Überprüfung deutscher AKW Merkel sieht "Einschnitt für die Welt"

Kanzlerin Angela Merkel hat die Überprüfung deutscher Atomkraftwerke angekündigt. "Die Geschehnisse in Japan sind ein Einschnitt für die Welt", sagte Merkel am Samstagabend. Zehntausende Demonstranten in Baden-Württemberg protestierten derweil gegen die Kernenergie.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): Lagebesprechung im Kanzleramt

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): Lagebesprechung im Kanzleramt

Foto: dapd

Berlin/Stuttgart - Wenn in einem solch hoch entwickelten Land wie Japan mit höchsten Sicherheitsstandards ein solcher Unfall passiere, könne "auch Deutschland nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", sagte Merkel am Samstagabend. Selbst die Bundesregierung hatte nach eigenen Angaben am Samstag kein klares Bild der Lage in Fukushima.

Nach dem schweren Erdbeben befürchten die Behörden dort wegen der Probleme mit der Kühlung einen GAU. Merkel sagte, wahrscheinlich habe eine Kernschmelze stattgefunden. Es handele sich um eine "außergewöhnlich schwierige Situation". Doch werde das Unglück Deutschland "nach menschlichem Ermessen nicht beeinflussen".

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) riet den Deutschen im japanischen Krisengebiet zur Ausreise, zumal auch das Auswärtige Amt nur widersprüchliche Meldungen erhalte. Nach seinen Worten leben etwa 5000 Deutsche in Japan und rund 100 in dem von der Katastrophe am stärksten betroffenen Gebiet. Es gab aber zunächst keine Hinweise dafür, dass Deutsche zu Schaden gekommen seien.

Röttgen: "Beschädigung unseres Landes ausgeschlossen"

Auch Umweltminister Norbert Röttgen bekräftigte trotz der Zuspitzung der Lage, für Deutschland bestehe keine Gefahr. Der CDU-Politiker verwies auf große Entfernung zu Japan sowie Wetterlage und Windrichtung in dem Katastrophengebiet. Gleichzeitig mahnte er die Opposition: Eine politische Diskussion über die Sicherheit und Laufzeit von Kernkraftwerken in Deutschland halte er für deplaziert.

SPD und Grüne sehen dagegen sehr wohl Anlass, die Verlängerung der Laufzeiten hierzulande rückgängig zu machen. Auch die deutschen Anlagen seien für einen derartigen Notfall nicht ausgelegt, erklärte Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin. Umso unverständlicher sei es, dass Röttgen so tue, "als sei Deutschland von den Vorgängen in Japan unberührt", betonte Trittin.

Großdemonstration in Neckarwestheim

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel und SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier äußerten sich zwar sehr zurückhaltend und erinnerten an das Leid der Japaner. Doch meinte auch der frühere SPD-Chef und rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck in der "Leipziger Volkszeitung": "Gerade unter dem Eindruck eines solchen Risikos wünschen sich wohl alle vernünftigen Menschen ganz dringend, das es beim Ausstieg aus der nicht beherrschbaren Kernkraft bleibt." Seine Parteifreunde Ulrich Kelber und Matthias Miersch äußerten sich ähnlich.

Mehrere Zehntausend Demonstranten stellten sich in Baden-Württemberg bei einer längst geplanten Menschenkette von Stuttgart zum Atomkraftwerk Neckarwestheim hinter die Forderung nach einem Atomausstieg. Die Veranstalter zählten 60.000 Teilnehmer, die Polizei gab zunächst keine eigene Zahl bekannt.

Expertenstreit über deutsche Reaktoren

Ob sich an einem der 17 deutschen Reaktoren ein ähnliches Unglück wie in Japan abspielen könnte, ist unter Experten umstritten. Die Atomindustrie schließt dies aus. "Eine Verkettung eines derart schweren Erdbebens und eines schweren Tsunamis ist in Deutschland nicht vorstellbar", erklärte das Deutsche Atomforum. Gleichwohl kündigte der Chef des Atombetreibers EnBW, Hans-Peter Villis, in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" eine Analyse des Unfalls und die Prüfung von Konsequenzen an.

Der Reaktorsicherheitsexperte Michael Sailer hält es grundsätzlich für möglich, dass ähnliche Unfälle sich auch in Deutschland ereignen könnten. "Wir haben im Grundsatz die gleichen Reaktoren wie in Japan und es ist daher falsch, zu sagen, dass in Deutschland solche Unfälle unmöglich sind", sagte er der dapd. Die Umweltverbände BUND und Greenpeace vertreten die gleiche Auffassung.

kst/la/dpa/rtr/apd
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