Donnerstag, 12. Dezember 2019

Geldpolitik Zinswende soll Inflation besiegen

Leitet die Wende ein: EZB-Chef Trichet begründet heute die Zinserhöhung

Wie erwartet vollzieht die Europäische Zentralbank die Zinswende. Der Leitzins steigt um 0,25 Punkte auf 1,25 Prozent. Damit reagieren die Währungshüter auf die gestiegene Inflation. Für die Krisenländer im Süden bringt der Schritt allerdings neue Probleme.

Frankfurt am Main - Mit dem ersten Zinsschritt seit fast zwei Jahren verabschiedet sich die Europäische Zentralbank (EZB) von ihrer Politik des extrem billigen Geldes. Wegen der steigenden Inflationsgefahren heben Europas Währungshüter den Leitzins im Euro-Raum um 0,25 Prozentpunkte auf 1,25 Prozent an. Das teilte die EZB nach ihrer Ratssitzung in Frankfurt mit. Der wichtigste Zins zur Versorgung der Kreditwirtschaft mit Zentralbankgeld war im Mai 2009 mitten in der Wirtschafts- und Finanzkrise auf das Rekordtief von 1,0 Prozent gesenkt worden.

"Wir haben heute nicht entschieden, dass dies der Beginn einer Serie von Zinserhöhungen war", sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. Gleichzeitig machte er deutlich, dass der Aufschwung von höheren Zinsen nicht abgewürgt werde. "Die Geldpolitik ist noch immer konjunkturstimulierend", sagte Trichet. Die Inflationsentwicklung werde weiter "sehr genau" verfolgt.

Volkswirte erwarten, dass die Notenbank den Leitzins in den kommenden Monaten in kleinen Schritten auf 2,0 Prozent anheben wird. Damit sollen der Preisdruck gesenkt und die Kaufkraft in Boom-Ländern wie Deutschland erhalten werden.

Für die schwächelnde Konjunktur in hoch verschuldeten Ländern am Rand der Euro-Zone wie Irland, Griechenland und Portugal könnte die Zinserhöhung allerdings Gift sein. In diesen Ländern wird die Konjunktur bereits durch die öffentlichen Einsparungen schwer belastet. Höhere Zinsen können den Preisauftrieb bremsen, sie verteuern aber auch Kredite.

Explodierende Energiepreise stimmten Währungshüter um

Sorgen vor einer drohenden Spaltung des Euroraums halten Ökonomen wie Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise aber für übertrieben: "Die konjunkturellen Auswirkungen werden begrenzt sein." In diesen Ländern sei der moderate Zinsschritt weniger bedeutend als Risikoprämien.

Trichet hatte die Märkte im März überraschend deutlich auf den Zinsschritt vorbereitet. Damals sagte er: "Eine Zinserhöhung bei unserer nächsten Sitzung ist möglich, aber nicht sicher." Zuvor waren die Währungshüter von den explodierenden Energie- und Rohstoffpreisen überrascht worden.

Oberstes Ziel der EZB ist die Preisstabilität, die sie bei einer Teuerungsrate von knapp unter 2 Prozent gewährleistet sieht. Im März betrug die jährliche Teuerungsrate im Euroraum 2,6 Prozent. "Diese Zinserhöhung war überfällig", sagte Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer.

"Die EZB stellt mit dem Zinsschritt ihren Status als Inflationsbekämpfer unter Beweis. Sie unterstreicht, dass sie es ernst nimmt mit der Preisstabilität im Euro-Raum", sagte Jürgen Michels von der Citigroup.

Unternehmen begrüßt EZB-Entscheidung

Der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, sieht den Zinsschritt keine 24 Stunden nach dem Hilfegesuch Portugals als ein positives Signal - zumal gleichzeitig Spanien erfolgreich und ohne weitere Aufschläge Anleihen am Markt platzierte: "Einen besseren Beweis für Europas Fortschritte beim Verhindern der Ansteckungsgefahren bei ihrer Staatsschuldenkrise hätte es nicht geben können", befand Schmieding.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag unterstützt die EZB. "Angesichts des Inflationsdrucks ist die heutige Zinsentscheidung der EZB nachvollziehbar", sagte DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann. "Sie trägt zur Stabilisierung der Preise bei und erhöht damit auch die Planungssicherheit für Unternehmen."

Scharfe Kritik kam dagegen vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). "Mit der Erhöhung des Leitzinssatzes befindet sich die EZB erneut auf einem geldpolitischen Holzweg", sagte Bundesvorstand Claus Matecki.

Die EZB setzte auch die beiden anderen Leitzinsen herauf: Der Spitzenrefinanzierungssatz für kurzfristiges Geld steigt von 1,75 Prozent auf 2,0 Prozent. Der Einlagesatz, zu dem die Banken Geld über Nacht bei der EZB parken können, erhöht sich von 0,25 Prozent auf 0,5 Prozent.

nis/dpa/dpad/rtr

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