Amerikas Finanzpolitik "Genauso aggressiv wie früher"

Der einflussreiche Ökonom Raghuram Rajan hatte schon im Jahr 2005 vor dem drohenden Kollaps an den Finanzmärkten gewarnt. Im Gespräch mit dem manager magazin sagt er, warum die Welt nicht viel sicherer ist als vor der Krise - und was er von seinem künftigen Forscherkollegen Axel Weber hält.
Von Klaus Boldt
Raghuram Rajan: "Die Politik versagt, wenn sie die Menschen zu immer höherer Verschuldung animiert"

Raghuram Rajan: "Die Politik versagt, wenn sie die Menschen zu immer höherer Verschuldung animiert"

Foto: AP

mm: Herr Rajan, ist die Welt heute ein sicherer Ort als im September 2008?

Rajan: Ehrlich gesagt, haben mich die bisher getroffenen Regulierungsmaßnahmen nicht beruhigen können. Wir müssen mal abwarten, welchen Umfang sie am Ende haben werden und ob die Behörden bei ihrer Durchsetzung aufmerksamer und sorgfältiger sind als sie es in der Vergangenheit waren.

mm: Wo liegen Ihrer Meinung nach die Unwägbarkeiten?

Rajan: Nun, zum Beispiel ist die Frage weiterhin unbeantwortet, welche und wie viele Finanzinstitutionen in den USA für systemisch wichtig erklärt werden, also zu bedeutend sind, um untergehen gehen zu dürfen. Die Antworten reichen hier von zehn - im wesentlichen den größten Banken - bis 50, was auch eine ganze Reihe von Hedge-Funds und Versicherungen miteinbeziehen würde. Man kann auch noch nicht abschätzen, welche Schritte die Banken etwa unternehmen, um sich Kontrollen und Regulierungen zu entziehen - und ob die Aufsichtsbehörden dann genug Rückgrat haben, sie auch gegen Widerstände durchzusetzen.

mm: Banker, die den Hals nicht vollkriegen, Rating-Agenturen, die von allen guten Geistern verlassen sind, dazu überforderte oder unwillige Aufsichtsbeamte spiegeln nur die eine Seite des Marktelends wider. Sind es nicht vor allem die Strukturen, die die Exzesse ermöglichten?

Rajan: Die amerikanische Geld- und Kreditpolitik der Vergangenheit hat mit Sicherheit zu den Finanzexzessen beigetragen, und sie ist noch genauso aggressiv wie früher. Ich habe die Sorge, dass die Entscheidungsträger die Auswirkungen ihrer Politik nicht immer einkalkulieren und dass sie notfalls auch für die Folgen geradestehen müssen. Wenn man die Reaktion der US-Politik auf die Finanzkrise betrachtet, so bestand sie doch weitgehend in dem Versuch, den privaten Konsum wieder anzufachen, und zwar indem Kredite verbilligt wurden, nicht zuletzt, um Autos oder Häuser zu kaufen.

mm: Dies wurde auch beschlossen, um den weiteren Verfall der Immobilienpreise aufzuhalten.

Rajan: In einer Wirtschaft, wo bereits zu viel Privatleute hochverschuldet sind, hat man ihnen zusätzliche Anreize verschafft, sich Bargeld zu leihen. All das reflektiert eine starke Neigung, fast eine Art Suchtverhalten nach einem kreditgetriebenen Konsum. Doch die Politik versagt, wenn sie die Menschen zu immer höherer Verschuldung animiert. Aber dies scheint der amerikanische Weg geworden zu sein, mit dem Problem umzugehen.

mm: Die Finanzkrise, von der Sie sagen, dass sie unbewältigt sei, hat eine Ursache in dem wachsenden wirtschaftlichen Ungleichgewicht innerhalb der USA, aber auch darin, dass die reichen USA beispielsweise von Krediten des armen Chinas abhängig sind. Sind dies in Ihren Augen die größten Gefahren?

Rajan: Es gibt eine zunehmende Zahl von Kommentatoren, die auf das wachsende Ungleichgewicht in den USA selbst hinweisen, insbesondere auf die untere Mittelschicht, auf jene Leute ohne High-School- Abschluss, die nicht mehr die guten Jobs in der Industrie bekommen wie früher. Wir alle fragen uns, wie man ihr Leben verbessern und das Ungleichgewicht verringern könnte?

mm: Wie lautet Ihre Antwort?

Rajan: Manche fordern, die Vermögenden höher zu besteuern und das Geld zu den ärmeren zu transferieren. Dies hätte aber zweifellos negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum. Beunruhigend ist, dass protektionistische Forderungen immer lauter werden nach dem Motto: Lasst uns die guten Jobs beschützen, die wir noch haben.

mm: Fürchtet man in den USA, dass nach dem industriellen auch der Dienstleistungssektor angegriffen von ausländischen Unternehmen angegriffen werden könnte?

Rajan: Ja, denn dieser Bereich ist, im Vergleich zur Industrie, weit weniger Kontrollen unterworfen und deshalb auch relativ schutzlos. Schließlich könnten sich protektionistische Anstrengungen auch auf die Investitionen ausdehnen: Lasst uns versuchen, dass amerikanisches Geld nicht ins Ausland fließt.

mm: Der Wettbewerb zwinge die Banken fortlaufend, wie Sie es formuliert haben, mit den Grenzen der Zahlungsunfähigkeit zu flirten. Ist die Neigung, va banque zu spielen, seit 2008 geringer geworden?

Rajan: Die Banken gehen immer noch an diese Grenze. Sie müssen Geld verdienen, und der Konkurrenzkampf ist hart. Nur ein Beispiel:Vor ein paar Wochen hat JP Morgan einen Kredit über 20 Milliarden Dollar an AT&T gegeben für die Übernahme von T-Mobile. Das Volumen verspricht einen hohen Gewinn. Aber was passiert, wenn AT&T den Kredit nicht schnell bedienen kann, weil der Markt dies nicht zulässt? J.P.Morgan hat dieses Risiko ganz klar auf sich genommen, einzig und allein um mehr Geld zu machen.

"Das Ausmaß dieser Krise nicht erwartet"

mm: Sie hatten bereits 2005 detailliert den Kollaps der Finanzmärkte vorhergesagt. Hat die Weltwirtschaftskrise ihr Selbstverständnis als Lehrender verändert?

Rajan: Die Krise hat die Forschung gerechtfertigt, der sich viele von uns widmen, beispielsweise über die Auswirkungen von Illiquidität und Insolvenzen. Und ganz klar: Wir alle haben von der Krise gelernt. Wir lernen noch. Auch ich hatte das Ausmaß dieser Krise nicht erwartet. Was wir tun müssen, ist, diese Vorgänge zu verstehen.

mm: Sie beschreiben sich als "pragmatischen Ökonomen" und sehen ein Versagen in beiden wirtschaftstheoretischen Lagern, sowohl bei den Keynesianern, die ständige staatliche Eingriffe ins Wirtschaftsgeschehen für notwendig erachten, als auch bei den Monetaristen, die die Regulierung des Marktes dem Markt selbst überlassen wollen - und als deren Hochburg Ihr Institut in Chicago gilt. Ist die pragmatische Schule, die Sie repräsentieren, heute auf dem Vormarsch?

Rajan: Vermutlich, wenngleich ich nicht behaupten würde, dass alle Vertreter beider Seiten vom Offensichtlichen überzeugt worden sind. Märkte funktionieren, sie können sehr effizient sein, aber wir müssen lernen, sie besser zu verstehen.

mm: Im Juni tritt ein neuer Kollege bei Ihnen an, der frühere Bundesbank- Chef Axel Weber. Wann haben Sie ihn kennengelernt?

Rajan: Ich bin ihm bisher nur ein paar Mal begegnet, auf internationalen Konferenzen wie beim Treffen der Zentralbanker in Jackson Hole, Wyoming. Wir haben nur kurz miteinander gesprochen.

mm: Was versprechen Sie sich von Ihrem neuen Kollegen?

Rajan: Zunächst einmal ist er ja ein erstklassiger Professor. Er hat lange Jahre Wirtschaftstheorie gelehrt. Jetzt verfügt er außerdem noch über intime Kenntnisse praktischer Geldpolitik. Für unsere Studenten erwarte ich aufgrund dieser Kombination hochwertige Seminare und Lernerfahrungen. Das ist wundervoll für uns.

mm: Chicago gilt als Zentrum des Monetarismus: Friedrich August von Hayek und Milton Friedman haben hier gelehrt. Weber ist erklärte Monetarist, er erklärte sinngemäß, dass es für ihn keinen schöneren Ort auf der Welt gäbe als Chicago.

Rajan: Wir haben in der Tat eine großartige Tradition hier. Aber wichtig in einer Universität ist nicht nur die Tradition, sondern auch die ständige Neubewertung alter Ideen, die sich vielleicht überlebt haben. Noch erstaunlicher und aufregender als die Tradition ist die intellektuelle Kultur und Lebendigkeit an dieser Universität. Bei uns lehren die besten Köpfe der Welt, schon beim Lunch wird miteinander diskutieren, es herrscht eine ständige intellektuelle Herausforderung. Hier wird fortgesetzt debattiert, aber nicht ideologisiert nach dem Motto: "So hat es Friedman gelehrt, und so lehren wir es für alle Ewigkeit."

mm: Die Schwärmerei von Axel Weber vermittelte den Eindruck, dass eine Professur in Chicago möglicherweise reizvoller ist der Chefposten bei der Europäischen Zentralbank?

Rajan: Das müssen Sie Axel Weber fragen. Es ist seine Wahl gewesen, und ich bin sicher, dass es einige oder viele Akademiker gibt, die dieselbe Wahl treffen würden. Als ich 2003 von Chicago nach Washington zum Internationalen Währungsfonds ging, haben mich nicht wenige Kollegen gefragt:"Warum tust du so etwas Albernes und opferst deine akademische Karriere? Es gibt in Washington nichts, was du lernen könntest!" Ich bin zurückgekommen. Es hat schon Vorzüge, an der Universität zu lehren und dort zu versuchen, das Wissen zu vermehren. Aber, ob das besser ist, als Präsident der Europäischen Zentralbank zu sein - das muss Axel Weber wissen.

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