Donnerstag, 22. August 2019

Drohung Rating-Agenturen wollen EU-Krisenländer boykottieren

Ratingagentur Fitch: Massive Kritik der EU-Kommission

Der Streit zwischen der Europäischen Union und den Ratingagenturen droht zu eskalieren. Die Bonitätswächter drohen, ihre Bewertungen für Pleitekandidaten wie Portugal einzustellen, sollten sie für ihre Arbeit haftbar gemacht werden. Das erwägt die Kommission der Europäischen Union.

Brüssel - Der Streit zwischen den internationalen Ratingagenturen und der EU nimmt an Schärfe zu. Die Agenturen drohen Branchenkreisen zufolge damit, ihre Bewertung der Zahlungsfähigkeit hochverschuldeter Euro-Staaten ganz einzustellen. In diesem Fall würden Investoren um diese Länder komplett einen Bogen machen, sagten Experten.

Sollte die EU die Agenturen tatsächlich für eine falsche Einstufung haftbar machen, könnten die Institute ihre Drohung wahrmachen, hieß es in den Branchenkreisen. Hintergrund des Streits sind die jüngsten Herabstufungen von Staaten wie Portugal und Griechenland durch Agenturen wie Moody's, S&P oder Fitch.

Das Rating spielt eine entscheidende Rolle für den Zins, den die Länder bei Anleihen auf den internationalen Märkten zahlen müssen. Die EU-Kommission hat die jüngsten Herabstufungen massiv kritisiert und erwägt, eine Haftung einzuführen. Dies könnte im kommenden Jahr geschehen.

"Ratingagenturen sind nicht ausgelegt, um diese Art von Risiko zu tragen", verlautete aus Branchenkreisen am späten Mittwochabend. Eine solche Regelung könnte zu einer "Rücknahme der Ratings in verschiedenen Bereichen" führen. In einem Dokument von S&P hieß es, als Folge sei "eine Einschränkung der Einstufung" in Risikofällen denkbar. Entsprechende Sorgen würden auch von anderen Agenturen wie Moody's geteilt, hieß es dazu in den Branchenkreisen.

Portugal-Anleihen auf Rekordhoch

Experten sehen ein Dilemma: Die Ratingagenturen hätten in der Vergangenheit schlampig gearbeitet, sagte Sony Kapoor von der Denkfabrik Re-Define: "Ihre Einstufungen waren vor der Krise zu hoch und jetzt sind sie zu niedrig", sagte er. Allerdings führe an den Agenturen kein Weg vorbei, weil alle Beteiligten - von der EZB bis zu den Banken - auf die Noten zurückgriffen. Die EU müsse vorsichtig vorgehen: "Wenn ein Land kein Rating erhält, verschwindet es für Investoren von der Landkarte."

Die Stimmung am portugiesischen Markt für Staatsanleihen trübt sich immer mehr ein. Am Donnerstag stieg die Rendite für zehnjährige Staatspapiere erstmals seit dem Beitritt des Landes zur Währungsunion über die Marke von acht Prozent. Der Risikoaufschlag zu erstklassig bewerteten deutschen Papieren erhöhte sich damit auf den Rekordstand von rund 4,9 Prozentpunkten.

Portugal gilt seit längerem als Kandidat für den Euro-Rettungsschirm EFSF. Seine selbst gesetzten Sparziele hat das Land im vergangenen Jahr klar verfehlt. Anstatt des für 2010 angepeilten Werts von 7,3 Prozent betrug das Haushaltsdefizit 8,6 Prozent. Finanzminister Fernando Teixeira dos Santos sagte, Portugal sei wegen der Regierungskrise derzeit nicht in der Lage, ein Hilfsersuchen an den EFSF zu stellen. Die Regierung Portugals war vergangene Woche zurückgetreten, nachdem das von der Opposition dominierte Parlament seine Zustimmung zu einem wichtigen Sparpaket verweigert hatte.

sb/dpa-afx/rtr

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