Sonntag, 22. September 2019

Biospritpleite Bauernaufstand gegen E10-Verknappung

Vorerst reduziert: Mineralölbranche drosselt E10-Produktion

Weil hierzulande kaum jemand den teuren Biosprit E10 tanken möchte, dreht die Ölbranche den E10-Hahn vorerst weit zu. Das werden die Bundesbürger verschmerzen. Doch unter den Biosprit-Profiteuren im Agrarbusiness ist die Aufregung groß.

Berlin - Die Ankündigung glich einem Paukenschlag: Die Mineralölbranche in Deutschland fährt die Produktion der neuen Biospritsorte E10 zurück, weil die Autofahrer in der Bundesrepublik davon nichts in die Tanks ihrer Karossen gießen wollen. Grund genug für Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), "zeitnah zu einem Benzin-Gipfel" einzuladen. An dem werden dann wohl auch die wahren Profiteure der Biospritbeimischung teilnehmen.

Für Landwirte beispielsweise ist die Kraftstoffbranche geradezu ein neues Geschäftsfeld. Die 10 Prozent Ethanol, die der Spritsorte E10 beigemischt werden, werden etwa aus Weizen, Rüben oder Mais gewonnen. Und den liefern die Bauern. Das ist ein gutes Nebengeschäft zum herkömmlichen Anbau von Lebensmitteln, die auf den Tisch der Bundesbürger gelangen sollen. Und die neue Biosprit-Bonanza scheint für die Landwirte auch noch mit jeder neuen Biospritverordnung der Bundesregierung lukrativerer zu werden.

Schon den herkömmlichen Super- und Super Plus-Sorten wird aus Umweltschutzgründen Bioethanol beigemischt. Der Anteil war jedoch mit 5 Prozent auf die Hälfte der jetzigen Regelung begrenzt. Daher heißen die alten Spritsorten auch E5 - und bescherten den Landwirten nur halb so gute Absatzchancen, wie die jetzt gültige E10-Verordnung. Mittlerweile haben auch ausländische Bauern diese erweiterte Profitchance erkannt und produzieren etwa die gesuchten Rüben entsprechend kräftig. Und das macht sich mittlerweile schon in anderen Branchen bemerkbar, auf deren Preisänderungen die Bundesbürger oft höchst sensibel reagieren: die der Nahrungsmittelindustrie.

Höhere Lebensmittelpreise befürchtet

"E10 trägt zur Verteuerung von Lebensmitteln bei", sagt der Chef des Feinkostherstellers Carl Kühne, Andreas Schubert, gegenüber manager magazin. "Alkohol, den wir für die Herstellung von Essig benötigen, ist deutlich teurer geworden. Das liegt vor allem daran, dass er Benzin beigemischt wird. Plötzlich ist Zucker, der als Ausgangsprodukt für Alkohol immer billig war, ein teurer Rohstoff geworden." Als Folge würden sich zahlreiche Produkte seines Unternehmens verteuern - zu Lasten auch der Verbraucher.

Auch Umweltverbände und Hilfsorganisationen kritisieren die gegenwärtigen Herstellungsprozesse von Biotreibstoffen. "Ihr Anbau zerstört indirekt Lebensräume, konkurriert mit der weltweiten Nahrungsmittelproduktion und verschlingt massenhaft Dünger", urteilt beispielsweise der Verkehrsclub Deutschland. Da zudem oft Wälder für den Anbau der benötigten Pflanzen gerodet würden, sei Agrokraftstoff um "81 bis 167 Prozent klimaschädlicher als der herkömmliche fossile Sprit", befindet der Verband unter Berufung auf eine Studie des Institute for European Environmental Policy (IEEP).

Gerd Sonnleitner, Chef der deutschen Bauernlobby und damit auch Vertreter der Biosprit-Profiteure, will das so natürlich nicht stehen lassen. "Was die Umweltverbände verbreiten, ist völlig inakzeptabel", sagte Gerd Sonnleitner, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Mit E-10 könnten im Vergleich zu fossilen Energieträgern durch den Einsatz von Bioethanol 50 bis 60 Prozent der Klimagase eingespart werden. "Außerdem verschweigen die Umweltaktivisten, dass wir pro Hektar Bioethanol-Erzeugung - je nach Ertrag und Produkt - zwischen zwei und vier Tonnen höchstwertiges Futter-Eiweiß produzieren", sagte Sonnleitner. Dies müsse dann nicht aus Brasilien, Argentinien und anderen Ländern importiert werden.

Sonnleitner steht in einer Phalanx mit anderen Profiteuren der Biospritverordnung, etwa dem MDax-Konzern Südzucker und dessen Aktionären. Das Südzucker-Tochterunternehmen und Bioethanolhersteller Cropenergies beispielsweise meldete erst im Januar einen um den Faktor acht gestiegenen Gewinn - und verwies dabei auf die gesteigerte Produktion von Bioethanol.

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