gerade mal um rund 3 bis 4 Prozent steigen.

Stromnetz-Ausbau als ideale Geldanlage für Private-Equity-Investoren

mm: Wann wird sich das für Stromkunden bemerkbar machen?

Kurth: Der Strompreis steigt erst, wenn die Netzbetreiber die Baugenehmigungen für den Neubau der Leitungen erhalten und die Investitionen tatsächlich realisiert werden. Wenn jetzt erst einmal die Planungszeiten verkürzt werden, entstehen ja noch keine Kosten. Zudem werden die Beträge, über die wir reden, ja nicht in einem Jahr vom Stromkunden bezahlt. Eine Hochspannungsleitung hält 40 Jahre lang. Diese Investitionen werden über Jahrzehnte refinanziert, da fällt dann nur die jeweilige Jahresrate an. Große Beträge können auch deshalb nur zu moderaten Steigerungen führen, selbst wenn wir auf Investitionen von rund 60 Milliarden Euro kämen.

mm: In den vergangenen Jahren haben die großen Energieerzeuger ihre Netzbetriebs-Töchter in eigene Gesellschaften ausgelagert oder wie Eon gleich komplett verkauft. Sind die Netzbetreiber überhaupt finanzkräftig genug, um diese Investitionen zu verkraften?

Kurth: Der niederländische Netzbetreiber Tennet, dem nun die Eon-Netze gehören, hat erst kürzlich eine Anleihe erfolgreich und zu einem niedrigen Zinssatz platziert. Zudem steht hinter Tennet der holländische Staat, der ein sehr gutes Rating hat.

mm: Müssen ausschließlich die Stromkunden diese Investitionen tragen, oder gibt es noch andere Ideen für die Finanzierung?

Kurth: Ich bin mit dem Unternehmen Tennet gerade in Diskussion, ob es den Ausbau des Stromnetzes nicht teilweise mit privaten Kapitalgebern finanzieren will. Es gibt viele institutionelle Anleger, die sichere Geldanlagen suchen. Unsere Netzausbauten bringen 9 bis 10 Prozent Rendite. Das sind gesicherte, regulierte Entgelte, und das für langjährige Zeiträume.

mm: Welche Rolle spielt die Netzagentur dabei?

Kurth: Ich unterstütze die Netzbetreiber dabei, Kapitalgeber für Netzinvestitionen in Deutschland zu gewinnen. Infrastrukturinvestitionen mit garantierten Renditen sind ideale Geldanlagen für Private-Equity-Geber. Bei mir werden ständig Leute aus diesem Bereich vorstellig. Ich selbst bin gerne bereit, bei Road Shows für Infrastrukturinvestitionen das regulatorische Umfeld zu erklären. Da braucht man nur die richtigen Investoren mit den richtigen Projekten zusammenzubringen.

Windräder und Solaranlagen tragen kaum zur Versorgungssicherheit bei

mm: Sind die politischen Forderungen für eine möglichst schnelle Abschaltung der Atomkraftwerke und den beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien überhaupt umsetzbar?

Kurth: Darüber muss diskutiert werden. In einem von uns veröffentlichten Bericht machen wir deutlich, dass man für die anstehenden politischen Entscheidungen auch bestimmte Vorgaben hat. Das Wetter, die Physik und der europäische Strommarkt sind von Deutschland aus schwer zu beeinflussen. Die Sicherheit des Netzes muss absoluten Vorrang vor allen anderen Zielen haben. Denn ein Netz, dass möglicherweise an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gerät - daran kann niemandem gelegen sein.

mm: Woran messen Experten, ob die Stromversorgung in Deutschland gesichert ist?

Kurth: In der politischen Diskussion ist erkennbar, dass in Deutschland die Versorgungssicherheit dauerhaft mit eigener Erzeugung gewährleistet sein soll. Entscheidend für die sichere Versorgung sind extreme Lastsituationen im Netz. Der Verband der europäischen Netzbetreiber hat sich auf zwei typische Tage geeinigt, die solche Stresssituationen abbilden: Das ist der 3. Mittwoch im Januar um 19 Uhr und der 3. Mittwoch im Juli um 11 Uhr. Dabei messen die Experten, wie zu diesem Zeitpunkt die maximale, gesicherte Erzeugungskapazität aussieht und vergleichen diese mit der maximalen Stromnachfrage an diesen beiden Tagen.

mm: Wie ändern sich diese Werte nun durch das Atom-Moratorium?

Kurth: Für den Stichtag im Juli hatten wir vor dem Moratorium einen Überschuss von 9,0 Gigawatt prognostiziert. Nach der Abschaltung der acht Atomkraftwerke schrumpft dieser Überschuss auf nur mehr 0,4 Gigawatt. Dieser Puffer ist also nicht mehr so auskömmlich, wie er früher war. Für unsere Berechnungen haben wir den europäischen Stichtag von Januar auf Dezember vorverlegt. Am 3. Mittwoch im Dezember 2011 verbleibt ein Überschuss von 1,4 Gigawatt, vor dem Moratorium hatten wir 5,5 Gigawatt. Damit ist das Niveau reduziert, doch sowohl im Sommer als auch im Winter 2011 ist noch eine leicht ausreichende Versorgungssicherheit gewährleistet.

mm: Wenn nun die Atomkraftwerke dauerhaft abgeschaltet bleiben: Wie kann man den Puffer für die Versorgungssicherheit an kritischen Tagen wieder vergrößern?

Kurth: Allein durch den Ausbau der erneuerbaren Energien wird das nicht funktionieren. Da wir im Speicherbau kurzfristig noch keine großen Durchbrüche erzielt haben, trägt bei der Windenergie etwa nur 6 Prozent der erzeugten Kapazität zur gesicherten Leistung bei. Bei der Solarenergie sind es 10 Prozent. Denn wenn an Tagen mit maximaler Netzauslastung gerade einmal kein Wind bläst oder die Sonne nicht scheint, dürfen wir uns erneuerbare Kapazitäten nicht schönrechnen. Der überwiegende Teil der alternativen Energien steht nicht immer zur Verfügung und kommt für die Betrachtung der Versorgungssicherheit gar nicht in Frage. Da hilft auch eine Verdopplung oder Verdreifachung der Windräder nichts.

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