Zinswende im Euro-Land Zwischen Inflation und Schuldenkrise

Die EZB will Härte zeigen: Am Tag, an dem Portugal um Milliardenhilfen bitten muss, erhöht sie die Leitzinsen. Auf keinen Fall soll sich die beginnende Inflation festsetzen. Doch vor allem für Deutschland bleiben die Zinsen viel zu niedrig.
Zielkonflikt: Die EZB und ihr Chef Jean-Claude Trichet wollen die Inflation bekämpfen, den schwachen Euro-Ländern aber nicht weh tun

Zielkonflikt: Die EZB und ihr Chef Jean-Claude Trichet wollen die Inflation bekämpfen, den schwachen Euro-Ländern aber nicht weh tun

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Ein Statement soll es sein, laut und weltweit vernehmbar. Seht her, wir geben uns nicht geschlagen! Wir stemmen uns gegen die weltweit auflodernden Inflationsgefahren! Der Euro bleibt hart!

Das ist das Signal, das die Europäische Zentralbank (EZB) heute aussendet, indem sie die Leitzinsen erhöht. Besser: Es ist das Signal, das die EZB aussenden will.

Denn es ist alles andere als sicher, ob es ihr gelingt, die Preissteigerungsdynamik zu brechen. Schließlich liegen die Leitzinsen bei immer noch extrem niedrigen 1,25 Prozent. Wie weit und wie schnell sie die EZB nach oben schleusen kann, ist vollkommen offen.

Drei Faktoren stehen einer entschlossenen Inflationsbekämpfung im Wege: die sich immer weiter zuspitzende Schuldenkrise, die interne Verfassung der EZB selbst und die globale Inflationsdynamik.

Spanien könnte gerade noch gestützt werden

Beginnen wir mit der Schuldenkrise: Die Entscheidung zur Zinswende kommt pikanterweise just an dem Tag, an dem Portugal - als drittes Land nach Griechenland und Irland - unter die Rettungsschirme der Euro-Zone schlüpfen muss, weil es sich am Markt nicht mehr finanzieren kann. Nun spekulieren viele Marktakteure, ob Spanien als erste größere Volkswirtschaft unter den Schirm muss.

Dann würde es kritisch für die Euro-Zone: Spanien könnte mit den jetzt zur Verfügung stehenden Mitteln wohl gerade noch gestützt werden. Aber für weitere Länder würde das Geld nicht reichen. Sollte dann die Schuldenkrise auf hoch verschuldete Euro-Staaten wie Italien oder Belgien übergreifen, würde das womöglich einen unlöschbaren Flächenbrand auslösen.

Es ist dieses Szenario, das auch die Euro-Notenbanker umtreibt. Erhöhen sie die Leitzinsen zu stark, wird die fragile konjunkturelle Erholung in den nach wie vor schwachen Krisenländern erdrosselt und die Haushaltslage noch weiter verschlimmert.

Ungeliebte Interventionen

Die Euro-Banker stehen vor einem Dilemma: Allzu entschlossene Zinserhöhungen können die Unabhängigkeit der Notenbank nachhaltig beschädigen. Denn bei einer weiteren Zuspitzung der Haushaltslage, müsste abermals die EZB einspringen und Anleihen der Krisenstaaten vom Markt kaufen.

Interventionen, die die Notenbanker eigentlich nicht tätigen wollen - weil sie ihre Unabhängigkeit infrage stellen, weil sie die Inflationsbekämpfung erschweren. Interventionen, die die Euro-Banker aber im Zweifelsfall tätigen müssen - weil keine andere Institution im Euro-Raum wirklich handlungsfähig ist. (Der kürzlich beschlossene Europäische Stabilisierungsmechanismus wird erst ab 2013 zur Verfügung stehen und soll auch mit einer halben Billion Euro über begrenzte Mittel verfügen.)

Keine Notenbank hat eine so leichtgewichtige Zentrale wie die EZB

Wegen dieser schwierigen Konstellation dürfte die EZB die Zinsen nur langsam und zögerlich anheben. Für wirtschaftliche starke Euro-Volkswirtschaften sind das schlechte Nachrichten. Vor allem für Deutschland: Eigentlich müssten die Zinsen aus rein nationaler Sicht viel höher liegen.

Das Institut Kiel Economics hat für manager magazin berechnet, wie die Europäische Zentralbank die Leitzinsen festlegen würde, wenn sie für die Bundesrepublik allein die Geldpolitik machen würde. Ergebnis: Deutschland hätte bereits jetzt Leitzinsen von 3 Prozent, und sie dürften weiter deutlich steigen. Weil solche nationalen Sonderwege aber in der Währungsunion nicht möglich sind, sorgen die weiterhin sehr niedrigen Zinsen für ein überschäumendes Wachstum, das sich in steigenden Preisen niederschlägt.

Die ökonomische Problematik des Auseinanderdriftens wird verstärkt durch einen zweiten Faktor: der Verfassung der EZB selbst. In einem umfassenden Report im aktuellen manager magazin schildern wir, wie die Euro-Bank intern funktioniert: Wer wirklich im EZB-Rat das Sagen hat, und wer warum Chancen auf die Nachfolge von Präsident Jean-Claude Trichet hat - und wer nicht.

Gesamtinteresse des Euro-Landes tritt in den Hintergrund

Die EZB zu führen, ist eine hochkomplexe Aufgabe. Denn keine Notenbank der Welt hat ein so großes Führungsgremium - der Rat mit seinen derzeit 23 Mitgliedern gleicht eher einem Parlament als einem schlanken Topmanagement. Keine Notenbank hat eine so leichtgewichtige Zentrale - das EZB-Direktorium hat nur sechs Mitglieder, denen die Notenbank-Chefs der 17 Mitgliedstaaten gegenübersitzen.

Gerade jene Männer, die aus Ländern in zugespitzten Krisenlagen nach Frankfurt kommen, seien "naturgemäß beeindruckt von der Lage daheim", erzählt ein Insider. "Entsprechend tritt dann manchmal das Gesamtinteresse des Euro-Landes etwas in den Hintergrund."

Dass die EZB relativ gut funktioniert, verdankt sie durchsetzungs- und überzeugungsstarken Direktoriumsmitgliedern wie Präsident Trichet und Chefvolkswirt Jürgen Stark. Hinter den Kulissen bestimmen sie maßgeblich die Agenda und versuchen, den heterogenen EZB-Rat hinter einer gemeinsamen Sichtweise zu vereinen. Bislang ist es ihnen - fast - immer gelungen, einen Konsens zu schmieden, hinter dem alle Mitglieder stehen und den sie nach außen vertreten können. Dieser Konsens fußt zwangsläufig auf einem Kompromiss.

Bei zunehmenden ökonomischen Divergenzen und zugespitzter Schuldenkrise wird es jedoch immer schwieriger, diesen Konsens herzustellen. Zumal Trichet im Herbst planmäßig abtritt.

Flucht vor globaler Inflationswelle kaum möglich

Fraglich, ob sein Nachfolger den Euro-Spagat - zwischen den verschiedenen Zielen der EZB (Preisstabilität, Finanzstabilität), zwischen Interessen des Euro-Landes insgesamt und der Mitgliedsländer, zwischen den Interessen individueller Mitglieder - ähnlich gut hinbekommen wird wie der Franzose. Möglich, dass sich der EZB-Rat in Zukunft nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen kann. Eine entschlossene Straffung der Geldpolitik wäre dann wohl ausgeschlossen.

Diese speziell europäische Problematik addiert sich - der dritte Faktor - zur zunehmenden globalen Inflationsdynamik. Nach wie vor pumpen die Notenbanken der USA, Japans, Großbritanniens und großer Schwellenländer gigantische Mengen Liquidität in die Märkte. Längst schlägt sich diese Geldflut in davongaloppierenden Rohstoffpreisen nieder. Auch die Löhne dürften künftig stärker steigen, bereits sichtbar in Schwellenländern wie China.

Sich vor dieser globalen Inflationswelle vollends abzuschirmen, wird kaum möglich sein. In den 70er Jahren ist das nicht mal Deutschland gelungen - trotz D-Mark, unabhängiger Bundesbank und vergleichsweise geringer internationaler Verflechtung. Damals lag die deutsche Inflation über einen Zeitraum von zehn Jahren im Schnitt bei 5 Prozent. Wenig verglichen mit anderen westlichen Ländern wie Italien, Großbritannien oder den USA, aber viel nach bundesrepublikanischen Maßstäben.

Die EZB ist stolz darauf, in den ersten zwölf Jahre der Euro-Ära die Inflationsraten niedrig gehalten zu haben. Im Schnitt bei 1,97 Prozent, in Deutschland sogar bei 1,5 Prozent. Wird es so weitergehen? Zweifel sind angebracht. Gemessen an den künftigen Herausforderungen war die bisherige Euro-Ära eine ruhige Phase.

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