Fukushima I Strahlung erreicht Rekordwert

Greenpeace hat eine Ausweitung der Schutzzone auf 40 Kilometer rund um das havarierte Kernkraftwerk Fukushima I gefordert. Die Strahlung im Meer ist inzwischen auf einen Rekordwert gestiegen, der Chef des Betreibers Tepco in ein Krankenhaus eingeliefert worden.
Atomkatastrophe in Japan: Mit einem Geigerzähler wird der Taucher auf Radioaktivität untersucht

Atomkatastrophe in Japan: Mit einem Geigerzähler wird der Taucher auf Radioaktivität untersucht

Foto: Naoki Hakamada/ AP

Tokio - Im Meerwasser vor dem Unglücksreaktor Fukushima I wurde eine sehr hohe Konzentration von radioaktivem Jod entdeckt. Die Radioaktivität habe das 3.355-Fache des zulässigen Wertes erreicht, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo am Mittwoch.

Es ist der bisher höchste gemessene Wert im Meer vor Fukushima. Frühere Messungen hatten eine 1850-fach erhöhte Belastung ergeben. Das sei ein Beleg dafür, dass weiterhin kontaminiertes Wasser aus dem zerstörten AKW in den Ozean fließt, heißt es weiter.

Greenpeace-Messungen zeigten in dem 7000-Einwohner-Ort Iitate, 40 Kilometer nordwestlich des Kraftwerks, eine Strahlenbelastung von bis zu zehn Microsievert in der Stunde. Um Tsushima seien sogar 100 Microsievert pro Stunde gemessen worden. Das teilte die Organisation am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Tokio mit. Zum Vergleich: 2,1 Millisievert - also 2100 Mikrosievert - im ganzen Jahr ist jeder Mensch in Deutschland durchschnittlich ausgesetzt.

Jan van de Putte, Strahlenexperte von Greenpeace: "Es ist für die Menschen eindeutig nicht sicher in Iitate zu bleiben, vor allem für Kinder und schwangere Frauen. Sie könnten die maximal zulässige jährliche Strahlendosis in nur wenigen Tagen abbekommen." Die japanische Regierung hat bisher eine 20 Kilometer-Evakuierungszone um das Atomkraftwerk errichtet.

Verwaltungsratchef übernimmt Tepco-Führung

Der Chef des Betreibers Tepco ist unterdessen in eine Klinik eingeliefert worden. Masataka Shimizu habe wegen Bluthochdrucks und Schwindel am Dienstagabend in ein Krankenhaus gebracht werden müssen, berichtete der Fernsehsender NHK am Mittwoch. Das Ruder an der Spitze von Japans größtem Energieversorger habe nun der Chef des Verwaltungsrats, Tsunehisa Katsumata, übernommen, teilte ein Firmensprecher mit.

Der 66-Jährige Shimizu war bereits am 16. März erkrankt - fünf Tage nach dem verheerenden Erdbeben, durch das in Fukushima das Atomkraftwerk havarierte. Er nahm sich eine Auszeit von einer Woche. Shimizu war zuletzt am 13. März bei einer Pressekonferenz öffentlich aufgetreten und zog damit Kritik auf sich.

Tepco hatte erst am Montag öffentlich erklärt, dass Shimizu während der Atomkrise erkrankt sei und sich für einige Tage aus dem gemeinsamen Krisenstab der Regierung und seines Unternehmens zurückgezogen habe. Die Zeitung "Mainichi" berichtete unter Berufung auf einen Firmenvertreter, der Tepco-Chef sei so krank gewesen, dass er sich in dem Gebäude des Krisenstabs in einen eigenen Raum zurückgezogen habe und dort "meist im Bett" geblieben sei.

Wind dreht wieder Richtung Tokio

Die Arbeiter in dem Katastrophen-Kernkraftwerk Fukushima sind zunehmend ausgebrannt und ihre Angst vor dauerhaften Gesundheitsschäden wächst. Das sagte ein Manager einer Vertragsfirma des Betreibers Tepco der Zeitung "Asahi Shinbun". Zwar gingen die Einsatzkräfte immer wieder in die zerstörten Reaktorblöcke, um die Reaktoren zu kühlen und einen Super-GAU zu verhindern, doch seien die Arbeiter angesichts der endlosen Schwierigkeiten zunehmend nervöser. Man achte darauf, dass Tepco die Spezialisten nicht zu hohen Risiken aussetze, sagte der Manager, der namentlich nicht genannt wurde.

Sorgen bereitet derzeit auch das Wetter. Am Mittwoch werde der aufs Meer wehende Wind seine Richtung ändern. Dann tragen Böen die radioaktiven Partikel aus Fukushima in Richtung der Millionenmetropole Tokio. "Dort steigt die Konzentration folglich an, allerdings deutlich verdünnt gegenüber der Ausgangsregion", sagte der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach vorher. Am Donnerstag werde der Wind seine Richtung aber wieder Richtung Meer ändern.

Ein weiteres ungelöstes Problem ist das strahlende Wasser in der Atomruine. Zwar ist das Wasser im Keller des Fukushima-Reaktors I deutlich zurückgegangen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo vom Mittwoch sank der Wasserstand auf die Hälfte. Eine Hauptaufgabe der Einsatzkräfte ist das Abpumpen des gesamten verseuchten Wassers, doch die Arbeiter wissen derzeit nicht, wohin mit der hochgiftigen Flüssigkeit aus Block 2 und 3, wie Kyodo meldete. Es fehlte an Tanks.

Der französische Atomkonzern Areva wird fünf Nuklearexperten ins Krisengebiet schicken. Sie sollen die japanischen Arbeiter dabei unterstützen, das radioaktiv verseuchte Kühlwasser aus den teilweise zerstörten Reaktorblöcken herauszupumpen.

Japan will Sommerzeit einführen, um Strom zu sparen

Angesichte der Energieknappheit erwägt die japanische Regierung die Einführung der Sommerzeit, damit große Unternehmen Energie sparen. Bisher hatte das Land die Sommerzeit nicht eingeführt. Nach dem Erdbeben, dem Tsunami und der Reaktorkatastrophe musste Tokio den Strom in einigen Regionen zeitweise abschalten. Experten befürchten eine anhaltende Energieknappheit.

Japans Ministerpräsident Naoto Kan bezeichnete die Entwicklung als "unvorhersehbar". Kan und der US-Präsident Barack Obama wollen bei der Bekämpfung der Krise eng zusammenarbeiten. Die Einsatzkräfte versuchen unter kaum erträglichen Bedingungen, das AKW zu kühlen. Nach Experten-Einschätzung kann es Monate dauern, bis eine Kernschmelze endgültig abgewendet ist.

Die US-Regierung erwartet nur eine langsame Stabilisierung der Lage. "Derzeitige Informationen lassen vermuten, dass die Reaktoren sich langsam von dem Unfall erholen", sagte der designierte Vize-Energieminister Peter Lyons am Dienstag vor einem Ausschuss des Senates in Washington.

Nach Einschätzung der internationalen Atomenergiebehörde IAEA ist die Lage in Fukushima weiter sehr ernst. Der Nachweis von Plutoniumspuren in Bodenproben aus der Umgebung des Atomkraftwerks könnte darauf hindeuten, dass eine "sehr kleine Menge" des hochgiftigen Schwermetalls aus der Atomruine freigesetzt worden sein könnte.

mg/dpa-afx/afp
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