Motorverschleiß Autoexperten warnen vor Biosprit E10

Die Einführung des neuen Biokraftstoffs E10 ging zwar gründlich daneben - die Bundesregierung weißt Kritik aber weit von sich. Skeptisch äußern sich neben Verbraucherschützern nun auch die Autobauer. Der Biosprit könne den Motorverschleiß beschleunigen, heißt es. Bei allen Autos.
Ungenutzter Zapfhahn: Der Biosprit E10 wird bislang von den Autofahrern verschmäht

Ungenutzter Zapfhahn: Der Biosprit E10 wird bislang von den Autofahrern verschmäht

Foto: Daniel Karmann/ dpa

Berlin - Der sogenannte Biosprit E10 erhöht nach Ansicht einiger Experten bei allen Autos den Motorverschleiß und macht unter Umständen häufigere Ölwechsel erforderlich. Durch den hohen Ethanolanteil nehme die Wassermenge im Motor zu, sagte Thomas Brüner, der Leiter der Mechanikentwicklung bei BMW, der "Welt am Sonntag". "Das Wasser kondensiert aus den Verbrennungsgasen und gelangt ins Öl, das dadurch verdünnt wird und schneller altert." Je nach Land und der dort verfügbaren Kraftstoffqualität könne es daher sein, dass die Intervalle für einen Ölwechsel verkürzt werden müssten.

Experten rieten Autofahrern laut "WamS" dazu, sicherheitshalber häufiger den Peilstab zur Kontrolle des Ölstandes zu ziehen. Wenn dieser statt eines niedrigeren plötzlich einen höheren Ölpegel als bei der vorigen Kontrolle anzeige, bestehe ein Verdacht auf Ölverdünnung. Dies gelte grundsätzlich für alle Autos, nicht nur für die knapp 10 Prozent der in Deutschland zugelassenen Fahrzeuge, für die das Tanken von E10 ohnehin nicht empfohlen wird.

Ein BMW-Sprecher betont indes auf Anfrage am Sonntag, an der grundsätzlichen Einschätzung habe sich nichts geändert. "In allen BMW-Pkw Modellen sämtlicher Baujahre ist der unbedenkliche Einsatz von E10 Kraftstoffen möglich", heißt es in einem Informationsschreiben. Ein Daimler-Sprecher sagte, es gebe keine Erkenntnisse, dass Wagen des Stuttgarter Herstellers wegen des neuen Kraftstoffs häufiger zum Ölwechsel müssten oder andere Probleme hätten. 95 Prozent der Daimler-Autos, die jünger als 25 Jahre sind, schafften es "locker", mit dem E-10-Benzin klarzukommen.

Ohnehin scheint es jedoch fraglich, ob sich die Autofahrer noch für das neue, grüne Benzin begeistern lassen, zumal die Klimabilanz von E10 umstritten ist. Ifo-Chef Hans-Werner Sinn etwa prangert Biosprit als teuren Irrweg an. Und obwohl die Konkurrenz Tank und Teller von der Regierung bestritten wird, malt die Nahrungsmittelindustrie bereits das Schreckgespenst steigender Lebensmittelpreise wegen E10 an die Wand - weil es für Landwirte oft attraktiver ist, Weizen, Mais oder Zuckerrüben für die Ethanolproduktion zu verkaufen.

Auch deshalb gehört der Bauernverband derzeit zu den besonders eifrigen E10-Verteidigern. Der Verband der Biokraftstoffindustrie (VDB) betont, dass die Getreidekosten bei einem Brot nur etwas über 4 Prozent des Endpreises betragen.

Unterdessen hat Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) den umstrittenen Biokraftstoff E 10 verteidigt. "Die Einführung von Biokraftstoffen dient dazu, unsere Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren. Darüber gibt es einen Konsens über die Parteigrenzen hinweg", sagte Röttgen. Er widersprach der Behauptung, der mit biologisch gewonnenem Ethanol versetze Sprit würde zwangsweise eingeführt: "Die Politik verpflichtet die Industrie lediglich zur Einhaltung einer bestimmten Biokraftstoffquote, die zwar gestiegen, aber nicht neu ist und bislang immer so gut wie erfüllt werden konnte."

"Verwirrung an der Zapfsäule muss ein Ende haben"

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) macht die Benzinhersteller für das Chaos bei der E10-Einführung verantwortlich. "Die Mineralölwirtschaft muss die Informationsdefizite erläutern und die Aufklärung der Verbraucher wesentlich verbessern", forderte der Minister. "Die Verwirrung an der Zapfsäule muss ein Ende haben."

Ein Benzin-Gipfel am Dienstag soll endlich das weitere Vorgehen festlegen. Die Zusammenkunft sei allerdings eher "ein Gipfel der Nachsorge, weil die Bundesregierung die vorsorgende Koordination vergessen hat", sagte der Vorsitzende des Verkehrausschusses im Bundestag, Winfried Hermann (Grüne). Er fordert ein vorläufiges Aus für das Biospritprojekt. Es müsse zunächst geklärt werden, welche Motoren den Sprit wirklich vertrügen und worin der ökologische Nutzen bestehe.

Der Energieexperte des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv), Holger Krawinkel, hält die Verbraucherproteste gegen E10 für "völlig rational". Dem Autofahrer werde ein ökologisch fragwürdiger Kraftstoff mit geringerer Energiedichte aufgenötigt, der zu Mehrverbrauch führt und ohne jeden Garantieanspruch den Motor schädigen könne, worüber sich der Autofahrer aber selbst die nötigen Informationen beschaffen solle. "Kein Wunder, dass der dann sagt: Ihr könnt mich grad mal", sagte Krawinkel. Aus seiner Sicht sei der Kunden-Aufstand eigentlich eine gute Nachricht. "Die Politik muss sich jetzt endlich überlegen, wie sie die ökologische Erneuerung des Energiesystems vom Kopf auf die Füße stellt."

Weil verunsicherte Autofahrer trotz der höheren Preise lieber Super Plus als E 10 tanken, gibt es derzeit ein Überangebot des Biokraftstoffs und Engpässe bei Super Plus. Der Mineralölwirtschaftsverband hatte daher am Donnerstag angekündigt, vorerst keine weiteren Raffinerien auf die Produktion des neuen Treibstoffs umzustellen. Nach Informationen aus der Branche lehnten 60 bis 70 Prozent der Autofahrer ab, die neue Spritsorte zu tanken.

E10 wird seit Beginn des Jahres in Deutschland eingeführt. Damit soll der Ausstoß des Klimagases CO2 reduziert werden - trotz der Mahnung von Umweltverbänden, die glauben, dass die Klimabilanz von E10 sogar negativ ist. Es enthält entsprechend einer EU-Richtlinie bis zu zehn Prozent Bioethanol aus nachwachsenden Rohstoffen. Zuvor wurden nur fünf Prozent ins Benzin gemischt.

cr/dapd/afp/dpa
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