Donnerstag, 22. August 2019

Globale Inflationsspirale 20 Prozent auf alles

Zwangslage: Aufschwungbürde Inflation
AFP

2. Teil: Amerikas Konsumfans wandern in Billig-Shops

Obwohl der Großteil der Inflation noch in den globalen Lieferketten steckt und westliche Supermarkt-Regale noch gar nicht erreicht hat, sind die Schleifspuren bereits gut erkennbar. Amerikas Geiz-ist-geil-Tempel, Wal-Mart, verbucht seit sieben Quartalen rückläufige Umsätze in den US-Märkten, weil die Konsumenten in die noch billigeren "Dollar Shops" ausweichen. Preisbewusste Anbieter wie Amazon und Best Buy weiten unterdessen ihre "Buy Back"-Progamme, bei denen sie Kunden gebrauchte Ware billig wieder abkaufen, ständig aus. Nur so können sich viele Verbraucher in Amerika neue Einkäufe überhaupt noch leisten.

Das bedeutet: Die Inflation fährt der noch jungen Erholung der US-Konjunktur bereits spürbar in die Parade. "Die Erholung ist erst zwei Jahre alt", sagt der Chefökonom des Prognoseunternehmens Economic Outlook Group in Princeton, Bernard Baumohl, "und jetzt noch Inflation, das Timing ist miserabel".

In der Tat: Während man an der Wall Street noch die glänzenden Indexzahlen zur Konsumstimmung von Anfang Januar oder Februar feiert, zeigt der Marktforscher Gallup auf seiner Webseite ganz aktuelle Umfragewerte, die bei weitem schlechter aussehen. Demnach haben US-Konsumenten in Supermärkten, Restaurants und Tankstellen in den vergangenen Wochen weniger als im schwachen Frühjahr 2009 ausgegeben. Der "Gallup Economic Confidence Index" brach seit Mitte Februar von -18 auf -30 Punkte ein. Und das ist nicht das Ende der Fahnenstange.

Weiter steigende Preise werden an der Kaufkraft zusätzlich zehren. "Wir sehen Auftrieb in der Kerninflationsrate, weil sich die höheren Nahrungsmittelpreise noch durch die Lieferkette schieben, das wird die Budgets der privaten Haushalte belasten", sagt der Chefökonom bei Goldman Sachs, Jan Hatzius. Die galoppierende Inflation trifft US-Verbraucher zu einer Zeit, in der sie ihre Schulden mühsam von 160 Prozent des verfügbaren Einkommens auf 146 Prozent reduziert haben.

China führt Preiskontrollen ein

Vor allem in den Schwellenländern versuchen Notenbanken und Regierungen nun fieberhaft, das Inflations-Gespenst zu bändigen: Thailand führt Preislimits auf Nahrung ein und erhöht die Subventionen. Indische Stahlkocher versuchen mit Hilfe der Regierung, australische Eisenerzminen zu kaufen, um sich von den wilden Preiskapriolen abzukoppeln. China erhöht die Freibeträge für die Einkommensteuer, führt Preiskontrollen ein, setzt das Wachstumsziel herunter und hat schon drei Mal seit dem Oktober die Leitzinsen angehoben. Spanien verhängt Tempolimits auf den Autobahnen und wappnet sich mit billigen Bahntickets. Indien, wo die Nahrungspreise ein Zehnjahreshoch erreicht haben, will die Löhne im Hinterland an die Inflationsrate koppeln, um Unruhen zu vermeiden.

Doch US-Zentralbank-Chef Ben Bernanke will von Inflation nichts wissen.

Er befand vorige Woche in seiner halbjährlichen Kongress-Anhörung, "das Risiko einer Deflation ist vernachlässigbar geworden". Das klingt wie jemand, der bei Lawinenalarm darauf hinweist, dass kein Schneemangel herrsche - und zwar bewusst. Denn Bernanke weiß, dass sich die USA derzeit schlicht keine höheren Zinsen leisten können.

Im jüngsten "Global Strategy"-Papier hat die Societe Generale vorgerechnet, dass allein die Zinsen auf die aktuellen US-Schulden 37 Prozent der Staatseinnahmen verschlingen würden - statt derzeit 15 Prozent - wenn die Zinsen auf 6,9 Prozent stiegen. So hoch mussten die USA im Schnitt seit dem Zweiten Weltkrieg ihre Anleihen verzinsen. Darauf allerdings wird vielleicht bald niemand mehr Rücksicht nehmen können.

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