Gaspipeline Nabucco Bedingt lieferbereit

Die Gaspipeline Nabucco soll Europas Abhängigkeit von russischen Importen senken. Doch neben explodierenden Kosten und Gazproms Konkurrenzprojekt South Stream sorgen Unruhen in potenziellen Lieferländern für Unsicherheit. Die Energiekonzerne OMW und RWE verbreiten indes Optimismus.
Von Kristian Klooß
Preisschub: Gas-Pipelines wie diese bestehen aus Stahl, was derzeit die Baukosten verteuert

Preisschub: Gas-Pipelines wie diese bestehen aus Stahl, was derzeit die Baukosten verteuert

Foto: ASSOCIATED PRESS/ MICHAEL PROBST

Hamburg - Der Abend in der Wiener Staatsoper war schön gewesen. Auf dem Programm stand ein Werk des italienischen Komponisten Giuseppe Verdi - Nabucco. Eine Oper über das Streben des jüdischen Volkes nach Befreiung aus der babylonischen Unterdrückung. Beim anschließenden Abendessen war die Sache für die Gruppe der Manager, die vom österreichischen Energieversorger OMV eingeladen worden waren, klar: Die neue Pipeline, die Europa von der Abhängigkeit vom Energielieferanten Russland befreien sollte, würde den Namen "Nabucco" tragen.

Quer durch das Kaspische Meer und über den Kaukasus sollte sie verlaufen. Durch 3300 Kilometer Rohrleitungen sollten Erdgas aus Aserbaidschan, Turkmenistan und dem Irak, möglicherweise auch dem Iran und Ägypten, quer durch die Türkei über Bulgarien, Rumänien und Ungarn bis nach Österreich zischen. Rund 31 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich sollten es sein - was im Jahr 2020 rund 5 Prozent der europäischen Gasversorgung entsprechen würde. Die ersten Lieferungen waren für das Jahr 2010 geplant.

Der gemeinsame Opernabend fand im Jahr 2002 statt. Doch bis heute ist kein Gasliefervertrag unterschrieben.

In diesem März, so hofft das Konsortium, soll es nun endlich soweit sein. 2012 sollen dann die Bauarbeiten an der Pipeline beginnen. Für 2015 ist nach Aussage der Betreiber OMV  und RWE  mit einer Inbetriebnahme zu rechnen.

Doch ob sich der Termin diesmal halten lässt, ist nicht gewiss. Denn dem wichtigsten Ziel, der Unabhägigkeit vom russischen Gas, stehen gleich mehrere Probleme gegenüber, von denen jedes einzelne den Projekterfolg gefährden kann.

Ein Vorteil, viele Probleme

Allen voran ist da die Ankündigung des russischen Staatskonzerns Gazprom , eine eigene Pipeline namens "South Stream" zu bauen. Diese Pipeline würde sich von der südrussischen Küste auf einer Länge von rund 900 Kilometern durch das Schwarze Meer nach Bulgarien schlängeln. Von dort soll das Gas dann auf zwei Routen über Italien und den Balkan in Europa verteilt werden. 63 Milliarden Kubikmeter Gas sollen künftig durch die russischen Rohre fließen.

Stellt das Projekt an sich schon eine gewaltige Konkurrenz da, tut die russische Seite vieles dafür, dem Nabucco-Konsortium den Bau der eigenen Pipeline weiter zu erschweren. So versucht Gazprom hinter den Kulissen, Partner aus dem Nabucco-Projekt auf seine Seite zu ziehen. Die OMV konnte der russische Staatskonzern zumindest dafür gewinnen, ein rund 50 Kilometer langes Teilstück South Streams mitzubauen und an das östereichische Gasnetz anzuschließen. Eine Machbarkeitsstudie wird derzeit erarbeitet.

Auch mit der RWE würde Gazprom nur zu gerne ins Geschäft kommen. "Das ist ein unsittliches Angebot aus Russland", sagte ein mit dem Projekt befasster RWE-Topmanager dazu gegenüber dem Handelsblatt. Prüfen werde man diese Offerte aber dennoch.

Nabucco-Konsortium sieht sich von Revolten nicht beeinflusst

Die Russen belassen es im Übrigen nicht dabei, die Wettbewerber zu umwerben. Sie buhlen auch um Gas aus Ländern wie Turkmenistan und Aserbaidschan - aus denselben Quellen also, die auch Nabucco anzapfen will. Mit beiden Ländern ist Russland inzwischen im Geschäft. Sollte Gazprom, das sein Projekt gemeinsam mit dem italienischen Energieversorger Eni vorantreibt, Aserbaidschan und Turkmenistan noch enger an sich binden können, hätte dies Folgen für das Nabucco-Konsortium um OMV und RWE: Denn woher sollen 31 Millionen Kubikmeter Gas im Jahr kommen, wenn nicht genügend Lieferanten bereit stehen?

Hinzu kommt, dass - zumindest kurzfristig - die Zahl der potenziellen Verhandlungspartner mit jedem Regime sinkt, das die Auswirkungen der Bürgerproteste in Nordafrika und dem Nahen Osten zu spüren bekommt. In Ägypten, Jemen und in Bahrein hat sich das Volk bereits erhoben. Und im sozialen Netzwerk Facebook wird für den 11. März zu einem "Tag des Zorns in Saudi-Arabien" aufgerufen. Ihren ersten "Tag des Zorns" haben mehreren zehntausend Menschen, die im Irak gegen Korruption und das Fehlen staatlicher Dienstleistungen protestierten, bereits hinter sich.

Das Nabucco-Konsortium indes zeigt sich von den Unruhen wenig beunruhigt. "Wir sehen für das Nabucco-Projekt keine Auswirkungen", sagt Christian Dolezal, Sprecher der Nabucco Gas Pipeline International GmbH. Diese Einschätzung teilen auch die Sprecher der OMV und der RWE. Wichtig für die Investitionsentscheidung über den Bau der Pipeline sei "vor allem der Abschluss von Gaslieferverträgen", sagt OMV-Sprecher Sven Pusswald. Und Nabucco-Sprecher Christian Dolezal betont, dass "allein Aserbaidschan über genügend Reserven verfügt, um Nabucco beinahe im Alleingang zu füllen."

Vertrag mit Aserbaidschan soll im März unterschrieben werden

Bis März war die Vertragsunterzeichnung mit Aserbaidschan bislang angekündigt. Die Verträge mit den Verhandlungspartnern im Nordirak und in Turkmenistan sollten folgen. Doch selbst wenn die russischen Störfeuer gelöscht und die Lieferanten an Verträge gebunden sein sollten, ergeben sich inzwischen weitere Herausforderungen für die Projektpartner.

So schnellen die Baukosten von Nabucco in die Höhe. 4,6 Milliarden Euro sollte die Pipeline einst kosten. Daraus wurden bald 7,9 Milliarden Euro. Ein Drittel der Finanzierung soll nach bisherigen Angaben von den Anteilseignern aufgebracht werden, der Rest des Geldes von institutionellen Geldgebern und privaten Banken.

Bis Mitte 2011 wollen beispielsweise die Weltbank, die Europäische Investitionsbank und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung Finanzhilfen für das Projekt prüfen. Bislang waren die Beteiligten davon ausgegangen, dass dadurch rund die Hälfte der Projektkosten finanziert werden könnten - was bis zuletzt rund vier Milliarden Euro entsprach.

Mitte Februar hat der am Bau der Infrastruktur beteiligte Energiekonzern BP die Kostenschätzung indes erneut angepasst - auf 14 Milliarden Euro. Der Grund: Für die Rohrleitungen werden rund zwei Tausend Tonnen Stahl verbaut. Und die Preise für Eisenerz kennen derzeit - so wie die des Öls - nur eine Richtung: nach oben.

Die EU hat schon einen Plan B

Dass ausgerechnet die Erdgaspreise sich seit einiger Zeit vom Ölpreis entkoppelt haben, ist für das Nabucco-Konsortium ein weiteres Dilemma. Ein Grund für den im Vergleich zum Erdöl günstigen Gaspreis ist der Abbau so genannter "unkonventioneller Gasvorkommen". Unkonventionell werden diese Vorkommen deshalb genannt, weil das Gas in ihnen nicht in durchlässigen Gesteinsschichten wie im Nahen Osten schlummert, sondern in kleinsten Poren und Bruchzonen im Gestein.

Die größten Vorkommen sind im weltweit vorhandenen Schiefergestein eingeschlossen. Selbst in Nordrhein-Westfalen gibt es davon so viel, dass allein dort neun verschiedene Unternehmen Probebohrungen durchführen oder dies planen. Jeder Fund wirkt sich auf den Gaspreis in Europa aus - und damit auf die Rentabilität von Pipelines wie Nabucco.

Der Ausbau von Häfen, in denen Flüssiggas aus aller Welt in riesigen Tankern über das Meer nach Europa gebracht werden kann, könnte die Gaspreise und damit Pipelinebetreiber darüber hinaus unter Druck setzen - zumal wenn sie, wie der RWE-Konzern, selbst an entsprechenden Terminals beteiligt sind.

Auch die Vertreter der Europäischen Union sorgen sich mittlerweile um Nabucco. Schließlich plant die EU bislang, das von ihr politisch unterstützte Projekt mit rund 200 Millionen Euro zu subventionieren.

Die politische Unterstützung haben RWE , OMV  & Co. zwar weiterhin sicher. Zuletzt sprachen die Staats- und Regierungschefs der EU sich bei einem Treffen Anfang Februar aber lediglich für einen Ausbau des "südlichen Korridors" aus. Gleichzeitig hat die EU-Kommission die Anteilseigner inzwischen gebeten, nach möglichen Kooperationspartnern Ausschau zu halten. Wichtigstes Ziel: Kosten sparen.

Um dies zu erreichen, könnte das Nabucco-Konsortium beispielsweise mit den Betreibern der Transadria-Pipeline (TAP) oder dem Konsortium Interkonnektor Türkei-Griechenland-Italien (ITGI) kooperieren, die den Ausbau ihrer südeuropäischen Leitungsnetze planen. So soll die ITGI künftig kaspisches Gas über die Route Türkei-Griechenland-Italien liefern. Über die TAP soll künftig auch Gas über Griechenland und Albanien in den Südosten Italiens gepumpt werden.

Eine Kooperation mit den "South Stream"-Eignern Gaszprom und Eni gilt indes als ausgeschlossen - nicht nur wegen des Strebens nach Unabhängigkeit gegenüber russischem Gas. Einen noch wichtigeren Grund nannte Stephan Judisch, Gas-Chef des Nabucco-Planers RWE, jüngst in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung: "Es gibt wirtschaftlich keinen Platz für beide Projekte."

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