Ägypten im Umbruch "Ich sehe echte Geschäftschancen"

Nach fast zwei Wochen des Volksaufstands in Ägypten scheint die Zeit des Mubarak-Regimes abgelaufen. Sollten sich künftig demokratischere Strukturen entwickeln, so ergäben sich daraus erhebliche Chancen für deutsche Unternehmen, meint Ökonom und Ägypten-Experte Erich Zahn.
Kairo am Sonntag: Nach einer Woche der Aufstände öffnen die Banken wieder - und viele Menschen können es offenbar nicht erwarten, ihr Geld abzuheben

Kairo am Sonntag: Nach einer Woche der Aufstände öffnen die Banken wieder - und viele Menschen können es offenbar nicht erwarten, ihr Geld abzuheben

Foto: Ahmed Khaled/ dpa

mm: Herr Professor Zahn, die Menschen in Ägypten scheinen der zwischenzeitlichen Ruhe nicht wirklich zu trauen. Am Sonntag bildeten sich nach einwöchiger Schließung lange Schlangen vor Kairos Banken, die wieder öffneten.

Zahn: Man könnte das als ein erstes Zeichen der Beruhigung interpretieren. Aber eine Prognose ist da sehr schwierig. Die ägyptische Gesellschaft ist sehr komplex. Sollten die Auseinandersetzungen auf der Straße wieder aufflammen, kann man für nichts garantieren. Die Gefahr, dass der islamische Fundamentalismus jetzt in Ägypten um sich greift, kann ich derzeit aber nicht erkennen.

mm: Verhaltener Optimismus also. Sehen Sie für die Ära Mubarak noch eine Zukunft?

Zahn: Die Tage von Mubarak sind aus meiner Sicht gezählt. Jetzt stellt sich vor allem die Frage, wie der Übergang gestaltet werden kann. In wenigen Wochen könnte die Welt in Ägypten schon ganz anders aussehen. Und sie wird dann hoffentlich eine demokratischere sein.

mm: Wie sieht das die ägyptische Wirtschaft?

Zahn: Viele Menschen aus Industrie, Wirtschaft und höheren Bildungsschichten, die ich kenne, wünschen sich mehr Demokratie. 30 Jahre Mubarak, der zeitlebens mit Sondergesetzen herrschte, sind in ihren Augen genug. Das muss jetzt endlich aufhören.

mm: Fühlte sich die Wirtschaft unter Mubarak gegängelt oder behindert?

Zahn: Das glaube ich eher nicht. Mubarak hat politisch in dieser Region für mehr Stabilität und Verlässlichkeit gesorgt. Dafür waren die Amerikaner und Europäer sehr dankbar. Zwar bremst ein Dickicht von Verordnungen und Bürokratie die Unternehmen immer wieder aus. Im Vergleich zu anderen arabischen Staaten wie Iran, Irak oder Syrien haben sie in Ägypten aber relativ viel Freiheiten. Gleichwohl hofft die Wirtschaft, dass sich die Situation nach einem politischen Umschwung noch deutlich verbessert.

mm: Mehr Demokratie in Ägypten könnte also auch zu einer liberaleren Wirtschaftsverfassung des Landes führen?

Zahn: Ja, das ist hier die große Hoffnung, dass sich mit politisch demokratischeren Strukturen auch für die Wirtschaft und ihre Unternehmen einiges verbessert. Es ist auch wissenschaftlich erwiesen, dass demokratische Strukturen und wirtschaftlicher Erfolg stark positiv korrelieren können.

mm: Sollte es so kommen, sehen Sie dann neue Märkte, neue Geschäftschancen, die deutsche Unternehmen verstärkt in Angriff nehmen sollten?

Zahn: Der gesamte Dienstleistungsbereich, besonders die Tourismuswirtschaft, verschiedene Zulieferindustrien, die Nahrungsmittel- und die Textilindustrie oder auch die Energieproduktion - all dies sind hoch interessante Bereiche, die deutsche Unternehmen zusammen mit ägyptischen Partnern verstärkt in Angriff nehmen könnten. Hier sehe ich echte Geschäftschancen.

mm: Mit welchen Erfolgsaussichten?

Zahn: Mit vergleichsweise guten, das geht aber nicht von heute auf morgen. Sie dürfen nicht vergessen: Ägypten ist ein Land mit rund 85 Millionen Einwohnern, gut die Hälfte ist jünger als 25 Jahre. Es gibt zwar bereits viele junge qualifizierte - aber auch viele arbeitslose - Menschen und eine zusehends wachsende Mittelschicht. Das Wohlstandsniveau ist aber noch relativ niedrig und das Wohlstandsgefälle wiederum sehr stark. Eine stärkere wirtschaftliche Liberalisierung wird das verfügbare Einkommen breiter Bevölkerungsteile mittelfristig aber signifikant steigern und ihre Nachfrage als Konsumenten erhöhen. Damit werden sich dann auch für ausländische Unternehmen in Ägypten interessante Märkte in ganz verschiedenen Bereichen entwickeln.

mm: Herr Professor Zahn, Sie sind Gründungsdekan der noch jungen "German University in Cairo". Wie ist die Situation in der Universität zurzeit? Findet überhaupt regulärer Lehrbetrieb statt?

Zahn: Nach meinen Informationen lag bis Ende dieser Woche der reguläre Universitätsbetrieb mit gut 8000 Studenten weitgehend lahm. Die ägyptischen Kollegen sind wegen der Entwicklung auch sehr beunruhigt. Am heutigen Sonntag habe ich allerdings erfahren, dass die GUC ihren Betrieb wieder aufgenommen hat.

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