Montag, 21. Oktober 2019

Zinswende im Euro-Land Zwischen Inflation und Schuldenkrise

Zielkonflikt: Die EZB und ihr Chef Jean-Claude Trichet wollen die Inflation bekämpfen, den schwachen Euro-Ländern aber nicht weh tun

2. Teil: Keine Notenbank hat eine so leichtgewichtige Zentrale wie die EZB

Wegen dieser schwierigen Konstellation dürfte die EZB die Zinsen nur langsam und zögerlich anheben. Für wirtschaftliche starke Euro-Volkswirtschaften sind das schlechte Nachrichten. Vor allem für Deutschland: Eigentlich müssten die Zinsen aus rein nationaler Sicht viel höher liegen.

Das Institut Kiel Economics hat für manager magazin berechnet, wie die Europäische Zentralbank die Leitzinsen festlegen würde, wenn sie für die Bundesrepublik allein die Geldpolitik machen würde. Ergebnis: Deutschland hätte bereits jetzt Leitzinsen von 3 Prozent, und sie dürften weiter deutlich steigen. Weil solche nationalen Sonderwege aber in der Währungsunion nicht möglich sind, sorgen die weiterhin sehr niedrigen Zinsen für ein überschäumendes Wachstum, das sich in steigenden Preisen niederschlägt.

Die ökonomische Problematik des Auseinanderdriftens wird verstärkt durch einen zweiten Faktor: der Verfassung der EZB selbst. In einem umfassenden Report im aktuellen manager magazin schildern wir, wie die Euro-Bank intern funktioniert: Wer wirklich im EZB-Rat das Sagen hat, und wer warum Chancen auf die Nachfolge von Präsident Jean-Claude Trichet hat - und wer nicht.

Gesamtinteresse des Euro-Landes tritt in den Hintergrund

Die EZB zu führen, ist eine hochkomplexe Aufgabe. Denn keine Notenbank der Welt hat ein so großes Führungsgremium - der Rat mit seinen derzeit 23 Mitgliedern gleicht eher einem Parlament als einem schlanken Topmanagement. Keine Notenbank hat eine so leichtgewichtige Zentrale - das EZB-Direktorium hat nur sechs Mitglieder, denen die Notenbank-Chefs der 17 Mitgliedstaaten gegenübersitzen.

Gerade jene Männer, die aus Ländern in zugespitzten Krisenlagen nach Frankfurt kommen, seien "naturgemäß beeindruckt von der Lage daheim", erzählt ein Insider. "Entsprechend tritt dann manchmal das Gesamtinteresse des Euro-Landes etwas in den Hintergrund."

Dass die EZB relativ gut funktioniert, verdankt sie durchsetzungs- und überzeugungsstarken Direktoriumsmitgliedern wie Präsident Trichet und Chefvolkswirt Jürgen Stark. Hinter den Kulissen bestimmen sie maßgeblich die Agenda und versuchen, den heterogenen EZB-Rat hinter einer gemeinsamen Sichtweise zu vereinen. Bislang ist es ihnen - fast - immer gelungen, einen Konsens zu schmieden, hinter dem alle Mitglieder stehen und den sie nach außen vertreten können. Dieser Konsens fußt zwangsläufig auf einem Kompromiss.

Bei zunehmenden ökonomischen Divergenzen und zugespitzter Schuldenkrise wird es jedoch immer schwieriger, diesen Konsens herzustellen. Zumal Trichet im Herbst planmäßig abtritt.

Flucht vor globaler Inflationswelle kaum möglich

Fraglich, ob sein Nachfolger den Euro-Spagat - zwischen den verschiedenen Zielen der EZB (Preisstabilität, Finanzstabilität), zwischen Interessen des Euro-Landes insgesamt und der Mitgliedsländer, zwischen den Interessen individueller Mitglieder - ähnlich gut hinbekommen wird wie der Franzose. Möglich, dass sich der EZB-Rat in Zukunft nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen kann. Eine entschlossene Straffung der Geldpolitik wäre dann wohl ausgeschlossen.

Diese speziell europäische Problematik addiert sich - der dritte Faktor - zur zunehmenden globalen Inflationsdynamik. Nach wie vor pumpen die Notenbanken der USA, Japans, Großbritanniens und großer Schwellenländer gigantische Mengen Liquidität in die Märkte. Längst schlägt sich diese Geldflut in davongaloppierenden Rohstoffpreisen nieder. Auch die Löhne dürften künftig stärker steigen, bereits sichtbar in Schwellenländern wie China.

Sich vor dieser globalen Inflationswelle vollends abzuschirmen, wird kaum möglich sein. In den 70er Jahren ist das nicht mal Deutschland gelungen - trotz D-Mark, unabhängiger Bundesbank und vergleichsweise geringer internationaler Verflechtung. Damals lag die deutsche Inflation über einen Zeitraum von zehn Jahren im Schnitt bei 5 Prozent. Wenig verglichen mit anderen westlichen Ländern wie Italien, Großbritannien oder den USA, aber viel nach bundesrepublikanischen Maßstäben.

Die EZB ist stolz darauf, in den ersten zwölf Jahre der Euro-Ära die Inflationsraten niedrig gehalten zu haben. Im Schnitt bei 1,97 Prozent, in Deutschland sogar bei 1,5 Prozent. Wird es so weitergehen? Zweifel sind angebracht. Gemessen an den künftigen Herausforderungen war die bisherige Euro-Ära eine ruhige Phase.

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