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Zwangslage: Aufschwungbürde Inflation

Foto: Jens Büttner/ picture-alliance/ dpa/dpaweb

Globale Inflationsspirale 20 Prozent auf alles

Eskalierende Preise treiben tausende Inder auf die Straßen, in China warnt Premier Wen Jiabao vor Unruhen: Ein Inflations-Tsunami droht das boomende Asien zu überfluten, das Deutschland aus der Rezession zu ziehen half. Jetzt fürchten Ökonomen Schockwellen bis nach Deutschland.
Von Markus Gärtner

Hamburg - Auf Europa und die USA rollt eine Inflationslawine zu. Der Ölpreis beispielsweise ist binnen eines Monats um 15 Prozent gestiegen, seit Sommer um die Hälfte. Baumwolle kostet 148 Prozent mehr als vor einem Jahr - und ist jetzt teurer als während des amerikanischen Bürgerkriegs. In der Euro-Zone klettern die Erzeugerpreise auf Monatsbasis so schnell wie seit 1982 nicht mehr. Mit einem Wort: Der Inflations-Tsunami aus den Schwellenländern passiert gerade unsere Landesgrenze. Kein Zöllner kann ihn aufhalten. Wie auch? Schon hat der Preisauftrieb globale Dimensionen erreicht.

In Neu Delhi marschieren Tausende Inder durch die Straßen und protestieren gegen eskalierende Preise. In China warnt Premier Wen Jiabao vor sozialen Unruhen - und schreibt im neuen Fünfjahresplan niedrigere Wachstumsraten fest, um der Inflationsgefahr zu begegnen. Der Regierungschef weiß, dass die eskalierenden Preise im Zusammenspiel mit rasant steigenden Löhnen auch die aufstrebende Wirtschaftsmacht China gefährden.

In Nordafrika und dem Nahen Osten fallen ja gerade jahrzehntealte Regime wie Dominosteine - erst in Tunesien, dann in Ägypten, vielleicht bald in Libyen. Und in allen Fällen sind dort himmelstürmende Preise für Nahrung und Energie im Spiel. Und im reichen Westen? In Foren im US-Internet schimpfen Teilnehmer, dass sie an der Tankstelle jetzt schon für die Luft in den Reifen zahlen müssen. Selbst Kavalier-Starts an der Ampel werden teurer.

Sicher, über solch Galgenhumor kann man noch schmunzeln. Der in Anlegerkreisen bekannte Geschäftsführer der Handelsbank Tangent Capital Partners in New York, Jim Rickards, vergleicht die aufwogende Inflation allerdings bereits lieber mit einer Schneelawine: "Sie werden nie herausfinden, welches Flöckchen die Walze ausgelöst hat, aber sie wird das ganze Dorf platt machen", sagte Rickards.

Insbesondere im boomenden Asien, das den Westen nach der Finanzkrise wie ein Hafenschlepper aus der Rezession ziehen half, stellen die eskalierenden Ölpreise eine riesige Herausforderung dar. Alleine die Ölrechnung machte im vergangenen Jahr im Schnitt 6 Prozent der jeweiligen Wirtschaftsleistung der Asientiger aus, rechnen Experten der Schweizer Großbank UBS vor. Das heißt: Steigt der Ölpreis um 10 Prozent - wie seit Ende Februar - dann wächst die Wirtschaftsleistung der Tigerländer um 0,6 Prozentpunkte langsamer und Europas und Amerikas Exporten droht ein Dämpfer. Und das gilt gerade auch für Deutschland.

Düstere Prophezeiungen schockieren Verbraucher

Kaum eine andere etablierte Volkswirtschaft hat zuletzt so stark vom Asienboom profitiert, wie die deutsche. " Derzeit exportieren wir noch etwas mehr in die USA als nach China. Doch mit etwas Glück könnte China schon in zwei Jahren ein wichtigerer Markt sein als die Vereinigten Staaten", sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Schon 2010 stieg China zum größten Absatzmarkt für deutsche Exporteure außerhalb Europas auf. Vielleicht ist es diese Aussicht, die seit Tagen nun doch drastischere Warnungen provoziert: "Die Preiseskalation nicht zuletzt aufgrund steigender Ölpreise wird ein globaler Schock werden", prophezeit Kaushik Basu düster, der Berater des indischen Finanzministers. Wie stark der Schock schon jetzt ausfällt, hat die US-Notenbank geschätzt.

Nach Meinung der US-Ökonomen bremst jeder Anstieg der Ölnotierungen um 10 Dollar die Konjunktur 0,2 Prozentpunkte. Das wären seit Ende 2010 allein schon 0,4 Prozentpunkte. Das mag sich im ersten Moment nicht dramatisch anhören. Aber sollte die Daumenpeilung der Ökonomen in etwa stimmen, würde der höhere Ölpreis binnen weniger Wochen aufzehren, was nach Vorhersage der US-Notenbanker die gesamte US-Konjunkturbeschleunigung in diesem Jahr hätte werden können.

"Wir haben eine Menge Inflation im System und es wird noch viel schlimmer werden", begrüßte der republikanische Abgeordnete Ron Paul aus Texas dann auch vergangene Woche Ben Bernanke zu dessen Anhörung in Washington. Paul machte Bernanke darauf aufmerksam, dass ihm seine "Quellen" von 9 Prozent Teuerung in den USA berichten. Das klingt plausibel, wenn man sich die Webseite "The Billion Prices Project" am renommierten Massachusetts Institute of Technology anschaut. Dort werden täglich Preise für weltweit fünf Millionen Produkte aus dem Einzelhandel gesammelt.

Die US-Inflation zu Jahresbeginn 2011 hat laut dieser Quelle 10 Prozent erreicht. Allein der Anstieg der Benzinpreise seit dem Börsentief im März 2009 kostet die US-Autofahrer jährlich 224 Milliarden Dollar mehr. Das ist 18 Prozent der privaten Einkommensteuer und entspricht Portugals Wirtschaftsleistung. So etwas kann nicht spurlos an der größten Volkswirtschaft auf dem Globus vorüber ziehen. Und das tut es auch nicht. Im Gegenteil.

Amerikas Konsumfans wandern in Billig-Shops

Obwohl der Großteil der Inflation noch in den globalen Lieferketten steckt und westliche Supermarkt-Regale noch gar nicht erreicht hat, sind die Schleifspuren bereits gut erkennbar. Amerikas Geiz-ist-geil-Tempel, Wal-Mart, verbucht seit sieben Quartalen rückläufige Umsätze in den US-Märkten, weil die Konsumenten in die noch billigeren "Dollar Shops" ausweichen. Preisbewusste Anbieter wie Amazon und Best Buy weiten unterdessen ihre "Buy Back"-Progamme, bei denen sie Kunden gebrauchte Ware billig wieder abkaufen, ständig aus. Nur so können sich viele Verbraucher in Amerika neue Einkäufe überhaupt noch leisten.

Das bedeutet: Die Inflation fährt der noch jungen Erholung der US-Konjunktur bereits spürbar in die Parade. "Die Erholung ist erst zwei Jahre alt", sagt der Chefökonom des Prognoseunternehmens Economic Outlook Group in Princeton, Bernard Baumohl, "und jetzt noch Inflation, das Timing ist miserabel".

In der Tat: Während man an der Wall Street noch die glänzenden Indexzahlen zur Konsumstimmung von Anfang Januar oder Februar feiert, zeigt der Marktforscher Gallup auf seiner Webseite ganz aktuelle Umfragewerte, die bei weitem schlechter aussehen. Demnach haben US-Konsumenten in Supermärkten, Restaurants und Tankstellen in den vergangenen Wochen weniger als im schwachen Frühjahr 2009 ausgegeben. Der "Gallup Economic Confidence Index" brach seit Mitte Februar von -18 auf -30 Punkte ein. Und das ist nicht das Ende der Fahnenstange.

Weiter steigende Preise werden an der Kaufkraft zusätzlich zehren. "Wir sehen Auftrieb in der Kerninflationsrate, weil sich die höheren Nahrungsmittelpreise noch durch die Lieferkette schieben, das wird die Budgets der privaten Haushalte belasten", sagt der Chefökonom bei Goldman Sachs, Jan Hatzius. Die galoppierende Inflation trifft US-Verbraucher zu einer Zeit, in der sie ihre Schulden mühsam von 160 Prozent des verfügbaren Einkommens auf 146 Prozent reduziert haben.

China führt Preiskontrollen ein

Vor allem in den Schwellenländern versuchen Notenbanken und Regierungen nun fieberhaft, das Inflations-Gespenst zu bändigen: Thailand führt Preislimits auf Nahrung ein und erhöht die Subventionen. Indische Stahlkocher versuchen mit Hilfe der Regierung, australische Eisenerzminen zu kaufen, um sich von den wilden Preiskapriolen abzukoppeln. China erhöht die Freibeträge für die Einkommensteuer, führt Preiskontrollen ein, setzt das Wachstumsziel herunter und hat schon drei Mal seit dem Oktober die Leitzinsen angehoben. Spanien verhängt Tempolimits auf den Autobahnen und wappnet sich mit billigen Bahntickets. Indien, wo die Nahrungspreise ein Zehnjahreshoch erreicht haben, will die Löhne im Hinterland an die Inflationsrate koppeln, um Unruhen zu vermeiden.

Doch US-Zentralbank-Chef Ben Bernanke will von Inflation nichts wissen.

Er befand vorige Woche in seiner halbjährlichen Kongress-Anhörung, "das Risiko einer Deflation ist vernachlässigbar geworden". Das klingt wie jemand, der bei Lawinenalarm darauf hinweist, dass kein Schneemangel herrsche - und zwar bewusst. Denn Bernanke weiß, dass sich die USA derzeit schlicht keine höheren Zinsen leisten können.

Im jüngsten "Global Strategy"-Papier hat die Societe Generale vorgerechnet, dass allein die Zinsen auf die aktuellen US-Schulden 37 Prozent der Staatseinnahmen verschlingen würden - statt derzeit 15 Prozent - wenn die Zinsen auf 6,9 Prozent stiegen. So hoch mussten die USA im Schnitt seit dem Zweiten Weltkrieg ihre Anleihen verzinsen. Darauf allerdings wird vielleicht bald niemand mehr Rücksicht nehmen können.

Kurz vor der Ölpreis-Schmerzgrenze

Vor allem die drohende Kettenreaktion von Umstürzen im Nahen Osten alarmiert viele Beobachter an den Finanzmärkten: "Die Iran-Krise im Jahr 1979 spielte sich nur in einem Land ab, jetzt haben wir es mit so vielen Ländern auf einmal zu tun", sagt der Chef der Rohstoffanalyse bei Barclays Capital, Paul Horsnell. Führende Banken wie die Deutsche und Goldman Sachs sehen die Schmerzgrenze der Weltwirtschaft bei etwa 120 Dollar je Barrel Öl; der Preis für die Sorte Brent notierte zum Ende des Handels am vergangenen Donnerstag bereits knapp unter 115 Dollar.

Und während die japanische Investmentbank Nomura warnt, der Ölpreis könne auf 220 Dollar je Barrel ansteigen wenn Libyen und Algerien die Produktion anhalten, erschrecken sich Firmen auf der ganzen Welt, wie wenig sie von den gestiegenen Kosten für Vorprodukte, Rohstoffe und Energie an die Verbraucher weitergeben können.

Hotels beispielsweise sehen sich mit knauserigen Urlaubern und Geschäftsreisenden konfrontiert. Best Western, die mit 4000 Herbergen weltweit größte Kette der Branche, muss Leinentücher für Doppelbetten jetzt zu 116 Dollar das Stück einkaufen, anstatt zu 72 Dollar, wie im vergangenen Jahr. Handtücher für die Bäder in den Hotelzimmern sind binnen eines Jahres 54 Prozent teurer geworden.

Wenn der Ölpreis weiter steigt, werden ohnehin weniger Reisende in den Hotels absteigen. Die Airlines tun sich besonders schwer. Für die US-Fluglinien war 2010 zwar das beste Jahr in einem Jahrzehnt, doch nur bei einer hauchdünnen Gewinnmarge von 2 Prozent. United, Continental, Delta und American mussten vergangene Woche ihre jüngste Preisanhebung für Inlandsflüge von 20 Dollar halbieren, weil sie gegen die Discount-Airlines nicht durchzusetzen war.

Von fünf solchen Versuchen in diesem Jahr gelten die meisten als gescheitert. Auf manchen Flügen zwischen New York und Paris oder Frankfurt sind die Benzinzuschläge jetzt teurer als das eigentliche Ticket. Die Inflationslawine ist Europa und den USA schon riskant nahe gekommen.

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