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Wirtschaftsschere: Wie Europas Süden den Anschluss verliert

Foto: Rainer Jensen/ dpa

Vor der EZB-Entscheidung Starker Euro erhöht Druck auf Krisenländer

Europa im Zinsdilemma: Händler erwarten, dass die Zentralbank die geplante Zinserhöhung trotz Portugals Hilferuf durchzieht, um die Inflation zu bekämpfen. Deshalb setzt der Euro seinen Höhenflug fort, was die Lage in den von Staatspleiten bedrohten Ländern weiter verschärft.

Singapur - Der Euro hat sich vor der erwarteten Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB) nahe seinem 14-Monatshoch behauptet. Die europäische Gemeinschaftswährung notierte in Fernost bei knapp 1,43 Dollar, nachdem sie am Mittwoch auf den höchsten Stand seit Ende Januar 2010 geklettert war - bis auf 1,4350 Dollar.

Händler begründeten den Aufschlag mit dem erwarteten Zinsunterschied zwischen Euro-Zone und Japan sowie den USA. Weder die überraschende Ankündigung aus Portugal, doch die EU-IWF-Rettungshilfen in Anspruch nehmen zu müssen, noch der japanische Entscheid für unveränderte Zinsen wirkten sich maßgeblich an den Finanzmärkten aus.

"Der Markt hat Portugals Bitte ignoriert, weil es als wahrscheinlich gilt, dass die EZB die Zinsen dennoch erhöht", sagte Analyst Teppei Ino von Bank of Tokyo-Mitsubishi UFJ. Die asiatischen Aktienmärkte präsentierten sich lustlos, wobei die wichtigsten Indizes in Tokio zumindest ihre zweitägige Verluststrecke stoppen konnten. Gold  notierte in Reichweite des Rekordhochs von 1462 Dollar je Feinunze.

Immobilienmärkte als Verlierer

Portugals geschäftsführender Ministerpräsident Jose Socrates kündigte am Mittwochabend im Fernsehen überraschend das Hilfeersuchen seines hoch verschuldeten Landes an. Portugal ist nach Griechenland und Irland damit das dritte Euro-Land, das den Rettungsschirm in Anspruch nehmen muss.

"Die EZB muss einen schwierigen Balanceakt bewältigen", sagt dazu Michael Bräuninger, Konjunkturchef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), dem "Hamburger Abendblatt". Denn auf der einen Seite nehmen die Befürchtungen zu, in Euro-Ländern mit kräftigem Wirtschaftswachstum - allen voran Deutschland - könnten die Inflationsraten stark anziehen.

Die Zinserhöhung kommt für die schwachen Länder im Süden dagegen zur Unzeit. Die Exportchancen der krisengeschüttelten Staaten wie Portugal werden tendenziell sinken. Denn der größte Anteil unter den Ausfuhren Portugals machen bisher Waren aus, die nicht in den Hochtechnologiebereich fallen.

Portugals Exporteure konkurrieren deshalb vielfach beispielsweise mit Unternehmen aus China um Käufer für ihre Produkte, etwa bei Textilien oder Maschinen für den Massenmarkt. Verteuert der steigende Euro-Kurs nun Portugals Waren auf dem Weltmarkt, wird es für die Exporteure des Staates nochmals schwerer, Käufer dafür zu finden. Zugleich bleibt die Binnennachfrage unter Druck. Nicht nur staatliche Sparprogramme, um mit den Staatsschulden noch irgendwie klar zu kommen, drücken auf die Einkommen in Portugal. Die drohende Zinserhöhung der EZB dürften Portugiesen mit hohen Immobilienkrediten unter Druck setzen - und für nochmehr Ebbe in den Portemonnaies mancher Portugiesen sorgen.

"Die Verlierer einer Zinserhöhung sind auch die Immobilienmärkte in Portugal, Spanien und Irland", sagt dazu Deutschland-Chefvolkswirt Andreas Rees von der italienischen Großbank Unicredit. "Gerade in diesen Ländern haben ein großer Teil der Hypothekendarlehen nur eine Zinsbindung von höchstens einem Jahr." In Portugal betreffe dies 99 Prozent aller Baukredite, in Spanien rund 90 Prozent und in Irland immerhin noch 67 Prozent.

Sorgen um Krisenbanken wachsen wieder

Wegen der steigenden Teuerung im Euro-Raum aber peilt die EZB heute dennoch die zinspolitische Wende an. Unter dem Vorsitz von Präsident Jean-Claude Trichet ist am Morgen der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) zusammengekommen, um über die erste Leitzinserhöhung seit Juli 2008 zu befinden.

Experten rechnen fest damit, dass der seit Mai 2009 geltende rekordniedrige Schlüsselzins von 1,0 Prozent fallen wird und die Hüter des Euro einen viertel Prozentpunkt draufsatteln werden. Trichet bereitete die Märkte bereits vor Wochen behutsam darauf vor, indem er eine Erhöhung im April als "möglich, aber nicht sicher" bezeichnete.

Auch wenn er keine Serie von Zinserhöhungen signalisiert hat, wird am Markt doch mit einer raschen Folge von geldpolitischen Trippelschritten gerechnet. Schon Anfang 2012 könnte der Leitzins dann doppelt so hoch liegen wie bislang.

Inflation ist enteilt

Von der um 14.30 Uhr beginnenden Pressekonferenz Trichets erhoffen sich EZB-Beobachter daher wichtige Hinweise auf den weiteren Kurs: Nach dem Beben und der Reaktorkatastrophe in Japan hatte Chefvolkswirt Jürgen Stark aufkommende Unklarheiten über die Entschlossenheit der Zentralbank beseitigt und bekräftigt, sie strebe weiter eine geldpolitische Normalisierung an.

Die Teuerungsrate in der Euro-Zone ist mit 2,6 Prozent der Stabilitätsmarke der EZB von knapp 2 Prozent weit enteilt. Die auf stabile Preise fixierte EZB hält angesichts der gefestigten wirtschaftlichen Erholung nun offenbar den Zeitpunkt für ein Gegensteuern gekommen.

Falls sich die Geldpolitiker auf eine Straffung einigen sollten, müssen die in der Krise mit billigem Geld gepäppelten Geschäftsbanken Abschied von den rekordniedrigen Zinsen nehmen. In Schuldenstaaten in der Peripherie der Euro-Zone wie Irland, Griechenland und Portugal könnte dies einigen angeschlagenen Instituten zusätzlich zu schaffen machen, die praktisch am Tropf der EZB hängen.

Zuletzt hat die Zentralbank jedoch Irland Entgegenkommen signalisiert und mitgeteilt, den dortigen Banken mit einer Sonderregelung zu helfen. Irische Staatsanleihen werden demnach von der EZB weiterhin als Sicherheit akzeptiert, unabhängig von der Bewertung durch Ratingagenturen. Eine ähnliche Ausnahme wie jetzt für Irland gilt bereits für griechische Schuldtitel.

nis/dpa-afx/rtr
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