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Explosion im Atomkraftwerk Fukushima 1 Gefahr der Kernschmelze besteht weiter

Die japanische Atomaufsicht hat die Explosion im Atomkraftwerk Fukushima als "Unfall" auf der internationalen Störfallskala eingestuft. Der Vorfall werde in die Kategorie 4 der von null bis 7 reichenden Skala eingeordnet. Die Strahlendosis vor Ort hat den zulässigen Grenzwert überschritten.

19.00 Uhr: Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte nach der Lagebesprechung mit dem Krisenstab in Berlin: "Ich verstehe jeden, der sich in Deutschland Sorgen macht." Nach "menschlichem Ermessen" sei es jedoch nicht vorstellbar, dass Deutschland von der Katastrophe in Japan betroffen sei. "Wir sind zu weit entfernt."

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17.45 Uhr: Der Kühlwasserspiegel im Problemreaktor des AKW Fukushima 1 ist auf einen Stand von 1,7 Metern gesunken - die Brennstäbe sind etwa vier Meter hoch, liegen somit zur Hälfte frei, meldet die japanische Tageszeitung Asahi. Kernkraftbetreiber Tepco hatte angekündigt, den Reaktor mit Meerwasser runterkühlen zu lassen. Der Druck im Behälter ist der japanischen Atomaufsicht zufolge noch immer relativ hoch, die Temperatur nimmt den Angaben zufolge aber ab.

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17.20 Uhr: Die japanische Atomaufsicht hat die Explosion im ersten Reaktorgebäude von Fukushima I als "Unfall" auf der internationalen Störfallskala eingestuft. Der Vorfall werde in die Kategorie Nummer vier der von null bis sieben reichenden Skala eingeordnet, teilte die Behörde mit.

Nach Angaben des deutschen Bundesamtes für Strahlenschutz können Vorfälle in dieser Kategorie eingestuft werden, wenn es zu einer geringen Freisetzung von radiaktivem Material gekommen ist und "begrenzte Schäden am Reaktorkern" aufgetreten sind. Das Atomunglück von Tschernobyl 1986 war Stufe sieben, ein sogenannter "katastrophaler Unfall".

Nach der Definition ist ein Unfall der Stufe 4 ein "Atomunfall mit lokalen Konsequenzen". Das heißt nach der IAEA-Beschreibung beispielsweise, dass geringfügig Radioaktivität an die Umwelt abgegeben wurde, was zur lokalen Kontrolle von Lebensmitteln führen könnte. Auch eine Kernschmelze oder mindestens ein Strahlentoter könnten zu der Einstufung eines Unfalls in INES-4 führen. Ebenfalls möglich ist die Freisetzung von beträchtlichen Mengen radioaktiven Materials innerhalb einer Anlage, was mit großer Wahrscheinlichkeit weiter in die Umwelt dringen könnte.

Die Stufen der INES-Skala

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17.00 Uhr: Der AKW-Betreiber Tepco und Strahlenschutzexperten der Atom- und Industriesicherheitsbehörde Nisa sind auf dem Reaktorgelände. Sie haben die Uran-Kernspaltungsprodukte Cäsium und Jod festgestellt. Daraus schliessen Tepco und Nisa die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze als hoch ein, berichten japanische Medien übereinstimmend.

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16.30 Uhr: Energiekrise nach dem Beben: Russlands Vizepremier Igor Sechin teilt mit, Japan habe Moskau gebeten, seine Energielieferungen an Japan anzukurbeln. Sechin sagte, Russland könne seine Flüssiggaslieferung kurzfristig um 150.000 Tonnen erhöhen, auch erhöhte Kohle-Lieferungen seien in Planung. Die japanische Regierung rief die Bevölkerung zugleich zum Stromsparen auf. Das rohstoffarme Land gewinnt rund 30 Prozent seines Stroms aus den landesweit 54 Atomkraftwerken.

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16.23 Uhr: Der Problemreaktor im AKW Fukushima stand nach Angaben einer internationalen AKW-Datenbank kurz vor der Stilllegung. Der Reaktor 1 des Meilers Fukushima 1 sollte nach etwa 40 Jahren in diesem Monat den Betrieb einstellen; eine Datenbank des Forschungszentrums "Nuclear Training Centre" in Slowenien nennt als "erwartetes Datum der Stilllegung" den März 2011.

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16.04 Uhr: Unklar ist, ob und wie viel Radioaktivität ausgetreten ist. Nach Angaben der Regierung ist keine erhöhte Strahlung im Umfeld des Reaktorgebäudes nachweisbar. Jedoch berichtet NHK unter Berufung auf Behörden, dass in der Nähe von Fukushima 1 1015 Mikrosievert pro Stunde gemessen wurden. Diese Strahlendosis sei doppelt so hoch wie der Grenzwert, bei dem die Betreiber von Atomkraftwerken den Notfall erklären und die Regierung informieren müssen.

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15.45 Uhr: In weiteren Atomreaktoren im Nordosten Japans werden Vorbereitungen getroffen, um "kontrolliert" Dampf aus den Reaktoren abzulassen. Das meldet die Betreibergesellschaft Tepco. Betroffen hiervon seien drei Teilreaktoren der Anlage "Fukushima Daini". Neben der Evakuierung um den explodierten Reaktor Fukushima Daiichi habe nach Tepco-Angaben die Regierung jetzt auch hier die Evakuierung in einem Radius von 10 Kilometern um das Atomkraftwerk angeordnet.

Das Atomkraftwerk Fukushima Daini, etwas südlich vom Krisenreaktor Fukushima-Daiichi gelegen, besteht aus vier Teilreaktoren, die alle infolge des Erdbebens automatisch herunterfuhren.

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14.45 Uhr: Der von einer Kernschmelze bedrohte japanische Atomreaktor Fukushima 1 soll jetzt mit Meerwasser gekühlt werden. Kabinettssekretär Yukio Edano sagte am Samstag in Tokio, die Reaktorhülle aus Stahl sei noch intakt und nicht beschädigt. Daher sei beschlossen worden, den Reaktorkern des an der Küste gelegenen Kraftwerks mit Meerwasser zu füllen.

Dem Wasser werde Borsäure beigemischt, um kritische Entwicklungen zu vermeiden. Der Füllvorgang werde fünf bis zehn Stunden dauern. Nach dem schwersten Erdbeben in der Geschichte Japans war die Kühlung des Reaktors ausgefallen. Dadurch drohte eine Kernschmelze.

Edano sagte, durch das Absinken des Kühlwasserstandes in dem Siedewasserreaktor habe sich Wasserstoff gebildet, der in das Reaktorgebäude ausgetreten sei. Dort habe sich der Wasserstoff beim Kontakt mit Sauerstoff entzündet und habe die Explosion verursacht, durch die das Reaktorgebäude eingestürzt sei. Im Inneren der Stahlreaktorhülle habe es aber keine Explosion gegeben.

Es sei auch noch keine große Menge Radioaktivität ausgetreten, sagte Edano, der die Bevölkerung erneut aufrief, Ruhe zu bewahren. Um Druck aus dem Reaktorkern abzulassen, hatten die Betreiber ein Ventil geöffnet. Dadurch war auch Radioaktivität in die Umgebung gelangt.

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13.15 Uhr: Japan scheint den Unglücksmeiler Fukushima 1 trotz schwerer Explosionen in der Anlage zumindest vor dem Kollaps schützen zu können. Zwar spricht die japanische Regierung von einer "nie dagewesenen Katastrophe". Auch wurde die Evakuierungszone ausgeweitet, viele Menschen fliehen aus Angst vor einer Katastrophe ähnlich der in dem russischen Atomkraftwerk Tschernobyl vor Jahrzehnten.

Doch nach der Explosion in der japanischen Atomanlage ist nach Angaben der Regierung keine erhöhte Strahlung im Umfeld des Reaktorgebäudes nachweisbar. Das Stahlgehäuse, das den Reaktor schütze, sei beim Einsturz der umgebenden Wände nicht beschädigt worden, sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Samstag. Der nach dem Ausfall des Kühlsystems zuletzt stark angestiegene Druck im Reaktor nehme zudem wieder ab.

Japans Premierminister Naoto Kan hat sich deshalb mittlerweile zwar auch besorgt über die Lage nach dem Atomunfall gezeigt, aber nicht von einer Kernschmelze im beschädigten Atomkraftwerk Fukushima gesprochen. Die Explosion vom Nachmittag werde zu keinem größeren radioaktiven Leck führen, sagte anschließend sein Regierungssprecher Yukio Edano.

Bereits kurz nach der Explosion im japanischen Atomkraftwerk Fukushima 1 ging Japans Behörde für Atomsicherheit nicht von schweren Schäden am Sicherheitsbehälter des Reaktors aus. Dies sei unwahrscheinlich, erklärte die Behörde nach Angaben der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo am Samstag in Tokio. Aus Sicherheitsgründen dehnten die Behörden den Umkreis um das schwer beschädigte Atomkraftwerk, der evakuiert werden sollte, aber deutlich von zehn und 20 Kilometer aus.

Die Regierung hatte angeordnet, dass alle Menschen in diesem Umkreis das Gebiet verlassen müssten, berichteten japanische Medien. Die Behörden unternähmen alles, "um die Sicherheit der Bewohner sicherzustellen", sagte Regierungssprecher Yukio Edano bei einer Pressekonferenz. Zuvor waren bereits 45.000 Bewohner aufgefordert worden, das Gebiet um Fukushima 1 zu verlassen.

"Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es keine Auswirkungen auf Europa geben. Die Abstände sind einfach zu groß", sagte Atomexperte Christoph Pistner vom Darmstädter Öko-Institut. "Tschernobyl war viel näher", betonte Pistner.

Die Auswirkungen der Reaktorkatastrophe aus dem Jahr 1986 seien noch immer in einigen Regionen Deutschlands zu spüren. So seien Pilze und andere Pflanzen in einigen Teilen Bayerns so stark belastet, dass das Fleisch der sie fressenden Wildschweine auch heute nicht gegessen werden könne. "Und die Regionen um Tschernobyl sind natürlich noch immer hoch kontaminiert."

Sollten der Druck im Sicherheitsbehälter des beschädigten Atomkraftwerks in Fukushima zu groß geworden und Teile zerplatzt sein, so gebe es keine Barriere mehr und die Radioaktivität könne in großem Umfang frei gesetzt werden. "Dann kommt es auf die Windverhältnisse, die Witterung und auf deren Stabilität an", sagte der Fachmann für Nukleartechnik und Anlagensicherheit. "Die Informationssituation ist derzeit aber sehr unklar."

In der Atomanlage Fukushima 1 im Nordosten des Landes waren durch eine Explosion das Dach und Mauern eines Reaktorgebäudes zerstört worden, was Sorge über eine nukleare Katastrophe auslöste. Wie in Fukushima 1 waren auch am zwölf Kilometer entfernten Atomkraftwerk Fukushima 2 massive Probleme am Kühlsystem aufgetreten.

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12.45 Uhr: Japans Kabinettchef Yukio Edano erklärt, es habe eine Explosion in der Anlage gegeben, nicht aber in der Reaktorhülle. Dabei sei Radioaktivität freigesetzt worden, deren Menge aber zurückgegangen sei und auf niedrigem Niveau liege.

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11.30 Uhr: Japans Behörde für Atomsicherheit hält der Agentur Kyodo zufolge schwere Schäden an der Hülle des Atomreaktors Fukushima 1 für unwahrscheinlich. Die Regierung bestätigte, dass der Evakuierungsradius um das AKW auf 20 Kilometer ausgeweitet wurde.

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11 Uhr: Laut einem Fernsehbericht wurde der Evakuierungsradius um das Atomkraftwerk Fukushima 1 auf 20 Kilometer ausgeweitet. Die Betreiberfirma Tepco kündigt für 11.30 Uhr MEZ eine Pressekonferenz zu Stromausfällen an.

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10.05 Uhr: Kabinettschef Yukio Edano bestätigt das Entweichen von Radioaktivität aus dem AKW Fukushima 1.

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9.30 Uhr: Nach einer Explosion im Atomkraftwerk Fukushima 1 ist das Dach des Reaktorgebäudes eingestürzt. Das meldet die Nachrichtenagentur Jiji unter Berufung auf die Präfektur. Vier Personen seien nach der Explosion in ein Krankenhaus gebracht worden. Über ihren Zustand gibt es keine Angaben

kst/dpad/rtr
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