Preisschock Amerika lehnt sich gegen US-Notenbank auf

Amerikas Inflationsschub zehrt an dem Ersparten der US-Bürger, im Staat Georgia wird vor Tankstellen gegen den Benzinpreisanstieg gebetet: Nicht nur in den USA ist der Volkszorn über die lasche Inflationsbekämpfung der US-Notenbank ausgebrochen. Erste asiatische Unternehmen ziehen Konsequenzen.
Von Markus Gärtner
US-Notenbankchef Ben Bernanke: Spagat zwischen Konjunkturstimulierung und Inflation

US-Notenbankchef Ben Bernanke: Spagat zwischen Konjunkturstimulierung und Inflation

Foto: Michael Reynolds/ dpa

Vancouver - Der US-Dollar hat Schwindsucht, das Wirtschaftswachstum enttäuscht, in Amerika kehren die Jobs extrem langsam zurück. In den USA herrscht außerhalb des Börsenzirkels um die Wall Street in New York entsprechend miese Stimmung. Und die wird neuerdings zusätzlich von galoppierenden Preisen getrübt: Die Kosten für die Lebenshaltung sind laut Amerikas Arbeitsministerium im März um 2,7 Prozent gestiegen. Das ist keine Hyperinflation, aber es war der kräftigste Anstieg seit 15 Monaten. So sinken die realen Einkommen der Amerikaner, weil die Preise schneller anziehen als ihre Löhne.

Am deutlichsten wird das beim Stopp an der Tankstelle: Benzin ist binnen Jahresfrist 33 Prozent teurer geworden. Allein im März nahm der Umsatz an den Zapfsäulen der USA wegen höherer Benzinpreise um 2,6 Prozent zu. Das war sechs Mal so schnell wie der Umsatz des Einzelhandels insgesamt. Ohne den Benzinpreiseffekt hätten US-Einzelhändler nicht 0,4 Prozent mehr umgesetzt als im Vormonat, sondern lediglich 0,1 Prozent. Das aber bedeutet Stagnation, keine Erholung.

In einem Land, in dem 11 Prozent des gesamten Konsums an Tankstellen stattfindet, der private Verbrauch aber 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, hat das Folgen: Die Amerikaner müssen drei Jahre nach der Finanzkrise wieder ihre Sparbücher bemühen, um den Lebensstandard zu verteidigen, hat die Fed-Zweigstelle in St. Louis veröffentlicht. Doch je länger die Tortur anhält, desto intensiver wird ein Sündenbock gesucht.

Ausgerechnet die Europäische Zentralbank (EZB) hat jetzt dabei nachgeholfen, dass Amerika fündig wird. Mit der ersten Zinsanhebung seit Mitte 2008 hat die EZB in der vorigen Woche alle Scheinwerfer auf die US-Notenbank gerichtet. Die Fed ist jetzt neben der Bank of England die einzige wichtige Zentralbank, die sich weigert, etwas gegen die aufschäumende Inflation zu tun. Amerikas Notenbankchef Ben Bernanke sieht die Teuerungswelle vorüberziehen. Er hält sie für ein zeitlich befristetes Phänomen. Das aber isoliert die Geldhüter in Washington von den Geldwächtern anderswo, auch in den Augen einer wachsenden Zahl von Amerikanern.

"Barron's": "Probleme maßgeblich von der US-Notenbank kreiert"

Die Folge: US-Blätter beginnen sich auf Bernanke einzuschießen. "Über der US-Zentralbank braut sich etwas zusammen", konstatiert die "Los Angeles Times", und erklärt Ben Bernanke zum "Außenseiter unter den Notenbankern". Die Zeitung sieht den schwächelnden Dollar und die eskalierenden Rohstoffpreise an Bernankes Image kratzen. Selbst das Finanzmagazin "Barron's" beobachtet einen Spaltpilz zwischen der Fed, wie die US-Notenbank kurz genannt wird, und den Notenbanken anderswo auf dem Planeten. "Die meisten anderen Notenbanken bekämpfen die Inflation und stärken ihre Währungen", meckert das Blatt halb fachmännisch, halb bitter. Sein Vorwurf: "Die Probleme sind maßgeblich von der US-Notenbank kreiert worden".

Das Vertrauen in die Geldhüter in Washington erodiert auch im Hinterland der USA. Nicht weniger als 13 Bundesstaaten planen, Gold- und Silbermünzen als gesetzliches Zahlungsmittel einzuführen. Denn sie trauen der eigenen Währung nur noch bedingt über den Weg. Das Regionalparlament im Mormonen-Staat Utah hat das Alternativgeld bereits beschlossen.

Wie sehr sinkende Reallöhne den amerikanischen Konsumenten zu schaffen machen, illustrieren die immer bissigeren Karikaturen in US-Zeitungen. Eine zeigt Autofahrer, die das Parfüm Chanel No. 5 tanken, mit dem Hinweis, das sei jetzt billiger als Normalbenzin. Die führende Internetzeitung Huffington Post berichtet derweil über die christliche Gemeinde "Beacon of Light" in Dublin, im Bundesstaat Georgia, die Gebete an Tankstellen abhält, um mit Hilfe höherer Mächte dem Preisauftrieb Einhalt zu gebieten. Allein die kollektiven Mehrkosten für Amerikas Autofahrer belaufen sich dank des Benzinpreisanstiegs in den vergangenen zwölf Monaten auf 121 Milliarden Dollar. Das entspricht der Wirtschaftsleistung der Slowakischen Republik, gemessen an ihrem Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Wir sind daran nicht schuld, beteuert die Fed beharrlich. Sie sieht keinen Zusammenhang zwischen dem Aufschwemmen der Geldmenge und höheren Preisen für Nahrung und Energie. Ben Bernanke bezeichnete bei seiner jüngsten Anhörung im Kongress den Preisauftrieb als "vorübergehend". Seine Stellvertreterin Janet Yellen bezweifelt, dass höhere Nahrungs- und Energiepreise "die wirtschaftliche Erholung gefährden können". Yellen sieht hinter der anziehenden Teuerung "eine Kombination wachsender globaler Nachfrage sowie Störungen auf der Angebotsseite".

Wut auf die Zentralbank

Das Problem ist aber: Immer weniger Leute glauben das der Notenbank. Dazu tragen auch Meldungen wie in der vergangenen Woche bei, wonach die Inflation jetzt schon bei 10 Prozent wäre, würde die US-Administration sie wie in den 70er Jahren messen. Viele Ökonomen taten die Meldung als "bizarr" ab. Doch das "Billion Prices Project" am renommierten Massachusetts Institute of Technology, wo täglich fünf Millionen Preise aus aller Welt gesammelt werden, weist für die USA derzeit eine jährliche Inflation von 8,3 Prozent aus.

Die Fed weigert sich derweil wegen der hohen Ausschläge, die Preise für Nahrung und Energie im Warenkorb zu berücksichtigen. Und das trägt dazu bei, den Volkszorn auf die Fed zu schüren. "Ich habe noch nie so viel Wut gegenüber der Fed gesehen", erklärt der Carnegie-Mellon-Ökonom Allan Meltzer, ein anerkannter Fed-Experte. Für viele Amerikaner ist die Notenbank ein Symbol für Bailouts mit Steuergeld geworden, für Gier an der Wall Street und für Eliten, die von der Realität abgehoben sind.

Kritiker im Kongress - vor allem Republikaner im Repräsentantenhaus - werfen der Zentralbank vor, sie sei ihrem Mandat untreu geworden: Die Inflation zu zügeln und die Beschäftigung zu fördern. Bernanke selbst gibt offen zu, bei 8,8 Prozent Arbeitslosigkeit seien die Hausaufgaben noch längst nicht erledigt. Die Fed soll zudem mit Mitteln der Geldpolitik wirken: Mit Zinsen und mit der Steuerung der Geldmenge. Doch in den Augen ihrer schärfsten Widersacher hat sich die Fed stattdessen zum fiskalischen Erfüllungsgehilfen einer Schuldenpolitik gemacht, die den Dollar schwächt und das Vertrauen der Welt in die USA untergräbt.

Zahlen aus dem Finanzministerium bekräftigen diesen Vorwurf: So hat die Ausgabe von Staatsanleihen im vergangenen Jahr 66 Prozent der Budgetausgaben finanziert. Die Fed finanziert mit ihrem "QE2" genannten Kaufprogramm für Anleihen seit November satte 70 Prozent des Budgetdefizits. Im Rest der Welt sorgt das für Unsicherheit. Die chinesische Führung äußert offen Zweifel an der Substanz des Greenbacks. Zahlreiche Opec-Länder rechnen ihre Ölexporte nicht mehr in Dollars ab. Und der US-Finanzprofessor Michael Pettis - derzeit mit Lehrauftrag an der Peking-Universität - rät der Administration in Washington, sie solle sich künftig mit einem Weltwährungssystem begnügen, in dem der Dollar nur noch Erster unter Gleichen sei.

Anleger beginnen den Dollar zu meiden

An den globalen Kapitalmärkten schürt das Verunsicherung: Im Februar kauften ausländische Anleger laut Finanzministerium deutlich weniger amerikanische Aktien, Bonds und andere Papiere. Die Käufe gingen auf 26,9 Milliarden Dollar zurück, halb so viel wie im Vormonat.

Die Fed versucht, sich gegen die aufwogende Kritik zu wehren. Vor allem gegen den Vorwurf, die von ihr verursachte Geldmengen-Expansion treibe dank niedriger Zinsen in Amerika eine Flut von Kapital in den Rest der Welt, schüre dort die Preise für Rohstoffe, Energie und Immobilien, und erlaube - weil sie auch den Dollar schwächt - dass die Importpreise galoppieren. Die Fed kontert: In der Vergangenheit "hatten Veränderungen von Rohstoffpreisen kleine, wenn überhaupt irgendwelche Auswirkungen auf die Kerninflation, Nahrung und Energie". So beschwichtigt ein Research-Papier, das vor wenigen Tagen die Fed-Zweigstelle in Chicago herausgab. Co-Autor des Papiers war der Präsident der Chicago-Fed, Charles Evans.

Dass andere Notenbanken diesen Befund nicht unbedingt teilen, gab im März die Bank of Japan zu Protokoll. In dem Papier mit dem Titel "Der jüngste Anstieg der globalen Rohstoffpreise", wird die lockere Geldpolitik der Industrieländer als ein wichtiger Preistreiber identifiziert. Die grundsätzliche Frage, ob Angebot und Nachfrage die Preise treiben, oder eher die Spekulation von Indexinvestoren, beantwortet das Papier so: "Egal welcher Faktor stärker ist, lockere Geldpolitik spielt eine entscheidende Rolle beim Anstieg der Preise". Deutlicher kann man es kaum sagen.

Auch in den USA stimmen Kritiker zu: Der Finanzexperte Peter Schiff, Präsident von Euro Pacific Capital - und bekanntermaßen kein Freund der Fed - wirft der Notenbank vor, sie missbrauche "ihr Privileg, eine Reservewährung herauszugeben" und "vergifte das Weltfinanzsystem,". Der Präsident des Ludwig von Mises-Instituts, Doug French, beschuldigt die Fed, die Motivation zum Sparen zu zerstören, weil niedrige Zinsen und steigende Inflation das Sparen bestrafen. Der Novellist und Finanzblogger Charles Hugh Smith bezeichnet die Politik der Fed, den Dollar für die Exportwirtschaft abzuwerten und über steigende Börsenkurse die Amerikaner zum Shopping zu animieren, als "das gefährlichste Spiel auf dem Planeten".

Kritiker fordern die Zinswende

Der wachsende Druck lässt die Fed nicht kalt. Ben Bernanke kündigte vor wenigen Tagen an, künftig vier Mal im Jahr vor die Presse zu treten und seine Geldpolitik zu erläutern. Das erste Mal will er das am 27. April tun. Die US-Medien feiern dies als neue Offenheit. Doch auch hier reagiert die Fed eher auf Druck von außen, als dass sie mit Beispiel vorangeht. Erst im März wurde sie vom Obersten Gerichtshof der USA gezwungen, die Empfänger ihrer Notkredite während der Finanzkrise offenzulegen.

"Die Fed hatte vergessen, dass sie die Zentralbank des Volkes ist und nicht eine Privatakademie, in der wichtige Entscheidungen vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden", kommentierte der Bloomberg-Redakteur Matthew Winkler das Urteil der Richter. Es ging auf eine Klage der Nachrichtenagentur Bloomberg gegen die Fed zurück. In Sachen Transparenz steht die Fed schon seit der Finanzkrise unter Druck. Bereits im Rezessionsjahr 2009 beschloss der Kongress mit dem "Federal Reserve Transparency Act" eine strengere Buchprüfung.

Der wachsende Druck schürt auch die Debatte innerhalb der Fed. Auseinandersetzungen in der Führungsriege der Notenbank nehmen zu. Interne Kritiker des aktuellen Geldkurses melden sich in jüngster Zeit häufiger und lauter in der Öffentlichkeit zu Wort. "Ich sehe viele Risiken, dass wir über das Ziel hinausschießen", sagt Richard Fisher, der Präsident der Fed in Dallas. Fisher sieht die Fed an einem "kritischen Punkt" angelangt, wo sie sich "disziplinieren" muss. Auch der Chef der Philadelphia-Fed, Charles Plosser, fordert mehr geldpolitische Mäßigung und eine baldige Zinswende: "Wenn wir das nicht rechtzeitig machen, kann das ernsthafte Konsequenzen für die Inflation und die wirtschaftliche Stabilität haben", sagt er.

Anderswo wartet man nicht so geduldig, dass die Fed vom Gaspedal geht und sich den Notenbanken in Europa und Asien anschließt. Am 29. April wird an der Börse von Hongkong erstmals eine Aktie in den Kurszettel aufgenommen, deren Kurs in Chinas Renminbi notiert wird. Dieser Börsengang des Immobilientrusts Hui Xian, dem das Shoppingmekka Oriental Plaza in Peking gehört, ist nur eines von vielen Zeichen, dass China als größtem internationalen Geldgeber der USA die Geduld ausgeht - und dass die Volksrepublik die Ablösung des Greenback als globale Leitwährung forciert.