Sonntag, 20. Oktober 2019

Vor der EZB-Entscheidung Starker Euro erhöht Druck auf Krisenländer

Wirtschaftsschere: Wie Europas Süden den Anschluss verliert
AFP

Europa im Zinsdilemma: Händler erwarten, dass die Zentralbank die geplante Zinserhöhung trotz Portugals Hilferuf durchzieht, um die Inflation zu bekämpfen. Deshalb setzt der Euro seinen Höhenflug fort, was die Lage in den von Staatspleiten bedrohten Ländern weiter verschärft.

Singapur - Der Euro hat sich vor der erwarteten Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB) nahe seinem 14-Monatshoch behauptet. Die europäische Gemeinschaftswährung notierte in Fernost bei knapp 1,43 Dollar, nachdem sie am Mittwoch auf den höchsten Stand seit Ende Januar 2010 geklettert war - bis auf 1,4350 Dollar.

Händler begründeten den Aufschlag mit dem erwarteten Zinsunterschied zwischen Euro-Zone und Japan sowie den USA. Weder die überraschende Ankündigung aus Portugal, doch die EU-IWF-Rettungshilfen in Anspruch nehmen zu müssen, noch der japanische Entscheid für unveränderte Zinsen wirkten sich maßgeblich an den Finanzmärkten aus.

"Der Markt hat Portugals Bitte ignoriert, weil es als wahrscheinlich gilt, dass die EZB die Zinsen dennoch erhöht", sagte Analyst Teppei Ino von Bank of Tokyo-Mitsubishi UFJ. Die asiatischen Aktienmärkte präsentierten sich lustlos, wobei die wichtigsten Indizes in Tokio zumindest ihre zweitägige Verluststrecke stoppen konnten. Gold Börsen-Chart zeigen notierte in Reichweite des Rekordhochs von 1462 Dollar je Feinunze.

Immobilienmärkte als Verlierer

Portugals geschäftsführender Ministerpräsident Jose Socrates kündigte am Mittwochabend im Fernsehen überraschend das Hilfeersuchen seines hoch verschuldeten Landes an. Portugal ist nach Griechenland und Irland damit das dritte Euro-Land, das den Rettungsschirm in Anspruch nehmen muss.

"Die EZB muss einen schwierigen Balanceakt bewältigen", sagt dazu Michael Bräuninger, Konjunkturchef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), dem "Hamburger Abendblatt". Denn auf der einen Seite nehmen die Befürchtungen zu, in Euro-Ländern mit kräftigem Wirtschaftswachstum - allen voran Deutschland - könnten die Inflationsraten stark anziehen.

Die Zinserhöhung kommt für die schwachen Länder im Süden dagegen zur Unzeit. Die Exportchancen der krisengeschüttelten Staaten wie Portugal werden tendenziell sinken. Denn der größte Anteil unter den Ausfuhren Portugals machen bisher Waren aus, die nicht in den Hochtechnologiebereich fallen.

Portugals Exporteure konkurrieren deshalb vielfach beispielsweise mit Unternehmen aus China um Käufer für ihre Produkte, etwa bei Textilien oder Maschinen für den Massenmarkt. Verteuert der steigende Euro-Kurs nun Portugals Waren auf dem Weltmarkt, wird es für die Exporteure des Staates nochmals schwerer, Käufer dafür zu finden. Zugleich bleibt die Binnennachfrage unter Druck. Nicht nur staatliche Sparprogramme, um mit den Staatsschulden noch irgendwie klar zu kommen, drücken auf die Einkommen in Portugal. Die drohende Zinserhöhung der EZB dürften Portugiesen mit hohen Immobilienkrediten unter Druck setzen - und für nochmehr Ebbe in den Portemonnaies mancher Portugiesen sorgen.

"Die Verlierer einer Zinserhöhung sind auch die Immobilienmärkte in Portugal, Spanien und Irland", sagt dazu Deutschland-Chefvolkswirt Andreas Rees von der italienischen Großbank Unicredit. "Gerade in diesen Ländern haben ein großer Teil der Hypothekendarlehen nur eine Zinsbindung von höchstens einem Jahr." In Portugal betreffe dies 99 Prozent aller Baukredite, in Spanien rund 90 Prozent und in Irland immerhin noch 67 Prozent.

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