EU-Regulierung "Der Wirtschaftsprüfer dient nicht nur dem Vorstand"

Die EU-Kommission will Wirtschaftsprüfer an die kurze Leine nehmen. Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher des Instituts der Wirtschaftsprüfer, spricht im Interview über die Kommissionsvorschläge, Unabhängigkeit der Prüfer, Trennung von Prüfung und Beratung sowie über geeignete Vertragspartner.
Von Kristian Klooß
Ernst & Young in Berlin: In Deutschland dominieren die "Big Four" (E&Y, PwC, Deloitte und KPMG) den Beratermarkt. Die EU-Kommission denkt nicht nur über eine stärkere Trennung von Prüfung und Beratung, sondern auch über eine staatliche Vergabe von Mandaten nach

Ernst & Young in Berlin: In Deutschland dominieren die "Big Four" (E&Y, PwC, Deloitte und KPMG) den Beratermarkt. Die EU-Kommission denkt nicht nur über eine stärkere Trennung von Prüfung und Beratung, sondern auch über eine staatliche Vergabe von Mandaten nach

Foto: dapd

mm: Herr Naumann, in Brüssel vertreten Sie in diesen Tagen die Interessen von mehr als 13.000 Wirtschaftsprüfern in Deutschland. Was erhoffen Sie sich von der Konferenz?

Naumann: Wir müssen uns ergegenwärtigen, für wen der Abschlussprüfer eigentlich tätig ist. Er ist nicht in erster Linie für den Vorstand da. Er dient genauso den Anlegern, Fremdkapitalgebern, dem Fiskus und allen anderen Stakeholdern. Diese Orientierung ist in der Abschlussprüfung in den vergangenen Jahren verlorengegangen.

mm: Was stört Sie daran?

Naumann: Ich muss mir als Prüfer überlegen, ob der Abschluss die wichtigen Entwicklungen, Chancen und Risiken eines Unternehmens abbildet. Damit ich diese Frage beurteilen kann, muss ich als Prüfer das Geschäftsmodell hinterfragen. Wenn der Vorstand eines Unternehmens nun einerseits das Geschäftsmodell festlegt und andererseits den Prüfungsauftrag vergibt, dann besteht die Gefahr, dass die Prüfung unkritischer ausfällt. Es wäre daher besser, wenn beispielsweise der Aufsichtsrat zum Vertragspartner des Abschlussprüfers würde.

mm: Aber es kann doch nicht die Aufgabe eines Wirtschaftsprüfers sein, die Güte eines Geschäftsmodells zu prüfen?

Naumann: Darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass sich der Prüfer die Frage stellen muss, ob die aus dem verfolgten Geschäftsmodell möglichen Risiken in der gesetzlichen Rechnungslegung auch ordnungsgemäß abgebildet sind. Ob ein Geschäftsmodell gut oder schlecht ist, das haben wir nicht zu beurteilen.

mm: Und doch schielen viele Prüfungsgesellschaften nach zusätzlichem Geschäft in der klassischen Wirtschaftsberatung. Erst im November wollte die Wirtschaftsprüfung Deloitte das deutsche Beratungsunternehmen Roland Berger übernehmen. Die Europäische Kommission hat in ihrem auf der Konferenz diskutierten Grünbuch zur Abschlussprüfung nun den Vorschlag unterbreitet, Prüfung und Beratung streng zu trennen. Was halten Sie davon?

Naumann: Zunächst muss die obligatorische prüfungsnahe Beratung von der hier diskutierten Unternehmensberatung getrennt werden. Was Letzteres betrifft, glaube ich, dass Wirtschaftsprüfungsunternehmen wertvolle Beratungsdienstleistungen anbieten können. Umgekehrt sammeln sie dabei auch Know-how, das sie an anderer Stelle in der Prüfung einsetzen können. Das führt zu Effizienzvorteilen.

"Joint Audits kosten rund 20 Prozent mehr"

mm: In Brüssel wird auch diskutiert, ob ein gesetzlicher Wechsel von Prüfern nach sieben oder zehn Jahren sinnvoll ist. Wie sehen das Ihre Mitgliedsunternehmen?

Naumann: Hier muss man zunächst einmal zwei Aspekte trennen: das Qualitätskriterium und die Marktauswirkungen. Was die Qualität betrifft, so würde mit einem abrupten Prüferwechsel viel Know-how verloren gehen. Untersuchungen haben ergeben, dass das Risiko von Fehlurteilen von Abschlussprüfern besonders dann steigt, wenn sie einen neuen Mandanten betreuen. Dieses Qualitätskriterium wird im Grünbuch auch anerkannt. Was die Marktauswirkungen betrifft, darf ich Ihnen sagen, dass nicht einmal ein Zehntel unserer Mitglieder für die so genannte externe Rotation eintritt.

mm: Blicken wir mal nach Frankreich. Dort sind so genannte Joint Audits üblich. Das heißt, Prüfungsgesellschaften sind verpflichtet, sich ein Mandat zu teilen. Können Sie sich wenigstens für diesen Vorschlag der Europäischen Kommission erwärmen?

Naumann: Solche Joint Audits machen in verschiedenen Fällen Sinn. Zum Beispiel bei einer Verschmelzung von zwei Unternehmen. Die Fusion von Thyssen und Krupp war so ein Beispiel. Krupp wurde vorher von PwC geprüft, Thyssen von KPMG. Beide blieben dabei, weil sie vorher die jeweiligen Einzelunternehmen geprüft hatten. Ein anders Beispiel ist die Deutschen Telekom . Dort gab es nach der Privatisierung des Unternehmens lange eine Diskussion über die Ordnungsmäßigkeit der Abschlüsse, insbesondere bei der Immobilienbewertung. Um im Falle eines Prüfungsfehlers nicht ohne Prüfer dazustehen, hat sich die Telekom für ein Joint Audit entschieden …

mm: … das sie inzwischen beendet hat. Aus Effizienzgründen?

Naumann: Hier lohnt in der Tat ein Blick nach Frankreich. Von unseren französischen Kollegen hören wir, dass ein Joint Audit um ungefähr 20 Prozent teurer ist. Diese Angaben erscheinen mir durchaus realistisch zu sein. Denn jeder Prüfer muss am Ende die Verantwortung für das gesamte Prüfungsurteil übernehmen, weshalb sich die Prüfungsarbeit nicht exakt teilen lässt. Die Mehrarbeit für beide Prüfer findet sich am Ende im Honorar wieder.

mm: Dafür geben sich in Frankreichs Großkonzernen nicht ausschließlich Deloitte, Ernst & Young, KPMG und PwC die Klinke in die Hand. In Deutschland hingegen schon. Werden solche Prüfungsgesellschaften nicht irgendwann systemrelevant?

Naumann: Nein, überhaupt nicht. Keine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft ist systemrelevant. Warum sollte eine Prüfungsgesellschaft "too big to fail" sein? Die Post-Enron-Phase, in der Arthur Andersen vom Markt verschwand, war doch der beste Beweis dafür.

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