Tote in Libyen Gaddafi-Sohn droht mit Bürgerkrieg

In Libyen haben die Proteste gegen das Regime von Muammar al-Gaddafi die Hauptstadt Tripolis erfasst. Die Sicherheitskräfte gingen gewaltsam gegen die Demonstranten vor, inzwischen sollen 200 Menschen getötet worden sein. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das Vorgehen der Polizei scharf verurteilt. 
Tripolis in Flammen: Regimegegner haben offenbar Regierungsgebäude in Brand gesetzt

Tripolis in Flammen: Regimegegner haben offenbar Regierungsgebäude in Brand gesetzt

Foto: AP/ Libyan state television

Tripolis/Berlin/London - Oppositionsanhänger brannten in der Nacht zu Montag in de libyschen Hauptstadt Tripolis das Gebäude des Volkskongresses nieder. Nach Augenzeugenberichten soll das Gebäude des staatlichen Fernsehens geplündert worden sein. Die Lage in dem nordafrikanischen Land blieb unübersichtlich.

Gaddafis Sohn Saif al-Islam, der als Nachfolger der Präsidenten gehandelt wird, hatte in der Nacht in einer Fernsehansprache vor einem Bürgerkrieg gewarnt und einen Kampf bis zum Ende angekündigt. Er sagte, die Führung sei bereit zu Reformen. Sie wolle aber, falls nötig, bis zum letzten Mann kämpfen. Unklar blieb, wo sich Gaddafi und seine Familie aufhalten. Das Parlament, der Allgemeine Volkskongress, sollte am Montag zusammenkommen und über Reformen beraten.

Nach Angaben von Einwohnern der Stadt waren bis zum frühen Morgen Schüsse zu hören gewesen. Zahlreiche Polizeistationen der Hauptstadt standen am Morgen in Flammen, wie ein Korrespondent des Fernsehsenders al-Dschasira berichtete. Menschenrechtsgruppen hatten am Wochenende von etwa 150 Toten bei den tagelangen Aufständen gesprochen. In der Nacht und am Montag sollen noch einmal über 60 Menschen getötet worden sein, berichtet der arabische Sender al-Dschasira.

Demonstranten haben offenbar einige Städte unter ihre Kontrolle gebracht

Nach unbestätigten Meldungen sollen sich die Sicherheitskräfte aus mehreren Städten zurückgezogen haben. Die Demonstranten, die am vergangenen Mittwoch mit ihren Protesten gegen die Staatsführung begonnen hatten, haben demnach einige Städte weitgehend unter ihre Kontrolle gebracht. Im Osten hätten kriminelle Banden das Machtvakuum für Plünderungen ausgenutzt.

Bis zum Morgen hingen Tränengasschwaden in der Luft. Der Flughafen Tripolis war am Montag noch geöffnet. Dem Vernehmen nach bereiteten sich zahlreiche Ausländer auf die Ausreise vor. Westliche Firmen sind vor allem im libyschen Energiesektor sowie im Baugeschäft tätig. Auch etwa 500 Deutsche leben in dem nordafrikanischen Land, darunter auch viele Deutsche mit doppelter Staatsbürgerschaft.

Das Auswärtige Amt in Berlin warnt nun vor Reisen in den Osten des Landes. Auf seiner Internetseite empfahl das Ministerium ausdrücklich, Bengasi, die zweitgrößte libysche Stadt, zu meiden. Grundsätzlich wird geraten, von Reisen nach Libyen abzusehen. Allen Deutschen, die sich derzeit noch in dem nordafrikanischen Land aufhalten, wird die Ausreise empfohlen. Eine förmliche Reisewarnung für ganz Libyen gab es aber noch nicht.

Bundeskanzlerin Merkel verurteilt gewaltsames Vorgehen

Die Bundesregierung hat das Vorgehen der staatlichen Einsatzkräfte gegen die Opposition in Libyen scharf verurteilt. Die Sicherheitskräften gingen offenbar mit großer Brutalität gegen Demonstranten vor, sogar Scharfschützen seien anscheinend gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt worden, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. "Das alles ist auf das Schärfste zu verurteilen.

Die Bundeskanzlerin persönlich ist über diese Entwicklung bestürzt." Die Bundsregierung appelliere an die libysche Führung, allen Versammlungsfreiheit zu gewähren, die gewaltlos demonstrieren wollten. "Und suchen Sie den Dialog mit der Bevölkerung!", sagte Seibert.

Am Montag beraten auch die Außenminister der EU in Brüssel über die Entwicklung in Libyen, wo sich die Proteste auf die Hauptstadt Tripolis ausgeweitet haben. Ein Reuters-Reporter berichtete, dass auch ein zentrales Regierungsgebäude dort in Flammen steht.

Der libysche Vertreter bei der Arabischen Liga in Kairo, Abdulmoneim al-Honi hatte am Sonntagabend aus Protest gegen die Schüsse auf Demonstranten seinen Rücktritt erklärt. "Ich habe keine Beziehung zu diesem Regime, das jede Legitimität verloren hat", zitierten ihn arabische Medien.

Unternehmen ziehen Mitarbeiter ab

Wegen der anhaltenden Proteste ziehen immer mehr internationale Unternehmen ihr Personal aus dem nordafrikanischen Land ab. Der norwegische Ölkonzern Statoil begann am Montag, "eine Handvoll" ausländische Beschäftigte außer Landes zu bringen, wie ein Sprecher in Oslo sagte. Der Sitz des Unternehmens in der Hauptstadt Tripolis sei geschlossen worden. Auch der italienische Luftfahrt- und Rüstungskonzern Finmeccanica  brachte knapp zehn ausländischen Mitarbeiter aus dem Land.

Der britische Ölkonzern BP bereitete eine mögliche Evakuierung binnen 48 Stunden vor. Im Falle einer Evakuierung müssten auch laufende Bohrungen im Westen des Landes eingestellt werden, sagte ein BP-Sprecher. Der Konzern beschäftigt in Libyen 140 Mitarbeiter, 40 davon sind Ausländer.

Libyen ist nach Nigeria, Algerien und Angola der viertgrößte Ölproduzent in Afrika. Das Mitglied der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) fördert täglich rund 1,8 Millionen Barrel (je 159 Liter) Öl. Der Großteil des libyschen Öls wird nach Europa exportiert.

Die Unruhen in dem Land trieben den Ölpreis für die Nordseesorte Brent am Montag über die Marke von 105 Dollar pro Barrel - der höchste Stand seit Ende September 2008. In letzter Zeit hat Libyen auch das verstärkte Erschließen seiner Gasvorräte begonnen. Zuletzt führte Libyen zehn Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr aus.

mg/dpa-afx/rtr

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